US-Baseball: Die liebenswerten Looser
Die Philadelphia Phillies haben in ihrer 124 Jahre währenden Geschichte nun 10.001 Mal verloren. Ein einsamer Rekord.
Es war ein typischer Sommertag in Philadelphia. Die einheimischen Phillies spielten mal wieder miserabel und lagen hoffnungslos mit 2:10 zurück. Das Kummer gewöhnte Publikum zeigte sich weitgehend lethargisch, nur selten mischten sich Buhrufe in die entspannte Atmosphäre. Dann, am Ende letzten Innings, geschah das Seltsame: 44.872 erhoben sich im ausverkauften Haus und applaudierten. Der Anlass: Ein Rekord. Die Phillies hatten zum 10.000. Mal in ihrer Geschichte verloren, so oft wie keine andere Sport-Franchise in den USA.
"Da muss man sich nicht schämen", fand Tony La Russa. Er hat leicht reden, er ist der Manager der siegreichen Cardinals und sicherte sich den letzten Spielball, um ihn für einen wohltätigen Zweck versteigern zu lassen: "Dieser Ball ist Geschichte."
Die Phillies versuchten, es mit Galgenhumor zu nehmen: Einen "großartigen Meilenstein" nannte Pitcher Adam Eaton den Rekord, denn "schließlich muss man eine sehr lange Tradition haben, um so etwas zu erreichen". Nach einem 3:10 bei den Los Angeles Dodgers steht der Rekord nun bei 10.001 Pleiten.
Alles begann im Jahr 1883. Damals wurde der Klub unter dem Namen Philadelphia Quakers gegründet. Im allerersten Spiel gab es die erste Niederlage: 3:4 gegen die Providence Grays. In den 124 Jahren seitdem hat man allerdings auch einige Siege eingefahren, 8.810 insgesamt. Das reichte einmal sogar zum großen Wurf: 1980 gewannen die Phillies die World-Series, 1983 und 1993 erreichten sie die Endspielserie.
Ansonsten ist die Klub-Geschichte gepflastert mit Enttäuschungen, tragischen Niederlagen und viel Häme. 1960 etwa trat Manager Eddie Sawyer bereits nach dem allerersten Spieltag, einer 4:9-Niederlage gegen Cincinatti, zurück. Seine Begründung: "Ich bin jetzt 49 Jahre alt und ich möchte meinen 50. Geburtstag noch erleben."
Der Tiefpunkt folgte 1964: Zwölf Spieltage vor Schluss führten die Phillies mit sechs Siegen die National League an, deren Gewinn damals noch die direkte Qualifikation für die World Series bedeutete. Der TV Guide, die führende Fernsehzeitschrift der USA, hatte bereits eine Vorschau gedruckt und mit dem Stadium der Phillies aufgemacht. Die aber brachten es fertig, zehn Spiele hintereinander zu verlieren. Statt ihnen feierten die St. Louis Cardinals den Liga-Titel. Der sogenannte "Phold" (zusammen gesetzt aus "Phillies" und "fold") oder auch "Phillie Phlop" gilt als einer der dramatischsten Zusammenbrüche eines Teams in der amerikanischen Sport-Geschichte.
"Es ist schon hart ein Phillies-Fan zu sein", erzählte Andrew Haines, ein 25-jähriger Zuschauer, der Nachrichtenagentur AP, "es gibt eine ganze Menge Baseball-Witze mit Pointen auf ihre Kosten. Diese 10.000 Niederlagen macht die Sache nicht besser." Dabei ist es eigentlich noch schlimmer: Playoff- und World-Series-Spiele zählen gar nicht zur Verlustpartiengesamtsumme. Sonst stände der Rekord bereits bei 10.036.
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