: Über Wasser halten
Ohne die Arbeit Hunderter von Pumpen würden große Teile des Ruhrgebiets, die zu Zeiten des Bergbaus abgesackt sind, im Wasser versinken. Doch wie lange sollen diese Pumpen laufen?
Aus dem Ruhrgebiet Stefan Laurin (Text) und Magnus Terhorst (Fotos)
Die ist über 50 Jahre alt und läuft immer noch“, sagt Carsten Meybohm und zeigt von der Galerie des Pumpwerks hinab auf eine hellgrün gestrichene große Pumpe gut zehn Meter unter ihm. Der grüne Riese ist nur eine von zehn Maschinen, die das Wasser der Boye und ihrer Nebenbäche in die nur wenige hundert Meter südlich fließende Emscher pumpen.
Die Boye ist ein kleiner Fluss. Gerade 13 Kilometer braucht sie von ihrer Quelle im Norden Bottrops bis zur Emscher. Nur würde sie diese nie auf natürlichem Weg erreichen: Bevor 2018 die Zeche Prosper-Haniel in Bottrop als letztes Steinkohlebergwerk Deutschlands dichtgemacht wurde, prägte der Bergbau fast 150 Jahre das nördliche Ruhrgebiet und sorgte dafür, dass heute zwischen Duisburg und Dortmund die Oberfläche bis zu 25 Meter tiefer liegt, als es vor Beginn des Kohleabbaus der Fall war. Die Kumpel holten Kohle und noch mehr Gestein aus bis zu 1.000 Meter tief gelegenen Flözen, Feldern voller Steinkohle. Und war die abgebaut, sackte nach und nach der Boden ab. Polder, also tiefliegende Gebiete, aus denen das Wasser nicht mehr von selbst abfließen kann, haben sich gebildet. „Wenn der Fluss da reinfließt“, sagt Meybohm mit stoischer Gelassenheit, „fließt er halt nicht bergauf. Die Boye erreicht einfach nicht mehr auf normalem Weg die Emscher.“
Der 59-jährige Betriebsingenieur hat alle Zahlen parat: 18 Meter hoch muss das Wasser der Boye gepumpt werden, damit es in die Emscher fließen kann. 46.000 Liter schafft die Anlage in der Sekunde. Führen die Boye und ihre Nebenbäche nach Starkregen viel Wasser, laufen die Pumpen unter Volllast. Hat es, wie in diesem Sommer, wochenlang nicht geregnet, stehen die meisten von ihnen still. Wenn dann Starkregen einsetzt, herrscht Hochbetrieb in dem Pumpwerk im Niemandsland zwischen Essen, Gladbeck und Bottrop.
Die Anlagen der Emschergenossenschaft sind in der Lage, mit Starkregen klarzukommen, wie er theoretisch nur alle 250 Jahre fällt. Lange reichte das aus. Doch im Sommer 2021 fiel in Hagen am südöstlichen Rand des Ruhrgebiets – außerhalb des Einzugsgebietes der Emscher – eine Regenmenge, wie sie nur alle 10.000 Jahre vorkommt. Anlagen werden ausgebaut, Deiche erhöht, aber nach Ansicht der Genossenschaft gelangt man technisch an die Grenzen dessen, was zur Bewältigung der Folgen des Klimawandels noch möglich ist.
Entlang der Emscher, die in Holzwickede östlich von Dortmund entspringt und in Dinslaken in den Rhein mündet, gibt es drei Betriebsbereiche. Im Pumpwerk Bottrop-Boye sind Meybohm und sein Team für den mittleren Flusslauf zuständig.
Die Emscher, das ist der Fluss, der das Ruhrgebiet prägt. Er fließt durch die Mitte der Fünf-Millionen-Menschen-Region, während die namensgebende Ruhr am Südrand des Potts fließt. Der dritte prägende Fluss, die Lippe, vor 2.000 Jahren ein wichtiger Verkehrsweg für römische Legionen bei ihren Versuchen, germanische Stämme zu zivilisieren, liegt im Norden.
Von den drei Flüssen hatte die Emscher das schwerste Los: Während die Ruhr für das Trinkwasser des Ruhrgebiets sorgte, wurde aus dem einst 109 Kilometer langen Fluss, der durch das Emscherbruch, eine Auenlandschaft, mäanderte und immer wieder sein Flussbett wechselte, eine 83 Kilometer lange Kloake: Die Abwässer von Millionen Menschen und unzähligen Industriebetrieben wie Zechen, Stahlwerken und Chemieanlagen flossen in die Emscher und ihr aus über 30 Bächen und kleinen Flüssen bestehendes Flusssystem. Eine stinkende Brühe voller Gift und Krankheitserreger, die ab dem späten 19. Jahrhundert nicht mehr den Weg in den Rhein fand: An immer mehr Stellen bildeten sich Seen, überfluteten ganze Stadtteile und ließen Seuchen wie Typhus und Cholera ausbrechen.
Ewig malochen im Ruhrgebiet
Die Pumpen
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts förderten Tiefzechen Kohle im Ruhrgebiet. Wo Kohle abgebaut wurde, sackte der darüberliegende Boden ab. Heute würden auf einer Fläche von 780 Quadratkilometern, mehr als das gesamte Stadtgebiet Hamburgs, ohne den dauerhaften Einsatz von Pumpwerken große Gebiete unter Wasser stehen.
Für immer
Die Finanzierung der Pumpwerke gehört zu den Ewigkeitskosten, die auch nach dem Ende des Steinkohlenbergbaus 2018 weiter anfallen – für alle Ewigkeit. Es sei denn, man entschließt sich, Teile des Ruhrgebiets dem Wasser zu überlassen. Noch ist das nur ein Gedankenspiel. Einen Rückbau von Stadtquartieren in dieser Dimension hat es noch nie gegeben. Aber bei langfristig sinkenden Bevölkerungszahlen könnte das Ruhrgebiet hier Neuland beschreiten. Dabei könnten Erfahrungen gesammelt werden, von denen in den kommenden Jahrzehnten andere Städte und Regionen profitieren.
„Ab den 1870er Jahren“, erklärt der Hattinger Historiker Dietmar Bleidick, „merkte man, dass es eine Abwasserkatastrophe gibt.“ Allein im Bereich der Emscher waren da schon Hunderte Quadratkilometer Poldergebiet. Heute sind es 780 Quadratkilometer, fast die Hälfte der gesamten Emscherregion, zu der Gelsenkirchen, Bottrop, Herne, aber auch Duisburg und der Norden Essens und Dortmunds gehören.
Auf die Herausforderung reagierten die Städte und Unternehmen des Ruhrgebiets auf die bis heute übliche Weise: Man begann 20 Jahre lang miteinander über Kosten zu streiten und achtete peinlich genau darauf, nur die Interessen der eigenen Stadt oder des eigenen Unternehmens im Blick zu behalten. Die bis heute für das Ruhrgebiet typische Kirchturmpolitik kann also auf eine Tradition bis zurück in die Kaiserzeit zurückblicken. „Als am Ende des 19. Jahrhunderts die Situation derart dramatisch wurde, dass man gemeinsam handeln musste“, sagt Bleidick, „hat man sich zusammengesetzt und in einer konzertierten Aktion die Gründung eines Abwasserverbandes beschlossen.“
Weil der Verband auch besondere Rechte wie das zur Enteignung von Grundstücken für eigene Baumaßnahmen benötigte, schuf der preußische Landtag 1904 das Emschergenossenschaftsgesetz. Die 1899 gegründete und bis heute bestehende Emschergenossenschaft, die dafür zuständig ist, dass die Pumpen laufen, erhielt ihren rechtlichen Rahmen. Alle Städte und Kreise im Einzugsbereich der Emscher, die Zechen und alle Unternehmen mit einem hohen Wasserverbrauch mussten nun bei ihr Mitglied werden. Kanäle und Pumpen entstanden, die Zeit, in der ganze Stadtteile im Dreck versanken und Seuchen ausbrachen, ging zu Ende. „Dass heute rund 40 Prozent des mittleren Ruhrgebiets unter Wasser stünden, wenn die Pumpen nicht rund um die Uhr laufen würden“, glaubt Bleidick, „ist den Menschen nicht bewusst.“
Wie auch? Nur an wenigen Stellen im Ruhrgebiet fällt einem auf, dass es Poldergebiet ist: Da sieht man dann weit entfernt vom nächsten Fluss Deiche zwischen Wäldern und Wiesen. Und auch, dass viele der Teiche im Revier nicht nur Enten und Spaziergänger glücklich machen sollen, sondern zugleich Regenrückhaltebecken sind, lässt sich nicht einmal auf den zweiten Blick erkennen. 28 Meter ist der Boden in Essen-Katernberg nahe dem Weltkulturerbe Zeche Zollverein und in Dortmund in der Nähe der Zeche Hansa in Huckarde abgesackt. Geliehenes Land, das es ohne die Pumpen seit weit über hundert Jahren nicht mehr geben würde.
Der Historiker Dietmar Bleidick über die Notwendigkeit der Pumpen
Dem Bergbau und der Stahlindustrie verdankt das Ruhrgebiet seine Existenz. Ende des 19. Jahrhunderts explodierte seine Einwohnerzahl innerhalb von fünfzig Jahren von 1 auf 3 Millionen, um bis 1970 auf 5,2 Millionen anzusteigen. Auch heute noch ist die Region zwischen Hamm und Wesel mit 5 Millionen Menschen das größte Ballungszentrum der Republik. Der Preis dafür, dass das Revier zeitweise das industrielle Zentrum Deutschlands war, war hoch: verseuchte Bäche, Flüsse und Seen und Bodensenkungen, die in der Bundesrepublik einmalig sind.
Die Pumpen laufen zu lassen, damit ganze Stadtteile nicht absaufen, kostet Geld. Viel Geld: 288 Millionen Euro flossen 2025 ins Ruhrgebiet und kleinere Summen auch in die ehemaligen Bergbauregionen im Saarland und im westfälischen Ibbenbüren. Für das Geld kommt die 2007 gegründete RAG-Stiftung auf. Sie muss es mit den Gewinnen aus Beteiligungen und Investitionen erwirtschaften. In der Stiftung wurden der Besitz der ehemaligen Zechen, eine 40-Prozent-Beteiligung am Wohnungsbauunternehmen Vivawest und ein Anteil von 44 Prozent am Spezialchemiekonzern Evonik gebündelt. Im Laufe der vergangenen fast 20 Jahre beteiligte sich die RAG-Stiftung über ihre Investmenttochter RSBG an zahlreichen Unternehmen. Nicht immer mit Erfolg: 269 Millionen Euro hatte die RAG-Stiftung in die Signa-Gruppe des österreichischen Betrügers René Benko investiert. Als sein Imperium wie ein Kartenhaus zusammenbrach, mussten 189 Millionen Euro abgeschrieben werden.
Doch die Stiftung betreibt keine Pumpen, sie lässt pumpen. Im Ruhrgebiet sind das die Emschergenossenschaft, der Lippeverband und die Linksniederrheinische Entwässerungs-Genossenschaft, wobei die Emschergenossenschaft und der Lippeverband seit 1926 eine Verwaltungsgemeinschaft bilden.
Die Genossenschaften sollen dafür sorgen, dass das nördliche Ruhrgebiet für alle Zeiten nicht im Wasser versinkt. Es ist eine Aufgabe für die Ewigkeit. Wobei Dietmar Bleidick den Begriff Ewigkeit nicht allzu wörtlich nehmen will: „Aus Sicht eines Menschenlebens sind Zeitläufe, die sich über drei oder vier Generationen erstrecken, schon ewig.“ Man wolle damit ausdrücken: „Solange man das Ruhrgebiet zu Siedlungszwecken nutzt, muss man das System am Laufen halten.“ Aber wenn das nicht mehr der Fall sei, könne man natürlich auch alles volllaufen lassen.
Das Ruhrgebiet gehört nicht zu den Wachstumsregionen Deutschlands. Vor allem durch den Zuzug von Flüchtlingen wurde das Schrumpfen seiner Einwohnerzahl in den vergangenen zehn Jahren gebremst, aber vor allem im nördlichen Ruhrgebiet, der Emscherzone, wo gegen die Überflutung angepumpt wird, sind die Perspektiven schlecht.
Gelsenkirchen gehört nach nahezu allen einschlägigen Sozial- und Wirtschaftsindikatoren zu den ärmsten Städten Deutschlands. Mit Essen, Dortmund, Duisburg, Oberhausen und Herne gehören weitere Städte, die ganz oder teilweise im Emschergebiet liegen, bei Arbeitslosigkeit und Transferleistungsbezug bundesweit zu den Spitzenreitern. Bei den Einkommen liegen sie dagegen weit hinten. Und zum Teil sind hier die Einwohnerzahlen massiv zurückgegangen: In Gelsenkirchen, einst eine Stadt mit 400.000 Einwohnern, leben heute noch 270.000 Menschen. In vielen dieser Städte stehen Häuser leer und vergammeln. Die Städte und das Land geben Millionen aus, um sie aufzukaufen. Einige werden renoviert, viele aber auch abgerissen.
Die wirtschaftlichen Perspektiven des nördlichen Ruhrgebiets sind schlecht, seine demografischen ebenso. Schon 2010 forderte Günter Tebbe von der Bertelsmann Stiftung Städte im Ruhrgebiet auf, in den Dialog mit ihren Bürgern zu treten und nach gemeinsamen Lösungen beim Rückbau der Städte zu suchen. Dazu kommt, dass das Laufen der Pumpen davon abhängig ist, dass die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse auf Dauer stabil bleiben. Eine ungewisse Wette auf die Zukunft: Deutschland erlebte in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder Phasen mit Kriegen, Bürgerkriegen und wirtschaftlichen Katastrophen. Stabilität mag man sich dauerhaft wünschen, garantieren kann sie niemand.
Das weiß auch Uli Paetzel. Paetzel ist seit zehn Jahren Vorstandsvorsitzender der Emschergenossenschaft und des Lippeverbandes: „Wir schätzen, dass es zwischen ein und zwei Jahren dauern wird, bis nach Abschalten der Pumpen in den Poldergebieten Seen entstehen würden.“ Es gehe, auch mit Blick auf die russische Kriegsführung in der Ukraine, wo gezielt die Infrastruktur zerstört wird, darum, die Resilienz zu erhöhen. Die Emschergenossenschaft, sagt Paetzel, habe damit begonnen, die hydrologischen Grundlagen zusammenzustellen, um entscheiden zu können, wo man neue Seen entstehen lassen könne. Die tiefsten Poldergebiete seien in der Regel die Stellen, an denen die großen Wohnungsbaugesellschaften ihre größten Bestände haben. „Mit den Wohnungsbaugesellschaften könnte man reden, ihnen diese verbesserten oder andere Lagen anbieten, wenn sie beitragen, dass Pumpen abgestellt werden und ein See entstehen könnte.“ Wichtig sei, dass so etwas geplant passiere und nicht als Ergebnis einer katastrophalen Entwicklung.
Einen solchen geplanten See kann man sich seit 2011 in Dortmund anschauen: Auf dem Gelände des ehemaligen Stahlwerks Phoenix im Stadtteil Hörde ist der Phoenix-See entstanden. Aus einer ehemaligen No-go-Area hinter Werksmauern wurde ein beliebtes Ausflugsziel und begehrtes Wohngebiet.
Ob es künftig mehrere Phoenix-Seen im Ruhrgebiet geben wird, ist offen. Die Pumpen gezielt abzustellen, ist bislang ein Tabu, die Idee von Paetzel so logisch, wie sie neu ist. Aber sie könnte eine Perspektive jenseits einer angeblichen Ewigkeit eröffnen, die tatsächlich zeitlich eng begrenzt sein könnte.
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