US-Team bei Olympischen Winterspielen: Viel Liebe vor Ort, viel Hass auf Social Media
Die USA sind traditionell sehr präsent bei Olympia. Doch für welche USA sind Athleten und Zuschauer im Einsatz? Die Spiele sind politisch aufgeladen.
Die Eiskunstlaufwettbewerbe bei Olympia stehen nicht nur für Unterhaltung auf dem Eis. Auch ein Teil des Publikums nutzt die Events als Bühne für ein ganz eigenes Schaulaufen. Da sind junge japanische Frauen, die wie Mangafiguren daherkommen. Der Italiener, der sich als Super Mario verkleidet, ist auch immer da. Und dann sind da die unzähligen Fans aus den USA, die ebenfalls viel unternehmen, um ja nicht übersehen zu werden. Die junge Frau etwa, die als Freiheitsstatue zuschaut, die Männer in Stars-and-Stripes-Overalls oder jene mit handgestrickten Pullis mit riesigen Adlerköpfen.
Die US-Fans, die eine fast kindliche Olympiabegeisterung mit sich herumtragen, gehören traditionell zum Inventar der Spiele. Zu Tausenden sind sie auch dieses Mal nach Italien gekommen. Sie sorgen dafür, dass es besonders laut wird, wenn eine Sportlerin oder ein Sportler aus den USA auftritt. Die Frage, für welche USA sie jubeln, mussten sie sich bis zu diesem Jahr nie stellen. Diejenigen, die man anspricht, möchten sie meist nicht öffentlich beantworten. Doch es gibt auch US-Fans, denen man ansieht, wofür sie stehen. Die zahlreichen Pride-Fahnen, die jedes Eiskunstlaufevent auch zu einem queeren Familienfest machen, werden vor allem von Fans aus den USA geschwenkt.
Obwohl das Internationale Olympische Komitee politische Äußerungen fernhalten möchte von den Arenen und auch nicht davor zurückschreckt, den ukrainischen Skeletonfahrer Wladyslaw Heraskewytsch zu disqualifizieren, weil dieser auf seinem Helm im Krieg getöteten Sportlern gedenken wollte, schreiten in Mailand jedoch keine Ordner ein. Sie hätten viel zu tun. Wie groß die queere Community ist, die sich beim Eiskunstlauf versammelt, wird deutlich, als Amber Glenn beim Teamwettbewerb das erste Mal das Eis betritt. Es wird so laut, als wollten die Fans, noch im Weißen Haus in Washington gehört werden.
Amber Glenn badet in diesem Applaus. Sie sieht sich als Teil der LGBTQI-Community, hat ihren Sieg bei den US-Meisterschaften mit einer Pridefahne auf dem Eis gefeiert und trägt seit ihrer Ankunft in Mailand einen Regenbogen-Pin an ihrer Akkreditierung. Sie war noch vor der Eröffnungsfeier eine der ersten US-Athletinnen, die ihre Probleme mit der Regierung von US-Präsident Donald Trump auf einer Pressekonferenz öffentlich gemacht hat. Die Liebe, die ihr in der Halle zuteilwurde, steht in krassem Widerspruch zu dem Hass, der ihr umgehend in den sozialen Medien entgegen schlug.
Amber Glenn, Eiskunstläuferin
Nachdem sie mit dem Team die Goldmedaille gewonnen hatte, sprach sie von „einer angsteinflößenden Zahl von Hassbotschaften“ und stellte klar: „Aber ich werde nie aufhören, meine Stimme zu erheben, wenn ich an etwas glaube.“ Das Ergebnis war ein Lovestorm aus der Community der Olympiasiegerin, die 2019 öffentlich gemacht hat, dass sie bi- und pansexuell ist.
Schon bevor sie in den Fokus der Berichterstattung geriet, hatte die weit weniger bekannte Snowboarderin Maddie Mastro, die das Finale in der Halfpipe in Livigno am Donnerstag als Zwölfte beendet hat, auf Instagram Bilder von den jüngsten Demos in Minnesota repostet. Unmissverständlich hat sie so ihre ablehnende Haltung zu den ICE-Milizen zum Ausdruck gebracht.
Auf einem Pressetermin vor ihrem Wettkampf meinte sie, dass sie durchaus stolz sei, ihr Team, ihr Land zu vertreten. „Doch es macht mich traurig, was zu Hause passiert. Ich finde, wir dürfen davor die Augen nicht verschließen.“ Dann wurde sie deutlich: „Wir leben in Zeiten der Ungerechtigkeit.“
Viel mehr Aufmerksamkeit erregte der Fall des Freestyle-Skiartisten Hunter Hess. Der hatte eigentlich nicht viel mehr als seine gemischten Gefühle zum Ausdruck gebracht, die er nun als sportlicher Vertreter der USA bei den Spielen hat. Eine persönliche Erwähnung durch Donald Trump auf dessen Netzwerk Truth Social machte ihn umgehend zur Hassfigur des MAGA-Lagers.
Heimatkritik aus Liebe
Der Skiartist, der als Dritter der X-Games 2025, des weltgrößten Funsport-Events, bewiesen hat, dass er alles andere als ein Loser ist, antwortete auf Instagram auf eine wahrhaft patriotische Art: „Ich liebe meine Heimat. Es ist so vieles großartig in Amerika. Aber es gibt eben auch immer Dinge, die besser laufen könnten. Und was das Land wirklich toll macht, ist die Möglichkeit und die Freiheit, genau das auszusprechen.“ Hess, Mastro oder Glenn wurden mit ihren Äußerungen schnell zu Hoffnungsträgerinnen all jener, die noch an das Gute in Amerika glauben. Mündige Sportlerinnen, die ihre Heimat deshalb kritisieren, weil sie es lieben.
Sogar das IOC fand die zahlreichen politischen Äußerungen von Athletinnen aus den USA beispielhaft. Wie toll es doch sei, dass auch während der Olympischen Spiele jeder offen seine Meinung sagen könne – auf Social Media ebenso wie auf Pressekonferenzen, freute sich sogar IOC-Sprecher Mark Adams auf einer seiner täglichen Pressekonferenzen in Mailand. Die kritischen US-Athletinnen wissen in der Tat nur allzu gut, wie sie nicht in Konflikt mit dem IOC geraten, so wie es Wladyslaw Heraskewytsch passiert ist.
Wie sie in den USA von den offiziellen Stellen empfangen werden, wenn sie nach dem Spielen zurückkehren, wissen sie noch nicht. Vize-Präsident JD Vance hat, auf Hunter Hess angesprochen, schon mal klargestellt, dass die Sportler nicht bei den Spielen seien, um sich über die Politik auszulassen. Wenn sie es dennoch tun, müssten sie mit Gegenwind rechnen.
Der bleibt Amber Glenn noch erspart, solange sie in Mailand ist. Am Dienstag startet sie mit dem Kurzprogramm in den Einzelwettbewerb. Menschen in den merkwürdigsten Kostümen werden US-Fahnen in die Höhe halten. Zahlreiche Pride-Fahnen werden zu sehen sein. Vielleicht wird auch wieder jener US-Fan aus Greenwich, Connecticut in der Halle sein, der neulich eine US-Fahne mit der Aufschrift „Entschuldigung an die Welt für unser schlechtes Benehmen – wir bringen das selbst wieder in Ordnung“ hochgehalten hat. Ob es das IOC möchte oder nicht, ob es der US-Regierung gefällt oder nicht, es wird eine politische Demonstration werden. Gut so!
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