Unter Reichen: Man spielt Tennis

In Hamburgs Elbvororten leben die meisten Vermögenden. Wie ist es, dort aufzuwachsen, einen Habitus anzunehmen, der einem Tür und Tor öffnet?

Ein Weg zwischen dichten grünen Hecken, im Hintergrund ist das Dach eines Hauses zu entdecken

Ortsspezifische Selbstverständlichkeiten: Man fährt Ski, übt Klavier und Geige Foto: Miguel Ferraz

Ich kann mich noch sehr gut an das Missgeschick erinnern. Es passierte in irgendeinem Sommer, als ich um die neun Jahre alt war. Ich hatte auf der Übungswiese ein paar Bälle geschlagen und wartete danach auf dem Parkplatz auf meinen Vater, der noch mit einem Caddy quatschte. Aus Langeweile zog ich einen Golfball aus der Tasche, warf ihn in die Luft, ließ ihn auf dem Boden aufspringen und fing ihn wieder auf.

Ich war ein ganz normales Kind der Hamburger Elbvororte und machte mir wenig Gedanken. Ich lebte in der ortsspezifischen Selbstverständlichkeit des „man“: Man spielt hier Tennis, Hockey, Golf, man fährt Ski, zwischendurch übt man Klavier oder Geige – und man kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Großteil der Bewohner dieser Stadt nicht zu diesem „man“ dazugehört.

Und doch hatte ich manchmal das Gefühl, meine Familie gehörte selbst nicht ganz zu dieser Elbvorort-Welt. Nach einer Partie Tennis, nach einer Runde Golf setzten wir uns nie auf die Terrasse des Clubs, und dass mein Vater lieber mit einem Platzwart als mit dem Clubmeister sprach, war mir auch nicht verborgen geblieben. Wir und reich, wohlhabend, privilegiert? Das konnte ja nicht sein.

Reich das waren die anderen, diejenigen, die wir Kinder Bonzen nannten: die einen Swimmingpool im Keller hatten und im Garten auch einen, in deren Haus eine englischsprachige Supernanny herumhüpfte, die dunkle Autos fuhren, deren Geschwindigkeitsanzeige bis 260 reichte, und in deren Küche, die so groß war wie unser Wohnzimmer, zwei Meter hohe Kühlschränke darauf warteten, per Knopfdruck Eiswürfel in Longdrink-Gläser zu spucken.

Wir und wohlhabend? Das konnte wirklich nicht sein. Wenn wir ausnahmsweise mal ein Eis essen gingen, gab es für uns Kinder immer nur eine Kugel, nie, nie, nie den Spaghetti­eis-Teller! Eigene Anziehsachen wurden mir auch nicht gekauft, alles kam von meinem Bruder, der es von unserem Cousin mütterlicherseits hatte, der es von seinem Cousin väterlicherseits …

Meiner Schwester war die Karre peinlich

Und dann war da noch unser Auto: Ein roter Polo, den schon meine Tante gefahren hatte und auf dessen Dach eine Art Moos gedeihte! Meiner Schwester war die Karre so peinlich, dass sie lieber, musste sie irgendwo hingebracht werden, eine Ecke vor dem Ziel ausstieg, um nicht gesehen zu werden.

Mich störte das Auto weniger, ich war schon lange ausgestiegen, und zwar aus meiner Autophase, damals, als ich mit sechs zur Schule zu radeln begann. Aber an jenem Sommertag auf dem Parkplatz, als ich auf meinen Vater wartete, stach mir der Zustand unseres Autos doch stark ins Auge, das Moos auf dem Dach, der rostige Stoßdämpfer, das zerschlissene Polster der Rückbank.

Jedenfalls entschied ich mich, nachdem ich den Golfball ein weiteres Mal in die Höhe geworfen und ihn auf dem Boden hatte aufprallen lassen, wo er aufgrund einer Unebenheit schräg weggesprungen war, um auf der Kühlerhaube eines Jaguar zu landen, die Beule im Blech lieber nicht gesehen zu haben. Ich wollte meine Eltern schließlich nicht in finanzielle Schwierigkeiten bringen. Nachher müssten sie noch, so dachte ich, wie bei Monopoly zur Begleichung des Schadens eine Hypothek auf unser Haus aufnehmen. Wofür sie bestimmt nicht viel bekommen hätten.

„Wir hatten es nicht leicht, eingekeilt zwischen Bornern und Bonzen! Wo gehörten wir hin?“

Ich hielt das Haus für eine Bruchbude, es stammte tatsächlich aus einem anderen Jahrhundert. Der Krempel darin schien mir ziemlich angestaubt, Stühle mit seltsam geschwungenen Lehnen, Sessel, deren kurze Beine in Löwenfüßchen ausliefen, dazu Ölschinken an den Wänden und Drucke, auf denen Putten herumtollten oder die Helden der Ilias sich in Pose warfen. Wie sehr beneidete ich da meinen Freund Dennis! Er wohnte in einiger Entfernung in einem großen modernen Wohnblock. Mit Aufzug! Im zehnten Stock! Mit Imbissbuden statt Bäumen gleich vor der Haustür! Wir waren nicht nur unterprivilegiert, wir lebten auch am falschen Ort.

Ein Jahr danach kam ich aufs Gymnasium. Einen so schwer aussprechbaren Nachnamen wie Dennis hatte unter meinen Klassenkameraden niemand. Was aus Dennis geworden ist, weiß ich nicht. Die Wege trennten sich nach der Grundschule und das war’s. Nur einmal noch, vier, fünf Jahre später, bin ich ihm begegnet. Es war abends, bei irgendeiner Party und es war gut, dass ich ihn kannte, denn er war ziemlich kräftig geworden, hatte ein paar Jungs mitgebracht, die es auch waren, und schien sich umzusehen, was er mit seiner Kraft anfangen sollte.

Auch in das Viertel, der Osdorfer Born, in dem Dennis lebte, kam ich nicht mehr. Es spielte in unserem Alltag dennoch eine Rolle. Wenn sich einer aus unser Klasse daneben benahm, rülpste oder sonst wie rüpelte, sagten wir: „Ey, du Borner!“ Wir benutzten das ortsspezifische Herkunftsmerkmal schlicht als Synonym für das Wort „Proll“.

Wir hatten es damals wirklich nicht leicht, eingekeilt zwischen Bornern und Bonzen! Wo gehörten wir hin?

„Ich wette, ihr könnt auch Latein!“

Zwei, drei Jahre später, mit siebzehn, achtzehn, entdeckten wir St. Pauli. Die Bars, die Musik, die Melange aus unterschiedlichsten Menschen: Das zog uns alles unwiderstehlich an (das Ausgezogene schreckte uns hingegen sehr). Auf St. Pauli schienen die klaren räumlichen Grenzen zwischen den unterschiedlichen sozialen Welten aufgehoben. Was auch hieß, dass ich erst auf St. Pauli wieder mit dem Born in Berührung kam.

Eines Nachts stand ich mit zwei Freunden in einer Billo-Pizzeria am Hans-Albers-Platz herum. Wir hatten einiges getrunken und sprachen sehr angeregt über Literatur, Kunst oder Politik, im Gefühl, wir seien selbst Literaten, Künstler, Politiker. Zwei Jugendliche hörten uns am Nebentisch eine Weile zu. „Ich habe echt Lust, euch gleich eins auf die Fresse zu geben“, sagte der eine. Der andere: „Ich wette, ihr könnt auch noch Latein!“

Er hatte leider recht. Wir zogen es deshalb vor, uns zu retirieren – mit einem gepflegten „Salve“ als dem Einzigen, was hängengeblieben war vom Latein, das man uns über Jahre einzuprügeln versucht hatte. Aber es ging ja nicht ums Wissen, wie wir später feststellten, wir Lateiner! Es ging um den Habitus, der uns Tür und Tor öffnen würde. Auch auf St. Pauli. Etwa in den Bars, an deren Tresen es um „Dekonstruktion“ ging, um „Deterritorialisierung“ und „Reterritorialisierung“, um „disjunktive Synthesen“. Das klang unseren Ohren fein nach Latein!

Als ich nach dem Abitur die Schule verließ, habe ich mich einige Jahre an der Uni darum bemüht, dieses neue philosophische Latein zu lernen. Nebenbei gab ich Fußball- und Basketballkurse an einer Förderschule – im Osdorfer Born. Was ich dabei über mich und meine Herkunft, was ich dabei über die Elbvororte, in denen ich aus Zufall mittlerweile wieder lebe, erfahren habe, ist nicht viel. Ich weiß nun, dass sich hier einige in ihrem künstlichen Paradies aus Homogenität und Reichtum verschließen und jedem Populismus hinterherlaufen, der ihnen die Abschottung aufrecht zu erhalten verspricht.

Daneben gibt es einige andere, die aus der einfachen und deswegen in der Geschichte seit den Tagen Roms nur umso heftiger geleugneten Wahrheit, dass Geld stinkt, die Überzeugung gewinnen, Wohlstand sei dafür da, geteilt zu werden. Denn kein Geld stinkt auch.

Maximilian Probst, 38, volontierte bei der taz.nord, schreibt heute für die Zeit und wohnt wieder in den Elbvororten.

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