piwik no script img

Unentdecktes Machdeburch

Die Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts hat viele Sehenswürdigkeiten zu bieten. Doch die Kulturinstitutionen Magdeburgs blicken mit Sorge auf die Landtagswahl am Sonntag

Von Joachim Göres

In Magdeburg ist die Stimmung in den Kultureinrichtungen derzeit alles andere als gut. Denn in den Umfragen für die morgen anstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt führt die AfD mit Abstand – jene rechtsextreme Partei, die eine „neue patriotische Kulturpolitik“ im Falle ihrer absoluten Mehrheit angekündigt hat. In einer gemeinsamen Erklärung weisen Kultureinrichtungen aus dem ganzen Bundesland darum auf das vom AfD-Landesverband beschlossene Regierungsprogramm hin. Das nennt unter anderem ein „glaubhaftes Bekenntnis“ zu einer „patriotischen Grundhaltung“ als Voraussetzung für eine künftige finanzielle Förderung.

In Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt zieht es unter diesen Vorzeichen gerade nur wenige Kulturinteressierte. Dabei gehört die Stadt zu jenen Orten, deren Sehenswürdigkeiten weniger bekannt sind – und sich zum Teil sogar noch verbergen. Der mehr als 800 Jahre alte Dom, der erste gotische Kathedralbau auf hiesigem Boden, ist das Wahrzeichen der Landeshauptstadt und zählt wegen seiner historischen Bedeutung zu den wichtigsten Kirchenbauten in Deutschland. Wer die 433 Stufen auf den Turm schafft, kann mit etwas Glück den Brocken im Harz sehen. Im Dom selber gibt es viele Hinweise auf den Stifter, Kaiser Otto den Großen, dessen Grab sich im Dom befindet.

Ohne jeden Hinweis steht dagegen in einer dunklen Dom­ecke „Das Denkmal des Krieges“ von Ernst Barlach. Der berühmte Bildhauer hat vor fast 100 Jahren für den Dom ein Kriegerdenkmal mit sechs Figuren geschaffen, denen der Schrecken des Ersten Weltkriegs ins Gesicht geschrieben steht. Seine Soldaten zeigen sich nicht wie üblich als Helden, sondern sie sind müde, abgemagert und erstarrt. Dieses Denkmal für die Gefallenen des Krieges war einzigartig – und wurde in der NS-Zeit aus dem Dom verbannt.

Umso größer ist seine heutige Bedeutung. Nicht zuletzt, weil es auch die leidvolle Geschichte Magdeburgs verkörpert: Im 30-jährigen Krieg wird Magdeburg zum Symbol für die Auslöschung einer Stadt, was in der Redewendung von der „Magdeburgisierung“ zum Ausdruck kommt. Im Zweiten Weltkrieg werden 80 Prozent der Stadt zerstört. Im Kulturhistorischen Museum erfährt man mehr über die wechselvolle Geschichte einer der einst reichsten und größten deutschen Städte, deren „Magdeburger Recht“ zum Baustein des modernen Europas wurde.

Nach dem Ersten Weltkrieg entstehen 12.000 neue Wohnungen im Stil des Neuen Bauens und verbessern die Lebensverhältnisse vieler Menschen entscheidend. Davon kann man sich noch heute ein Bild machen, in den gut erhaltenen Siedlungen, die einst nach Plänen von Architekten wie Bruno Taut und Carl Krayl erbaut wurden. Besonders ins Auge fallen die bunten Fassaden in der Otto-Richter-Straße. In einer im historischen Stil eingerichteten Gästewohnung in der Hermann-Beims-Siedlung – vor 100 Jahren die erste Großsiedlung Deutschlands – kann man übernachten (www.wobau-magdeburg.de) oder die „Magdeburger Moderne“ im Rahmen einer Führung entdecken (www.tourenreich.de). Aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts stammt auch der 60 Meter hohe Albinmüller-Turm im Rotehornpark, der wegen Sanierungsarbeiten derzeit geschlossen ist. Im Inneren des Stahlbeton-Aussichtsturms mit Glaskuppel wird die Geschichte des Neuen Bauens in Magdeburg präsentiert.

Für eine Stadt mit aktuell rund 250.000 Einwohnern – mit der Wende ging die Zahl deutlich zurück, seit 2005 ist der Trend gestoppt – ist das von Industrie geprägte Magdeburg sehr grün. Dazu trägt die Elbe bei, die die Stadt durchquert. Im Rahmen der Bundesgartenschau 1999 wurde der Elbauenpark angelegt, mit dem höchsten Holzturm der Welt. Dieser „Jahrtausendturm“ informiert auf fünf Ebenen über die Geschichte von Wissenschaft und Technik. Im schon erwähnten Rotehornpark steht die Hyparschale – eine Glas-Mehrzweckhalle nach Plänen des DDR-Architekten Ulrich Müther mit einer einmaligen Konstruktion, die nach langem Leerstand und Sanierung heute wieder für Veranstaltungen genutzt wird. Führungen werden leider nicht angeboten.

An die DDR erinnert auch die Museumswohnung der MWG-Wohnungsgenossenschaft mit einer Einrichtung aus den 50er Jahren, die sonntags von 14 bis 16 Uhr geöffnet ist (Hohepfortestraße 61). Das Magdeburger Stadtmagazin „Dates“ schreibt über sie: „Das damals unfassbare Glück, in einer zerstörten Innenstadt endlich eine eigene Wohnung zu bekommen, wird ebenso nachvollziehbar wie der Zeitgeist der 50er bis 80er Jahre.“

Auf einen Besuch Machdeburchs, wie die Einheimischen sagen, kann man sich gut mit dem mehrfach ausgezeichneten Roman „Schwebende Lasten“ von Annett Gröschner vorbereiten. Im Mittelpunkt steht Hanna Krause, die ein Blumengeschäft führt, das sie durch die Wirtschaftskrise in den 30er Jahren aufgeben muss. Sie erlebt den Aufstieg der Nazis und den Tod eines Sohnes beim Bombenangriff 1945 mit, nach dem Krieg sichert sie als Kranführerin den Lebensunterhalt ihrer Familie. Ein Buch, das an wichtigen Magdeburger Schauplätzen einen eindrucksvollen Blick in die Freuden und Leiden einer berufstätigen Mutter im DDR-Alltag erlaubt.

Heimat ist dort, wo anderen und Fremden mit Respekt begegnet wird

Zu einer der am meisten besuchten Sehenswürdigkeiten zählt seit 2005 die Grüne Zitadelle – das letzte vom Künstler Friedensreich Hundertwasser entworfene Bauprojekt mit leuchtenden goldenen Turmkugeln und Blumenwiesen auf den Dächern. Hier gibt es kleine Geschäfte und Cafés sowie 55 Wohnungen in zentraler Lage – für die häufiger neue Mieter gesucht werden, weil die Zahl der Touristen so groß ist, dass es manchem Bewohner irgendwann zu viel wird.

Das Ensemble des Magdeburger Theaters wurde 2025 mit dem Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ ausgezeichnet. Jüngst hat die Bühne das Stück „Wunde Stadt“ aufgeführt, in dem es um den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt Ende 2024 geht. Bis heute liegen Blumen an der Stelle, an der ein Mann mit Absicht in die Besuchermenge fuhr und sechs Menschen tötete und 86 schwer verletzte. Autor Kevin Rittberger hat mit Anschlags­opfern, Helfern und auch Mi­gran­t:in­nen gesprochen, die nach dem Anschlag wegen der arabischen Abstammung des Täters angegriffen wurden. Daraus hat er ein Stück entwickelt, um die Sprachlosigkeit zu überwinden – es löste sowohl Zustimmung als auch Ablehnung aus.

Das Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen aus dem 11. und 12. Jahrhundert ist das älteste Bauwerk Magdeburgs und der wichtigste Ausstellungsraum für Gegenwartskunst in Sachsen-Anhalt. Ab Mitte September läuft dort die Ausstellung „Farbe und Gebiet“ mit Fotos von Joachim Brohm.

Doch zurück zur Landtagswahl und einer möglichen Regierungsbeteiligung der AfD. Diese will das Motto „modern denken“, unter dem Sachsen-Anhalt für sich wirbt, in „Deutsch denken“ verändern. Immerhin: Unter www.kulturvielfaltheimat.de wenden sich Kulturschaffende Sachsen-Anhalts gegen­ diesen Heimatbegriff und betonen: „Heimat ist dort, wo Verschiedenheit gelebt und dem Anderen und Fremden mit Respekt begegnet wird.“ Vielleicht bietet sich ja im Rahmen einer Demonstration gegen die AfD demnächst die Möglichkeit, diese Vielfalt, die Magdeburg auch zu bieten hat, persönlich kennenzulernen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen