Neues Album von Sam Prekop: Strukturierendes Satzzeichen

Auf seinem neuen Album „Comma“ verschränkt US-Künstler Sam Prekop Popsongs mit eleganten modularen Synthesizer-Skulpturen.

Portrait von Sam Prekop

Lights, Camera, Action: US-Musiker Sam Prekop Foto: Barry Phipps

Zufall ist ein Element, dem improvisierende Musiker_innen eher zurückhaltend gegenüberstehen. Vielmehr bedeutet die Konzentration auf den Moment, dass sie Entscheidungen treffen: Wann sie spielen oder sich gegenseitig zuhören, welchen Klang sie mit welchen Mitteln erzeugen wollen. Ein ausgeprägtes Zeitempfinden gehört dazu. Was aber, wenn ein Instrument nicht so tönt, wie beabsichtigt und seine Spielzüge nicht restlos vorhersehbar ist?

Für die Verbindung von Improvisation und Zufallsoperationen, die elektronischen Instrumenten eigen sind, finden nur wenige Ausdrucksformen, die auch künstlerisch überzeugen. Eine herausragende Ausnahme ist der US-Komponist und Musiker George Lewis, der schon seit langer Zeit kein Problem damit hat, seine akustischen Instrumente von Computerprogrammen steuern zu lassen. Die Offenheit für solche Experimente findet man eher in der zeitgenössischen Musik als bei Jazzmusiker_innen.

In Chicago, woher Lewis stammt, ist das seit jeher anders. Deshalb hält auch Sam Prekop nicht viel von Genrezuschreibungen. Geboren 1964 in London, ist Prekop in Chicago aufgewachsen. Pilsen, das Stadtviertel, in dem er heute lebt, wurde seit dem 19. Jahrhundert von europäischen Einwanderern und US-Amerikaner_innen aus Lateinamerika geprägt. Prekop ist Gründungsmitglied, Gitarrist und Sänger der Indie-Popband The Sea and Cake, deren Mitglieder seit Mitte der 1990er auch in Postrock, Jazz und experimenteller Zusammenhängen frei flottieren.

Vorwärts rollende Grooves

Seit Ende der Neunziger veröffentlicht Prekop auch Solo-Alben. Auf seinem Debüt von 1999 spielt er Klavier und Gitarre und singt seine Eigenkompositionen mit zarter Stimme, gebettet auf vorwärts rollenden Grooves. Diesen Ansatz hat er auf dem zweiten Album, eingespielt mit dem gleichen Personal, perfektioniert. Jeder Song entfaltet eine eigene Stimmung, mit eleganten Referenzen an Soul, Bossa Nova und einem Hauch von Dancefloor, stets getragen von Chad Taylors Schlagzeug und Josh Abrams’ Bass, die das rhythmische Rückgrat zugleich prägnant und gelassen ausfüllen.

Album: „Comma“ (Thrilljockey/Rough Trade)

https://samprekop.bandcamp.com/

Wie schon bei Alben von The Sea and Cake speiste John McEntire hier Synthesizer ein und mixte das Album. Deshalb begann auch Prekop Anfang der 2000er Jahre, mit modularen Synthesizern zu experimentieren und legte 2010 schließlich sein erstes Synth-Album „Old Punch Card“ vor. Darin verlässt er die Songstruktur und lässt stattdessen die Klänge bestimmen, welchen Raum sie zur Entfaltung brauchen.

Zufall ist dabei kein Störmoment – weil er dem Instrument innewohnt, ist Prekop eher Arrangeur denn Komponist und stellt sich selbst als Rad in dieses Getriebe. Auf „The Republic“ wiederum tritt Prekop deutlicher als Lenker in Erscheinung. Einen Teil der Stücke kreierte er für eine Videoinstallation des Künstlers David Hartt, der andere manifestiert bestimmte Klänge in serieller Form.

Treibende Druckwellen

Auf seinem neuen Werk, „Comma“, ist nun alles zurück: die Brüche und Kontraste, die Verspieltheit vom Kinderlied bis zur Ambient-Hymne, die irrlichternden Schichten, die treibenden Druckwellen. Als Singer-Songwriter gelingt es Prekop, das Vergnügen am Ausloten von Vorder- und Hintergrund, an Melodien als Trigger für Emotionen in die elektronische Sphäre zu übertragen. Und zwar, ohne den Zufallsfaktor des Instruments einzuebnen, sondern als Handreichung zur Improvisation zu nutzen.

Entscheidend für die Wahrnehmung der einzelnen Stücke als Songs ist auch die Verwendung von Drum Machines: als rhythmische Grundierung, komplementären Puls zu ungerichteten Signalen oder als ihr Verstärker. Sie simulieren kein Schlagzeug, sondern unterstreichen die Artverwandtschaft mit dem Synthesizer in ihrer Daseinsform als Apparate. Das Titelstück „Comma“ ist ein schneller Ritt durch unregelmäßige Rhythmen, die verschoben aufeinandertreffen und so Spannung erzeugen für die pochenden Geräusche und Klangflächen. Ein Stück wie „Park Line“ macht sich gut für eine Radfahrt bei hohem Tempo, mit „The New Last“ klingt eine durchtanzte Nacht im Morgengrauen aus.

Die Verkettung repetitiver Strukturen wie in „Circle Line“ und „Approaching“ erinnert an Laurie Spiegel. Wie viel der Elektronikpionierin in Sam Prekop steckt, mögen Exegeten bitte an anderer Stelle aufzeigen. Auch wenn Prekops neues Album als in sich stimmiges Werk über Lautsprecher oder Kopfhörer bestens rezipiert werden kann, ist betrüblich zu wissen, dass der technische Aufwand einem Live-Konzert entgegensteht. Nur selten können Zuschauer_innen Prekops Modularisierung von Liedern im Zeichen der Improvisation in einer Bühnensituation nachvollziehen.

Bleibt noch der Hinweis, dass Prekop, Absolvent des Art Institute of Chicago, eher eine Verbindung zwischen seiner Musik und seiner Malerei zieht als zu seiner Fotografie. Weshalb die Beschreibung der Musik als Klanglandschaften auch Sinn macht, deren farbliche Ausgestaltung und Pinselführung den Hörenden aber selbst überlassen bleibt.

Das titelimmanente Komma dürfte also kein Zufall sein: Als Werk steht das neue Album für sich, aber in der Laufbahn Prekops für eine Etappe, der hoffentlich weitere folgen.

Einmal zahlen
.

Fehler im Text entdeckt? Wir freuen uns über einen Hinweis!

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de