Umfragedaten zur Bundestagswahl: Über die Lager hinweg

Woher kommen die Wäh­le­r*in­nen der SPD, was wählen die Jungen und was war mit dem Klima? Sechs Fakten zur Wahl und was dahinterstecken könnte.

Das Reichstagsgebäude in Berlin vor Abendhimmel

Der Bundestag: Wer kam rein – und wer nicht? Foto: Monika Skolimowska/dpa

1. Die Linke verliert ihr Alleinstellungsmerkmal

Das desaströse Ergebnis der Linkspartei kommt nicht von ungefähr. Verloren hat sie ausnahmslos in alle Richtungen – vor allem aber an die SPD. Diese Abwanderung könnte dafür sprechen, dass die So­zi­al­de­mo­kra­t*in­nen fast zwanzig Jahre nach der Einführung von Hartz IV Vertrauen in Sachen Sozialer Gerechtigkeit zurückgewonnen haben, und das ausgerechnet mit dem Agenda-Politiker Scholz als Spitzenkandidat.

Vielleicht hat die Zeit einige Wunden geheilt. Außerdem hat die SPD mit ihrem neuen Sozialstaatskonzept aus dem Jahr 2019 aktive Reue geleistet. Im Wahlkampf hat sie einen Mindestlohn von 12 Euro gefordert, nur ein Euro weniger als die Linke. Laut Infratest Dimap schreiben die Befragten den So­zi­al­de­mo­kra­t*in­nen in diesem Bereich eine deutlich höhere Kompetenz zu. Wenn die inhaltlichen Unterschiede schwinden, die Wäh­le­r*in­nen die Umsetzung aber der SPD viel eher zutrauen als der Linken, stellt sich für Letzere in Zukunft eine existenzielle Frage: Wozu überhaupt noch eine Partei links von der Sozialdemokratie?

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2. Das AfD-Potential ist beschränkt

Bei Bundestags- und Landtagswahlen der vergangenen Jahre hatte häufig die AfD vom Anstieg der Wahlbeteiligung profitiert. Sie schaffte es, Menschen zu mobilisieren, die zuvor aus Frust nicht oder nicht mehr zu Wahlen gegangen waren. Dieser Trend ist vorbei. Die Wahlbeteiligung ist im Vergleich zu 2017 zwar erneut leicht gestiegen, das Ergebnis der AfD hat sich allerdings verschlechtert. Stimmen verloren haben die Rechtspopulisten netto an alle Parteien außer der Linken – und erstmals auch wieder in großer Zahl ins Nichtwählerlager.

Das maximale Potential der Partei, zumindest unter aktuellen Umständen, war 2017 offenbar erreicht, steigt nicht weiter an und konnte auch nicht wieder voll mobilisiert werden. Heißt umgekehrt aber auch: Verschwinden wird die AfD so schnell nicht mehr. Regional hat sie sich sogar als stärkste Kraft etabliert, holte zum Beispiel in Sachsen und Thüringen viele Direktmandate und im Osten insgesamt über 20 Prozent.

3. Mitte-Links ist das neue Mitte-Rechts

Wer profitiert von den großen Verlusten der Union? Die Stimmen der Union wanderten zum größten Teil nicht innerhalb des Mitte-Rechts-Lagers zu FDP oder Freien Wählern (und darüber hinaus auch nicht zur AfD), sondern lagerübergreifend an SPD und Grüne. Allein an den niedrigen Zustimmungswerten von Armin Laschet beziehungsweise den hohen von Olaf Scholz kann das kaum liegen.

Ist die Verschiebung stattdessen auch Ausdruck eines in den vergangenen Jahren veränderten Zeitgeistes? Selbst konservative Öko­no­m*in­nen zeigen sich mittlerweile offen für kreditfinanzierte Investitionen. Die Coronakrise hat die Notwendigkeit einer belastbaren staatlichen Infrastruktur aufgezeigt. Und sehr wahrscheinlich zahlt auch die gestiegene Bedeutung der Klimapolitik stärker links der Mitte ein als rechts von ihr.

4. Klimawahl mit Handbremse

Die Stimmverteilung gibt es zwar nicht eins zu eins wieder, eine Klimawahl war diese Bundestagswahl aber durchaus. Der Forschungsgruppe Wahlen zufolge bezeichneten 46 Prozent der befragten Wäh­le­r*in­nen Klimaschutz und Umwelt als größtes Problem. Das kann erklären, warum die Grünen, denen in diesem Bereich die größte Kompetenz zugeschrieben wird, merklich zugelegt haben.

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Warum es trotzdem nicht für mehr als 15 Prozent gereicht hat? Erstens ist das wichtigste Thema keineswegs das einzige wichtige Thema und bei der Kompetenzzuschreibung in Bereichen wie Sozialer Gerechtigkeit oder Fluchtpolitik hinken die Grünen hinterher. Sie werden offenbar weiterhin zu sehr als Ein-Themen-Partei wahrgenommen. Zweitens werden die schlechten persönlichen Werte von Annalena Baerbock eine Rolle gespielt haben. Und drittens wohl auch, dass viele Wäh­le­r*in­nen trotz eines grundsätzlichen Problembewusstseins einen Klimaschutz bevorzugen, der ihnen kurzfristig keine zu großen Belastungen abverlangt.

Weh tun soll es nicht. Ein SPD-Kanzler mit grünem Juniorpartner erscheint da attraktiver als eine Grüne im Kanzleramt. Dazu passt, dass laut Infratest dimap 51 Prozent der Befragten für maßvolle Kurskorrekturen in der Politik allgemein sind und nur eine Minderheit von 40 Prozent für einen grundlegenden Wandel.

5. Baerbock ohne Vorteil bei Frauen

Angela Merkel kam bei Frauen gut an. Seit 2009 haben durchgehend mehr Frauen als Männer die Union gewählt, die Identifikation mit der weiblichen Kanzlerin dürfte dabei eine Rolle gespielt haben. Die Grünen hatten darauf gehofft, dass dieser Effekt jetzt auf sie übergeht – schließlich hatten sie mit Annalena Baerbock als einzige Partei eine KanzlerkandidatIN aufgestellt. Baerbocks Geschlecht hatten sie explizit als Argument für ihre Nominierung genannt.

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Ausgezahlt hat sich das eher nicht: Ohne Merkel hat die Union bei den Frauen zwar erwartungsgemäß am stärksten verloren. Die Grünen aber legten bei den Wählerinnen (plus 7 Prozentpunkte) nur unwesentlich stärker zu als bei den Wählern (plus 6 Punkte). Die SPD gewann mit dem Mann Olaf Scholz an der Spitze fast ebenso viele Frauenstimmen dazu (plus 6 Punkte). Die Linke, neuerdings mit weiblicher Doppelspitze, verlor bei beiden Geschlechtern gleichermaßen. Ob eine Frau vorne steht oder ein Mann, war diesmal offenbar für weniger Wählerinnen entscheidend.

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6. Junge wählen FDP

Unter jungen Wäh­le­r*in­nen bis 24 Jahre wurden die Grünen laut Infratest Dimap mit 23 Prozent der Stimmen stärkste Partei. Das entspricht 10 Punkten mehr als noch 2017. Kein Wunder, schließlich sprechen wir hier von der Generation Fridays for Future. Überraschender ist der Wert der FDP: Die Liberalen sind unter den Jungen ähnlichen stark wie die Grünen. 21 Prozent entsprechen im Vergleich zu 2017 einem Plus von 9 Punkten. Unter Erst­wäh­le­r*in­nen war die FDP sogar stärkste Partei.

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Mögliche Erklärungsansätze: Nach der vierjährigen Auszeit und dem Wiedereinzug in den Bundestag 2017 ist die Fraktion naturgemäß verjüngt. Das Durchschnittsalter war mit 45,5 Jahren zu Beginn der Legislaturperiode das niedrigste aller Fraktionen. Inhaltlich setzt die FDP einen Schwerpunkt auf die Digitalisierung und fordert eine liberale Drogenpolitik – für solche Themen interessieren sich viele Junge. Und: Auch in der Pandemie fuhr die FDP eine liberale Linie, viele Beschränkungen lehnte sie ab. Da junge Menschen überdurchschnittlich viele Einschränkungen in Kauf nehmen mussten, könnte sich auch das jetzt ausgezahlt haben.

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