Upcycling mit Anleitung: Am Seil hängt das Leben

Fünf Jahre war das Kletterseil ein treuer Begleiter. In seinem zweiten Leben ist es eine Obstschale. Wir zeigen, wie das geht.

Zwei Birnen in einer Schale aus Seil

Früher hielt es Menschenkörper, nun hält es Früchte zusammen Foto: Christina Spitzmüller

Klettern? Mach ich nicht. Ich mag keinen Sport, keine Natur, und Höhenangst hab ich auch noch. Aber seit Klettern in Mode gekommen ist, kenne ich kaum noch Leute, die nicht klettern oder zumindest bouldern (das ist Klettern ohne Sicherung an kleineren Felsen oder einer Kletterwand). Klettern scheint das Wandern für Coole zu sein. Eine Bekannte war neulich sogar auf einer Kletter-WG-Party, die damit endete, dass die Anwesenden den Esstisch von allen Seiten bekletterten. Ja, es war Alkohol im Spiel.

Ein Freund von mir ist Kletterer. Er fing damit schon an, als es noch keine Trendsportart war. Kürzlich musste er sich ein neues Seil besorgen. Das alte war abgenutzt. Damit das Seil wirklich sicher ist, muss es alle vier bis fünf Jahre ausgetauscht werden, sagen die Hersteller.

Gekauft hatte der Kletterer es für ein Wochenende im slowenischen Osp; nicht sein erster Kletterurlaub, aber der erste mit eigenem Seil. Beim Klettern benutzt man nämlich immer zu zweit ein Seil – einer klettert und einer sichert von unten ab. Wenn der Kletterer dann an einem bestimmten Punkt angekommen ist, zieht er seinen Partner nach und sichert ihn dabei. In Osp waren aber keine anderen Kletterer mit eigenem Seil dabei.

Kletterer leihen ihre Kletterseile nicht aus; schließlich hängt vom Seil im Zweifelsfall das Leben ab. Also ging der Kletterer einen Tag vor dem Urlaub in den Outdoorladen und kaufte sich 60 Meter Kletterseil.

Osp liegt zwei Kilometer hinter der italienischen Grenze, in der Nähe von Triest. Nicht einmal 200 Menschen leben hier, es gibt mehr Kletterouten als Einwohner, für jeden Schwierigkeitsgrad ist was dabei. Eine Felswand führt einmal ums Dorf und schließt Osp wie einen Kessel ein. Wenn man im Dorf steht, sieht man ringsum kleine Punkte an den Felsen. Und überall im Dorf und auf dem Campingplatz, der mitten in der Natur liegt, verkaufen die Einheimischen Wein aus großen Fässern – roten Wein, weißen Wein, vor allem aber guten Wein.

Eine Frage des Vertrauens

Die Erinnerung an den Wein ist das, was vom Urlaub hängen geblieben ist. Und die Geschichte von der Kletterfreundin, die nicht mehr runterwollte vom Felsen. Sie hat Höhenangst. Hochklettern funktionierte noch ganz gut. Aber oben bekam sie Panik, inklusive Heulattacke. Natürlich musste sie trotzdem wieder runter. Sie schaffte es. Und sie klettert weiter, bis heute.

Die Berliner Polizei macht mit, die Polizei Hamburg auch. Seit Kurzem ist auch die Wache in Franken auf Facebook und Twitter. Werden Ordnungshüter jetzt #likeable? Außerdem in der taz.am wochenende vom 13./14. Mai: die Wahl im Iran. Präsident Rohani hat gute Chancen auf eine zweite Amtszeit. Eine Reportage aus Teheran und Karadsch. Und: Diana Kinnert ist 26, tätowiert, lebensfroh, lesbisch und das It-Girl der CDU. Ein Gespräch über Partys, Politik und Tod. Das alles – am Kiosk, eKiosk oder im praktischen Wochenendabo.

Das Wichtigste beim Klettern sei das Vertrauen, sagt der Kletterer: Vertrauen ins Seil und Vertrauen in denjenigen, der den Kletternden sichert. Deswegen verleiht auch der Kletterer sein Seil nicht an Freunde. Schließlich wisse man nie, was dann wirklich passiert mit dem Seil. Ob es scharfe Kanten gegeben hat auf der Strecke, ob jemand mit dem Seil gestürzt ist, all so was.

Osp war das erste Kletterwochenende mit dem Seil. Danach war es noch in Steinbrüchen um Halle herum, am italienischen Gardasee, in der Sächsischen Schweiz, im Oberrheintal in Süddeutschland dabei. Fünf Jahre lang war es der treue Begleiter des Kletterers. Es ist ihm ans Herz gewachsen, sagt er.

Ein kleiner Rest ist für mich übrig geblieben, um schönen Müll daraus zu machen: Eine Seilschale, die eigentlich als Obstschale gedacht war und jetzt im Flur des Kletterers steht. Schlüssel und Fahrradlichter werden darin aufbewahrt. Und Erinnerungen.

Anleitung

1. Für eine Schale mit einem Durchmesser von zwanzig Zentimetern brauchen Sie etwa drei Meter Seil.

2. Das Seil gut auswaschen, von Hand mit warmem Wasser und Spülmittel oder in der Waschmaschine. Danach gut trocknen lassen.

3. Mit einem Feuerzeug zunächst ein Ende des Seils versiegeln. Dabei die Flamme nicht zu nah an das Seil kommen lassen, da die Kunststofffasern sonst verkohlen und schwarz werden – lieber langsam und mit größerem Abstand vorgehen. Vorsichtig den noch heißen Kunststoff mit einem angefeuchteten Finger in Form drücken.

4. Nun wird genäht, von Hand. Sie brauchen eine stabile, nicht zu dünne Nadel und einen reißfesten Faden – sollen die Nähte unsichtbar sein, können Sie einen Nylonfaden benutzen.

5. Rollen Sie das versiegelte Seilende zu einer kleinen, flachen Schnecke auf. Nähen Sie die nun jeweils aneinanderliegenden Seiten des Seils zusammen. Wichtig ist, nur durch den Mantel, also die äußere Schicht des Seils zu nähen, denn der innen liegende Kern ist sehr dicht gewebt. Führen Sie die Nadel durch den Mantel des einen Seilstücks, und dann zurück durch den Mantel des daneben liegenden Seilstücks. Es geht einfacher, wenn Sie dabei mit der Webstruktur des Mantels gehen.

6. Rollen Sie die Schnecke ein wenig weiter und nähen Sie die neu entstandenen Abschnitte wie beschrieben fest. Dabei darauf achten, dass der Faden nicht zu locker geführt wird, da die Schale sonst später nicht stabil ist. So Stück für Stück weiterrollen und -nähen, bis die gewünschte Grundfläche erreicht ist.

7. Für die Seitenwände geht es in die Höhe. Legen Sie das Seil also nicht mehr flach an der Außenseite der Grundfläche an, sondern leicht schräg nach oben. Die Nähtechnik bleibt gleich.

8. Ist auch die gewünschte Höhe erreicht, schneiden Sie das Seil ab und versiegeln das Ende wie oben beschrieben. Nun das Seil­ende festnähen. Fertig.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de