US-Produzent Galcher Lustwerk

Engel in Arbeitskluft

Rappen auf dem Dancefloor: Beim US-Houseproduzenten Galcher Lustwerk gehen neue Pforten auf. Das beweist sein Album „Information“.

Galcher Lustwerk sitzt auf einem Stuhl in einem Lichtkegel

Lichts ins Dunkel: Galcher Lustwerk ersinnt neue Reime Foto: Collin Hughes

Wenn die Jalousien unten sind, wirft Galcher Lustwerk seine Musik an. Die Augen halb geschlossen, atmet er durch, schaltet das Mikro ein. Beim Zuhören poppen sofort Gedanken auf, ungeordnete zunächst, die der US-Produzent mit sonorer Stimme sprechsingt, sie laufen frei, ergeben Sinn, weil sie zu Musik werden. Galchers Stimme klingt angestrengt cool. Oder gespenstisch cool, eine Coolness, die auch Schutz sucht. Ängstlich cool, ärgerlich cool. Alle Krankenkassen sind cool.

Manchmal gelingt Galcher die Coolness mit Wortwiederholungen und Alliterationen, dann auch mit dem Trick, am Anfang eine Silbe zu dehnen oder am Schluss ein Wort zu betonen. Zum Wundern schön klingt das. Beim Abschweifen sind es immer Kadenzen, die im Zusammenspiel mit dem Puls seines pumpenden elektronischen Dance­floor­sounds den Flow seiner Musik ergeben, so wird sie selbst in somnambulsten Momenten transparent, beflügelnd, tritt der Vereinzelung auf dem Dancefloor mit Wonne entgegen.

Und Wonne ist auch das Stichwort für den assoziativen Künstlernamen Galcher Lustwerk: Kultur? Sex! Kraftwerk?! Das Maschinelle kommt bei ihm auf jeden Fall ins Stottern und den Gesang hat er niedrig dosiert, es geht nicht ums Zutexten, erhebt er die Stimme, was ihm manchmal hörbar schwerfällt, spricht er von Vergnügen, Verschwendung, Verdruss, Verlust. Und von Engeln in Arbeitskluft. „Angel / Angel / Ever seen an Angel / Touched by an Angel / Do it like an Angel / Always knew there was Angels / You could wear the same clothes / Be in the Club / Go to Work in the same clothes / Competitors don’t know / Competitors running in circles with no show / Show up and take the Dough.“

Innerer Monolog

„Cig Angel“, Zigarettenengel, heißt der Track, der auf dem neuen, schlicht „Information“ betitelten Album des US-Produzenten enthalten ist. Es einer dieser Galcher-Tracks, die mehr als einen Gemütszustand ausdrücken. Die Assoziationen verblüffen immer aufs Neue, wie bei einer Lampe, die je nach Tageslicht anders leuchtet. Gibt es Schutzengel? Und wenn, ja, warum tummeln sie sich in Arbeitskluft auf dem Dancefloor? „Das ist eine Art innerer Monolog“, erklärt Galcher der taz. „Ich kommuniziere nicht direkt mit den Leuten, eher versuche ich, mich ihnen auf einer unbewussten Ebene anzunähern. Nach außen hin mach ich zu, konzentriere mich auf die Musik und spreche aus, was mir gerade durch den Kopf geht. Logo, ich mag Rap und lasse die Worte wie Reime klingen, Slang fließt definitiv mit ein, aber ich überführe den Storytelling-Aspekt von HipHop auf den Dancefloor. Angeberei passt da nicht.“

Galcher Lustwerk: "Information" (Ghostly International/Secretly Distribution)

Bekannt wurde der 32-jährige Galcher Lustwerk, der seinen bürgerlichen Namen geheim hält, 2013. Da machte sein Mixtape „100%Galcher“ die Runde. Neben der sonoren Stimme fielen dabei sofort die Hallfahnen der Synthesizer auf, die wie einsame Glocken und nervige Wecker bimmeln, blitzartig zucken, die Reime auf Trab halten und natürlich die 808 Drummachine, die Galcher Lustwerk eher sachte programmiert, Stampede auf Samtpfoten. Auch für die zwölf Tracks von „Information“ hat Galcher Lustwerk aus dieser Klangpalette wieder ein Kondensat gemacht.

2013 war er noch Teil der Posse um das Label White Material, „Working Man’s Techno“ steht auf ihren Maxi­singles. Der Handwerksaspekt ist betont. White Material waren neben Galcher Lustwerk vier weitere Produzenten, die sich alle an der Rhode Island School of Design kennengelernt haben und ihre unterschiedlichen Vorlieben und Musiksozialisationen gewinnbringend zusammengeführt haben. Nach acht Platten legen sie das Projekt 2018 wieder auf Eis, jeder der fünf kommt nun allein klar. Man tauscht sich weiter aus, bleibt in Verbindung.

Inzwischen lebt Galcher Lustwerk in Queens, dem Blue-Collar-Bezirk von New York. Ursprünglich stammt er aus Cleveland, einer Hafenstadt am Lake Erie im Rustbelt des Mittleren Westens, die ihn geprägt hat. „Da ist nicht viel geboten. Das Kulturleben beschränkt sich auf ein paar Museen, die man ein-, zweimal im Leben besucht. Die einzige Mainstream-Unterhaltung bietet Sport. Ansonsten ist Cleveland eine entvölkerte, deprimierende Großstadt und sie bringt einen auf bittersüße Ideen. Ich bin in einem schläfrigen Hippieviertel aufgewachsen, die Leute verbringen viel Zeit zu Hause und entwickeln teils wunderliche Ideen, aber auch großartige abgedrehte Musik.“

Auf „Information“ hat Galcher Lustwerk erstmals analoge Drums eingebaut, „weil ich es ein bisschen softer, aber trotzdem kraftvoll haben wollte. Statt der fetten Bassdrum funzt jetzt der Bass stärker, plötzlich war mehr Raum für Experimente.“ Zum Tragen kommt das etwa in dem Track „Fathomless Irie“, der von einem Elektrobeat angeschoben wird und eine melancholische Industriestadt-Atmosphäre transportiert. Bis sich das Echo von Galchers Stimme wie Bodennebel über den Sound legt. Er wiederholt lediglich „I’ve never been to Africa“. „Anfangs war das eine Metapher dafür, nach Hause zu gehen, wie auf den alten Jazzplatten, in denen Afrika als utopischer Ort idealisiert wird. Das habe ich von Afroamerikaner:innen gehört, die erstmals dort waren und sich gleich aufgehoben fühlten. Und ich habe mir diese Vorstellungswelt zu eigen gemacht: Ich war zwar noch nie in Afrika, aber diese Situation kann ich mir in der Fantasie gut ausmalen.“

In der Realität von Trumps Amerika geht es den allermeisten Bekannten beschissen, erklärt Galcher Lustwerk. „Viele Leute sind abgestumpft und deprimiert, fühlen sich angesichts der Lage ohnmächtig. Das Beste, was ich für die Gesellschaft tun kann, ist House zu produzieren, um besonders People of Color damit zu inspirieren, damit das Genre endlich wieder die verdiente Anerkennung findet.“ Das gelingt ihm bestens: Galcher erinnert in seinem minimalistischen Vortragsstil an die MCs, Masters of Ceremonies, die in den Neighborhoods-Partys als Moderatoren begleiten, das Buffet für eröffnet erklären, bestimmte Gäste namentlich begrüßen, die Leute dazu animieren, eine gute Zeit zu haben.

Illegale Raves

In Queens hat sich in letzter Zeit eine blühende Houseszene etabliert, es gibt wieder illegale Raves mit MCs, und in solchen Nächten werden selbstverständlich Genregrenzen überwunden. Neben Galcher Lustwerk ist auch der italienische Produzent Madteo zu erwähnen, der des Öfteren mit dem Rapper Sensational kollaboriert. „Es tut sich was, die Leute haben endlich begriffen, HipHop und Housesound wieder zusammenzudenken“, erklärt Galcher.

In den späten Achtzigern, als House die Tanzböden erstmals rockte und weit mainstreamtauglicher war als heute, gab es schon einmal die Kreuzung aus Rapping und straighten 4-to-the-Floor-Beats. Jener Sound wurde seinerzeit HipHouse getauft, blieb allerdings recht einseitig auf die Spaßeffekte der Party reduziert. Galcher Lustwerk kennt den alten Kram natürlich, aber der 32-Jährige erweitert das Genre heute definitiv sowohl textlich als auch musikalisch und bringt den Dancefloor mit Bewusstseinsströmen zum Beben. „Ich hoffe, dass mein kaputter Sound auch als solcher erkannt wird.“

Galchers Reime klingen manchmal faul, fast resigniert, als würde er lieber aufgeben, das Gegenteil von einem Einpeitscher. „Diese Szenarien haben mit meinem Alltag und dem von vielen anderen zu tun, aber das ist nicht real, ich hole immer absurde Begebenheiten in den Clubkontext, um die Leute ins Grübeln zu bringen. Wenn ich über teure Schlitten rappe, ist es doch so, dass ich in Wahrheit gar keine haben möchte. Sie sind mir scheißegal, und die Leute sollen das merken. Trotzdem bin auch ich ein Opfer von Konsum. Und ich bin von Zweifeln geplagt und diese Zweifel tauchen oft in meinen Texten auf.“

Wie viele afroamerikanische Künstler:innen plagt Galcher Lustwerk die Sorge, zu wenig Wertschätzung zu finden. „Es gibt definitiv die Angst, ausradiert zu werden, so wie das einst im Rock ’n’ Roll passiert ist, als Elvis Presley mit den Moves von Chuck Berry berühmt wurde und Berry erst mal das Nachsehen hatte. Ich bin auf der Hut! Andererseits glaube ich, dass im Internet nichts untendurch fällt und das eben dafür sorgt, dass House zurückkommt. Selbst HipHop funktioniert noch immer durch die einzigartige Power der schwarzen Kultur, kein Mainstream der Welt kann das nivellieren. Genauso bin ich überzeugt davon, dass es House immer geben wird und dass er als genuin afroamerikanische Kunstform anerkannt wird.“ Was für ein Rapper, was für ein Album.

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