Trinken im öffentlichen Raum: Flensburg Trinkerszene bekommt eine Kneipe
Schleswig-Holstein will Alkoholverbotszonen leichter ermöglichen. Flensburg will die Szene nicht verdrängen, sondern macht lieber ein Angebot.
F euchter Schnee sinkt in wattigen Flocken auf den Südermarkt am Ende der Flensburger Fußgängerzone. Menschen eilen vorbei, die meisten haben es offenbar eilig, ins Warme zu kommen. Aber vor dem Eingang zur öffentlichen Toilette, die in einer Beton-Bausünde vor der Nikolaikirche untergebracht ist, hat jemand ein Lager aus Kleiderbündeln und Decken ausgebreitet.
Er steht direkt daneben, eine Decke über den Schultern, und plaudert mit einem zweiten Mann, der eine Bierdose in der Hand hält. Ein alltäglicher Moment in Flensburg mit seinen knapp 100.000 Einwohner:innen. „Der Südermarkt ist ein Ort, an dem sich die unterschiedlichsten Menschen treffen, das war schon immer so“, sagt Gerald Fust, der die städtische Fachstelle für Wohnhilfe und Schuldnerberatung leitet.
Doch in den vergangenen Jahren gab es häufig Beschwerden von Anwohner:innen und Ladenbesitzer:innen. Von „lautstarken Streitigkeiten, blockierten Hauseingängen und Sachbeschädigungen“ schreiben die lokalen Flensburger Medien. Es seien „Drogen konsumiert“ worden. Ladenpersonal sei „körperlichen und verbalen Angriffen“ ausgesetzt.
Das Land Schleswig-Holstein will Kommunen nun ein Werkzeug in die Hand geben, um künftig solche „Plätze sicherer und sauberer zu machen“, erklärte Innenministerin Magdalena Finke (CDU) im Januar. Es geht um eine Änderung des Landesverwaltungsgesetzes mit dem Ziel, Alkoholverbotszonen im öffentlichen Raum einzurichten. Das schwarz-grüne Kabinett hat den Gesetzesentwurf gebilligt, nun muss der Landtag ihn beraten. Aber helfen Verbotszonen überhaupt?
Clemens Teschendorf, Sprecher der Flensburger Stadtverwaltung
Clemens Teschendorf, Sprecher der Flensburger Stadtverwaltung, ist zögerlich. „Wir werden uns das in Ruhe angucken, wenn das Gesetz endgültig durch das Parlament gegangen ist. Aber eine Verbotszone kann zu einer Verdrängung führen.“ Die Menschen verschwinden nicht, sie ändern nur ihren Aufenthaltsort. „Ich will den Südermarkt nicht an einen anderen Ort in der Stadt verpflanzen“, sagt Teschendorf.
Die Stadt geht daher andere Wege. Eine Arbeitsgruppe wurde eingesetzt, zeitweise unter der Leitung von Kurzzeit-Sozialstadträtin Noosha Aubel, die im Oktober 2025 Oberbürgermeisterin von Potsdam wurde. Ein Bündel von Maßnahmen hat man entworfen. Denn die Beschwerden der Anwohner:innen nehme die Stadt durchaus ernst, sagt Teschendorf: „Wenn regelmäßig Ladeneingänge als Toiletten benutzt werden, ist verständlicherweise die Lust der Inhaber begrenzt, das jeden Morgen wegzumachen. Die Stimmung wurde hitziger.“
Auch früher sei der Südermarkt ein Treffpunkt gewesen, aber es habe sich etwas verändert, sagt Gerald Fust von der Wohnungshilfe. Andere Orte in der Stadt seien neu bebaut oder verändert worden, und wer sich bisher dort traf, ging nun zum Südermarkt: „Man will da sein, wo etwas los ist, das ist ganz menschlich.“ Hinzu kamen weitere Gruppen, etwa Arbeitsmigrant:innen aus anderen EU-Ländern, die auf einen neuen Job warten, und Menschen, die andere Drogen als Alkohol nehmen.
Mit jeder Gruppe wuchs die Zahl der Personen am Südermarkt, damit wuchsen auch Unruhe und Lautstärke, und ja, es habe Streit und körperliche Auseinandersetzungen gegeben. „Flensburg konnte das lange gut händeln“, sagt Fust. „Politik, Anwohner, Geschäftsleute waren der Meinung, dass wir es hinkriegen, ohne jemanden zu verdrängen. Aber das hat sich nicht durchhalten lassen.“
Daher gibt es seit Dezember 2025 den „Trinkraum“. Mit dem Namen sind Fust und Sozialarbeiter Andre Denninghoff nicht ganz glücklich, es sei noch ein Arbeitstitel. Allerdings beschreibt das Wort recht gut, worum es geht. In einer ehemaligen Kneipe, der „Alten Apotheke“, die wenige Geh-Minuten vom Markt entfernt liegt, können sich Menschen treffen, um Alkohol zu trinken – selbst mitgebrachten und nichts Stärkeres als Wein. Die Idee hat Flensburg aus Kiel übernommen, dort gibt es bereits einen Trinkraum.
Trinkraum bietet Ruhe und Schutz
Dabei stehe das Trinken nicht im Mittelpunkt, sagt Denninghoff: „Einige treffen sich zu Kniffel und Backgammon, sogar Schach wurde schon gespielt.“ Für Frauen gebe es geschützte Bereiche, und auch die Männer seien froh über den Raum: „Ein Großteil ist selbst genervt vom Südermarkt. Die kommen gern zu uns, um hier in Ruhe sitzen.“
Das Modell war anfangs umstritten, vor allem die Nachbarschaft hatte Bedenken: „Da gab es Ängste, dass der Wert der Häuser sinkt oder dass Leute auf der Straße Krach machen“, berichtet Fust. Doch nach wenigen Wochen seien diese Sorgen verschwunden. Weder gab es Zoff noch liege Müll herum. „Es sieht besser aus als vorher“, sagt Denninghoff. „Nachbarn kamen schon mit Schoko und Keksen als Dankeschön vorbei und freuten sich, wie toll es läuft.“ Die Gäste selbst achteten auf Ordnung und wiesen sich gegenseitig in die Schranken.
Dabei waren auch die Leute vom Südermarkt anfangs skeptisch. Als erster Besucher kam jemand, der offen sagte: „Ich bin der Späher, ich soll mal gucken“, erzählt der Sozialarbeiter. „Am nächsten Tag waren sie zu zweit.“ Inzwischen seien täglich 14 bis 20 Personen während der Öffnungszeiten da, die von vormittags bis zum Nachmittag dauern. 249 Gäste zählte das Team im ersten Monat. „Ein Erfolgsmodell“, freut sich Gerald Fust.
108.000 Euro im Jahr hat die Ratsversammlung für das Projekt bewilligt. Die große Frage wird sein, was im Sommer passiert. Denn dass ein warmer Raum bei Schneegriesel und Regen eine schöne Alternative darstellt, ist verständlich. Bei Sonnenschein mag das anders aussehen. „Ist uns bewusst, das warten wir ab“, sagt Clemens Teschendorf.
Menschen anziehen, nicht vertreiben
Selbst im Winter versammelt sich im Trinkraum nur ein gewisser Teil der Südermarkt-Szene: überwiegend Flensburger, die Alkohol, aber kaum andere Drogen konsumieren. Daher laufen parallel weitere Maßnahmen an. Der Ordnungsdienst geht öfter Streife. Angedacht ist außerdem, das Beton-Podest mit der öffentlichen Toilette neu zu gestalten. Und dann gibt es noch die Blau:Pause, einen offenen Treff in einem Bürogebäude in der Nähe des Südermarkts.
Das Angebot ist ein Äquivalent zum Trinkraum: Es geht nicht um Vertreibung, sondern darum, Menschen anzuziehen. Dort stehen Arbeitsplätze für Co-Working, Seminar- und Bastelräume zur Verfügung und auch ein Saal für Gymnastik. „Wir hatten gedacht, dass Studierende kommen, aber es sind überwiegend Rentner:innen“, berichtet eine Sprecherin des Vereins „Transformationszentrum Flensburg“, der die Blau:Pause betreibt.
Das Ziel ist aber auch mit den Rentner:innen erreicht: Der Treff bewirkt, dass mehr und andere Menschen zum Südermarkt kommen. Das sorgt für eine Durchmischung, und die ist durchaus gewollt: „Das ist ein wichtiger Platz für Flensburg. Wir wollen etwas tun, damit alle etwas davon haben“, sagt Gerald Fust.
Am Rand des Markts sitzt ein Mann auf dem Boden, vor sich ein Schild, mit dem er um Spenden für Essen bittet. Was er vom Trinkraum hält? Er zuckt mit den Achseln. Schon klar, für seine Zwecke ist die „Alte Apotheke“ ungeeignet. Er muss auf der Straße und sichtbar sein, sonst verdient er nichts.
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