Unteilbar-Demo am Sonntag: Unteilbar auch mit Abstand

Am Sonntag mobilisieren 130 Organisationen in vielen Städten zu Unteilbar-Demos. In Berlin wird es ein neun Kilometer langes Band der Solidarität geben.

Noch ohne Maske: Unteilbar-Demo im Oktober 2018 Foto: dpa

Viel inhaltlichen Zuspruch gab es für die riesigen Black-Lives-Matter-Proteste vom vergangenen Wochenende in Berlin. Unter dem Eindruck rassistischer Polizeigewalt in den USA und dem auch in Deutschland allgegenwärtigen Rassismus kamen deutlich mehr Menschen zu den Protesten als erwartet – die meisten mit Mundschutz, aber an die Einhaltung von Abständen zwischen den Teilnehmenden war nicht mehr zu denken.

Anders soll es an diesem Sonntag werden, wenn die nächste Großkundgebung während der Coronapandemie stattfinden soll. Aufgerufen hat dazu das Unteilbar-Bündnis, das im Oktober 2018 in Berlin 200.000 Menschen auf die Straße gebracht hatte. Für diesen Sonntag, den 14. Juni, rufen 130 Organisationen dazu auf, sich an den Protesten in vielen deutschen Städten, aber auch online unter dem Hashtag #sogehtsolidarisch und #unteilbar mitzumachen.

In Berlin soll mit einer neun Kilometer langen Menschenkette vom Brandenburger Tor bis zum Hermannplatz ein Band der Solidarität entrollt werden – mit drei Meter Mindestabstand zwischen den Protestierenden. Am Band selber sollen Plakate, Transparente und Fotos befestigt werden. Mit Blick auf die gesamtgesellschaftliche Gerechtigkeit soll es vor allem darum gehen, die Lasten der Coronakrise gleich zu verteilen: Neben geschlechtergerechter Aufteilung von Care-Arbeit und sozial-ökologisch orientierten Konjunkturprogrammen geht es auch um gerechte Löhne für besonders gebeutelte Berufe.

Die Demo Ein neun Kilometer langes Band soll am 14. Juni um 14 Uhr vom Brandenburger Tor bis zum Hermannplatz reichen. Verschiedene Abschnitte beschäftigen sich mit unterschiedlichen Themen. Einen Livestream soll es unter unteilbar.org/sogehtsolidarisch geben.

Die Gruppen 130 Inis rufen auf: Fridays for Future, DIDF, DGB, Aktionsbündnis AntiRa, Omas gegen Rechts, Seebrücke, SDS, VVN-BdA, Adopt a Revolution, Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung, Reenchanter l’Afrique, PowerShift, Medico, Nord-Süd-Brücken, Feministisches Streikbündnis, Menschenrechtstribunal, SPD, Grüne und Linke u. v. m. (gjo)

Auch das Thema Rassismus spielt am Sonntag eine Rolle. Ceren Türkmen vom Aktionsbündnis Antirassismus wird mit verschiedenen Gruppen an der Hasenheide und auf dem Hermannplatz stehen. Sie sagt: „Die Black-Lives-Matter-Demo hat deutlich gemacht, dass es bei Alltagsrassismus und bei institutionellem Rassismus hier oder an der EU-Außengrenze in Moria kein Schweigen mehr geben kann. Solidarität mit von Rassismus Betroffen, echte politische Veränderungen und globale Menschenrechte sind für Unteilbar zentral. Niemand darf zurückgelassen werden.“

Mit dem Band an der Hasenheide will das Bündnis Kämpfe „von Moria bis Hanau, von Ellwangen bis Neukölln, von Halle bis Minneapolis“ verbinden. Protestieren werden dort Gruppen wie Migrantifa, Solidarity City Berlin, We’ll Come United und die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. Zu verfolgen wird das Programm auch auf dem offenen Kanal Alex sein. Türkmen sagt: „Wir haben uns ganz bewusst für diesen Streckenabschnitt entschieden: Das Band der Solidarität soll Neukölln einbeziehen, weil dort viele Menschen leben, denen droht, in der Coronakrise zurückgelassen zu werden.“

Warum alle diese Anliegen gerade jetzt verknüpft gehören, fasste die Soziologin Silke van Dyk von der Uni Jena auf der Pressekonferenz von Unteilbar am Donnerstag zusammen. Sie sagte: „Corona hat bestehende Ungleichheiten wie im Brennglas hervortreten lassen.“ In den USA stürben Schwarze zwei- bis dreimal häufiger an Covid-19, hierzulande wiege man den Schutz der Alten gegen wirtschaftliche Schäden ab.

„Vollkommen undiskutiert ist dabei geblieben, dass ein langes und gesundes Leben auch im gesellschaftlichen Normalbetrieb eine Klassenfrage ist“, so van Dyk. „Wer wenig verdient, lebt zehn Jahre kürzer – das kommt einer Umverteilung von unten nach oben gleich: früh sterbende Arme finanzieren die Rentenbeiträge der Reichen. Ein langes und gesundes Leben ist ein Klassenprivileg.“

Gut sei hingegen der Fokus auf soziale Ungleichheiten während dieser Krise. Während der Finanzkrise von 2008 sei es unter dem Label Systemrelevanz noch um Banken und Produktionssektoren gegangen. Nun gälten lebensnahe Bereiche wie die Lebensmittelversorgung und Gesundheit als systemwichtig. „Eine Frage ist, wie sich diese neue Sichtbarkeit in strukturelle Veränderungen in verbesserte Arbeitsbedingungen und Löhne übersetzen kann“, so van Dyk. Diese Perspektive müsse allerdings auch Klimagerechtigkeit beinhalten. Van Dyk: „Wenn der Staat jetzt einsteigt, um Unternehmen und Branchen wie die Lufthansa zu retten, muss er laut sein und auf soziale Fragen und Klimagerechtigkeit bestehen.“

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