Unteilbar-Demonstration in Berlin: Einig für einen Tag

Tausende Menschen sind dem Aufruf des Unteilbar-Bündnisses in Berlin gefolgt. Sie machten sich für unterschiedliche Themen stark.

Menschen laufen mit Bannern auf einer Straße in Berlin

Demonstrierende auf der Unteilbar-Demo am 4. September in Berlin Foto: Fabian Sommer/dpa

BERLIN taz | Es dauert alles ein wenig an diesem trüben Samstagmittag in Berlin-Mitte. Von der Friedrichstraße über den Potsdamer Platz bis ins Regierungsviertel haben sich die 16 Blöcke der Unteilbar-Demonstration aufgereiht. Dazwischen: viel Platz, viel Polizei und nur wenige, kleine Grüppchen von Demonstrierenden. Der Bahnstreik und die Coronapandemie bescheren der Demo einen etwas schläfrigen Start. Viele kommen verspätet, zudem haben die Ver­an­stal­te­r:in­nen die „Auftaktmeile“ absichtlich lang gestreckt, damit alle die Abstände einhalten können.

Am Brandenburger Tor sind Katharina und ihre Freun­d:in­nen von den „Omas for Future“ auf der Suche nach dem Klimagerechtigkeits-Block. Schon 2018 waren sie bei der großen Unteilbar-Demo in Berlin dabei, erzählt sie. Doch obwohl damals eine Viertelmillion Menschen für Solidarität und Klimaschutz auf die Straße gingen, habe sich seitdem wenig getan. Deshalb ist ihre Botschaft in diesem Jahr: „Geht wählen! Gerade die Ü-50-Fraktion darf sich jetzt nicht wegducken, darf nicht weggucken und muss Verantwortung übernehmen für ihre Enkel:innen!“

Wenig später wird es dann doch noch bunt, laut und voll. Von rund 30.000 Teilnehmenden sprechen die Veranstalter:innen, die Polizei geht von einer Zahl „im oberen vierstelligen Bereich“ – also knapp 10.000 Personen – aus. Mehr als 350 Organisationen, Vereine und Initiativen hatten den Aufruf „für eine solidarische und gerechte Gesellschaft“ unterzeichnet, darunter Amnesty International, Fridays for Future, Sea Watch und die Gewerkschaft ver.di.

Vielfältige Fahnen und Forderungen

Entsprechend vielfältig sind die Fahnen, Plakate und Transparente, die durch die Stadt getragen werden: Während im „Antirassistischen Power Block“ der Tod zahlloser Menschen im Mittelmeer beklagt wird, schwenkt wenige hundert Meter weiter hinten jemand eine EU-Fahne. Nicht nur im Umverteilungs-Block befürwortet man die Vergesellschaftung von Wohnraum – die Berliner SPD-Spitzenkandidatin Franziska Giffey, für die das Thema Enteignung „eine rote Linie“ darstellt, spricht trotzdem unbehelligt vom SPD-Lauti am Ende des Demonstrationszugs zu ihren Anhänger:innen.

Wie gelingt es, all diese Gruppen und Meinungen zu einen? Für Anja Piel aus dem DGB-Bundesvorstand steht fest: „Es ist die Einsicht, dass wir die Herausforderungen dieser Zeit nur gemeinsam bewältigen können“, sagt Piel auf der Auftaktkundgebung. Beim Kampf gegen den Klimawandel wie bei der Transformation der Arbeitswelt dürfe niemand auf der Strecke bleiben.

Wiebke Judith von Pro Asyl lenkt die Aufmerksamkeit auf das Thema Afghanistan: „Wir sind sprachlos und wütend angesichts des Versagens der Bundesregierung in Afghanistan und stehen unteilbar an der Seite der afghanischen Geflüchteten und der Zivilgesellschaft in Afghanistan“, ruft sie vom Wagen des Unteilbar-Bündnisses. Als sie Horst Seehofer und dessen Ablehnung eines Aufnahmeprogramms für Menschen aus Afghanistan erwähnt, geht ihre Stimme in Pfiffen und Buhrufen unter.

Nicht alle ordnen sich Blöcken zu

Doch die Unteilbar-Demo bietet nicht nur den großen Organisationen die Möglichkeit, ihre Forderungen in die Öffentlichkeit zu tragen. Immer wieder trifft man kleinere Grüppchen, die sich für diesen Tag verbündet haben, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen.

So auch Alaa, die sich keinem der Blöcke zuordnen will, aber mit ihren Freundinnen gegen die Diskriminierung von Frauen, die Kopftuch tragen, protestiert: „Ich habe in so vielen Vorstellungsgesprächen Rassismus erlebt. Deshalb will ich heute klarmachen: Ich habe die freie Entscheidung getroffen, ein Kopftuch zu tragen. Dafür will ich nicht verurteilt und ausgegrenzt werden!“

Nach etwa zwei Stunden erreicht die Spitze des Demonstrationszugs ihr Ziel, eine große Bühne auf der Karl-Marx-Allee. Inzwischen scheint die Sonne und zwischen dem Auftritt der Punkband ZSK, einer Rede der Klimaaktivistin Carla Reemtsma und einer Videobotschaft von Edward Snowden blitzt ein wenig der Happening-Charakter der vergangenen Unteilbar-Demonstrationen auf. Damit ist auch die erste Großdemonstration des Bündnisses unter Coronabedingungen wohl gelungen. Platzangst musste niemand haben – Abstände wurden eingehalten, Masken getragen.

Trotzdem kommt die Neuauflage der Unteilbar-Demo in Berlin kaum an den Auftakt 2018 heran. Das mag auch an der Aufmerksamkeit liegen, die Themen wie der Klimawandel und die Wohnungsfrage derzeit erhalten. Und dazu stehen die großen Demonstrationen im Vorfeld der Wahl noch an.

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