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Unter Dattelpalmen und Arkaden

Das faktisch zweigeteilte Libyen hat sich im Westteil halbwegs stabilisiert. Die Regierung will den Tourismus wiederbeleben. Dadurch werden auch Reisen nach Ghadames möglich, einer Oasenstadt aus Lehm mit jahrtausendealter Geschichte

Noch wartet er auf Gäste: Mustafa Azeez vorm Café Tojada, dem einzigen Restaurant in der Altstadt von Ghadames

Aus Ghadames Marc Vorsatz (Text und Foto)

Stattliche Palmen ragen aus dem geschützten Innenhof in die laue Wüstennacht. Ockerfarbene Gemäuer mit großzügigen Torbögen und offenen Räumen bilden den verspielten Rahmen. Es duftet nach scharf angebratenen Paprikaschoten und frischem Knoblauch in Olivenöl.

Mustafa Azeez legt mariniertes Lammfleisch auf den Holzkohlegrill. Die Marinade ist ein geheimes Rezept aus Salz, Olivenöl, viel Zitronensaft, Kreuzkümmel, Koriander und manch anderem Gewürz. „Dazu servieren wir das Gemüse, Fladenbrot aus dem Erdofen und frisch gepressten Granatapfelsaft mit Minze“, sagt Azeez. Heute gibt es Mechoui, das ist ein festliches Gericht.

Festlich ist dem Inhaber und Chefkoch des Café Tojada in der Tat zumute. „Schließlich kommt nicht alle Tage eine Gruppe von zehn Touristen zu uns ins Restaurant.“

Sein Restaurant befindet sich in Ghadames, einer kleinen Oasenstadt in der libyschen Wüste, die auf eine jahrtausendealte Geschichte zurückblickt. Wer diesen Ort besucht, kehrt ziemlich sicher auch im Café Tojada ein, es ist das einzige Gasthaus in der seit 1983 unbewohnten Altstadt. Damals zogen die Bewohner in die komfortablen Neubauten der Oberstadt von Ghadames, mit schicken Bädern und fließendem Wasser.

Seit 2005 habe sein Restaurant durchgehend geöffnet, erzählt Mustafa Azeez, und der Stolz darüber klingt in seiner Stimme durch. Und das, obwohl die Geschäfte nicht wirklich gut laufen. „Die letzten Gäste waren vor einer Woche da. Drei Amerikaner aus Seattle“, sagt Azeez. Er sieht dennoch das Positive: „Bis dahin hat es sich also schon herumgesprochen, dass Libyen jetzt endlich wieder Touristenvisa vergibt.“ Die Bewohner von Ghadames kämen leider recht selten, in der Regel kochen sie für die Großfamilien daheim. Und einheimische Touristen seien fast so rar wie die aus Übersee.

Dabei lief sein Familienbetrieb früher blendend. Touristen aus aller Welt besuchten die Stadt, die von der Unesco als Weltkulturerbe gelistet ist. Bis 2011, als das Leben quasi über Nacht vieles niederriss, der Fremdenverkehr jäh verebbte. Mit dem sogenannten Arabischen Frühling und dem Sturz des autoritär herrschenden Langzeitmachthabers Muammar al-Gaddafi entstand in Libyen ein Machtvakuum. Es folgten Jahre des Bürgerkriegs zwischen rivalisierenden Milizen, der zu einer faktischen Zweiteilung des Landes führte.

Mittlerweile hat sich Libyen zumindest im Westteil, der von der international anerkannten Regierung in Tripolis geführt wird, halbwegs stabilisiert. Hier liegt auch Ghadames, rund 400 Kilometer von der Mittelmeerküste entfernt, am Dreiländereck Libyen–Tunesien–Algerien. Die Regierung will den Tourismus wiederbeleben und führte 2024 ein vereinfachtes E-Visa-Verfahren ein. Ende 2025 wurde das seit Gaddafis Sturz geschlossene Nationalmuseum in Tripolis wiedereröffnet. Ebenfalls nach 14 Jahren wiederaufgenommen wurden die Arbeiten an einem Hotelkomplex für Touristen in der Hauptstadt.

Dennoch ist eine Reise nach Libyen weiterhin mit vielen Risiken behaftet. Das Auswärtige Amt spricht eine strikte Reisewarnung aus. Milizenkämpfe können jederzeit wieder aufflammen. Wer übers Land reist, muss Checkpoints passieren. Allein ist das praktisch nicht möglich, sondern nur in Begleitung von ortskundigen Guides und in Form von Gruppenreisen, die für Libyen von immer mehr westlichen Veranstaltern angeboten werden.

Während also auf der nördlichen Seite des Mittelmeers die Einheimischen gegen den Übertourismus demonstrieren, bleiben in Libyen die kilometerlangen Mittelmeerstrände noch beinahe menschenleer. Oder auch Unesco-Welterbestätten wie die Ruinenstädte in Sabratha und Leptis Magna im Nordwesten, steinerne Zeugnissen byzantinischer und römischer Herrschaft.

Und eben Ghadames. Wer die sieben Kilometer lange kreisförmige Stadtmauer von Ghadames durchschreitet, betritt eine andere, eine ganz eigene Welt. Die Augen brauchen einen Moment, um sich an das dämmrige Licht in den überdachten Gassen zu gewöhnen. Nur hin und wieder erhellen Lichtschächte die gewundenen Gänge, die die heißen Saharawinde bis heute brechen. Hoch sind die meisten Gänge, oft vier Meter bis zur Decke und mehr. Eingefasst von massiven Arkaden und meterdicken Hauswänden ohne Fenster zum Gang. Oftmals zu beiden Seiten mit durchgehenden steinernen Sitzbänken ausgestattet, auf denen einst die Männer den Tag Revue passieren ließen.

Die erste und kühlste Etage der Häuser diente als Lager für Wasser und Lebensmittel, die zweite als gemütlicher, in warmen Rottönen dekorierter Wohnraum der Familie.

Der obere Bereich aber gehörte einzig den Frauen. Im dritten Stock wurde gekocht und auf den Häuserdächern, die miteinander verbunden sind, fand ihr eigentliches soziales Leben statt. Frauen besuchten sich, verbrachten Zeit miteinander. Da sich oft Dutzende Häuser, also auch Dachterrassen, nahtlos aneinander reihen, funktionierte diese Parallelgemeinschaft in luftiger Höhe über viele Jahrhunderte.

Gärten voller Dattelpalmen lockern das urbane Ensemble bis heute auf. Der Baustil der Wüstenstadt, die erstmals 20 v. Chr. schriftlich erwähnt wurde, gilt als architektonische wie ästhetische Meisterleistung.

Ein Teil dieser Schönheit wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Als die Alliierten versuchten, die Italiener aus Libyen zu vertreiben, kam es 1943 zu einem massiven Bombardement. Rund 40 Zivilisten starben, historische Gebäude wurden zerstört, circa 200 Häuser insgesamt beschädigt. Die italienischen Truppen und deren Kriegsgerät, denen der Angriff galt, befanden sich an diesem Tag außerhalb der Stadt und blieben unversehrt.

Wohnraum in Ghadames, die zweite Etage war den Frauen vorbehalten Foto: Marc Vorsatz

Nachdem die Bewohner die Altstadt in den 1980er Jahren verließen, habe der langsame Verfall vieler Lehmhäuser eingesetzt, erklärt der Aktivist, Elektriker und nebenberufliche Stadtführer Abdulrahman Younes. „Manche Familien nutzten anfangs ihre Häuser noch in den Sommermonaten, wenn es in den Neubauten unerträglich heiß wurde. Andere, oft mittellose, kehrten nie zurück.“ Als dann 2011 auch noch die Touristen ausblieben, schien das Schicksal des Unesco-Weltkulturerbes besiegelt, das folgerichtig 2016 auf der Rote Liste als „gefährdet“ landete.

Die dadurch entstandene internationale Aufmerksamkeit und der vermeintliche Druck auf die Regierung im fernen Tripolis reichte Abdulrahman Younes nicht, dem bei dem Anblick des Verfalls seiner Elternstadt das Herz blutete. Er gründete eine private Initiative zum Erhalt der Altstadt, setzte sich mit Gleichgesinnten erfolgreich dafür ein, dass die Lokalregierung endlich Bausicherungsmaßnahmen für einsturzgefährdete Häuser durchführt. Er sensibilisierte Hausbesitzer wie die lokale Öffentlichkeit, diesen weltweit einzigartigen kulturhistorischen Schatz zu erhalten. Anfangs schien es ein aussichtsloser Kampf zu sein, doch seit wieder vermehrt Touristen aus Europa und Amerika kommen, schöpft Younes Hoffnung.

Diese Erfolgsgeschichte blieb auch der Unesco nicht verborgen. Im vergangenen Juli konnte sie Ghadames von ihrer Roten Liste streichen. „Bald kommen mehr Besucher aus Übersee“, sagt Abdulrahman Younes, er hofft es. „Arbeitsplätze werden entstehen, es wird Leben zurückkehren in die alten Gemäuer.“ Irgendwann werde die Stadt „wieder genauso schön strahlen, wie sie es jahrtausendelang tat“.

Transparenzhinweis: Die Recherchereise wurde unterstützt von Orientaltours.

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