Trend Sport-Dokumentationen: Bis unter die Dusche

Von „Kroos“ bis „All or nothing“: Sport-Dokus trenden. Ihre Emotionalität ist unterhaltend, aber auch Marketing-Instrument.

Spieler des Fußballteams Manchester City in der Doku-Serie "All or nothing"

Szene aus der Amazon-Serie „All or nothing“ über das britische Fußballteam Manchester City Foto: Everett Collection/amazon/imago

Ob „Schw31ns7eiger: Memories“, „Diego Maradona“ oder „Kroos“ – Sportdokus boomen. Vor allem die großen Videoplattformen haben das Potenzial erkannt und wollen „das Thema“ weiter ausbauen, wie der Sprecher von Amazon Michael Ostermeier ankündigt. „Das Genre ist bei uns sehr wichtig“, sagt er. Dabei hat der Boom nicht erst mit Corona und dem Mangel an Live-Sport-Events begonnen.

Bereits 2016 startete Amazon in den Vereinigten Staaten eine „Kooperation“ mit der NFL. Bei „All or nothing“ begleiten Filmteams die Mannschaften der US-Football Liga praktisch bis unter die Dusche. 2018 wurde das Konzept auf Europa und Fußball ausgeweitet: mit Manchester City. Nicht nur der Onlineanbieter ist glücklich, auch die Vereine sind es. Gerade hat der FC Bayern München seine Zusammenarbeit mit dem Bezahldienst verkündet.

Der Blick hinter die Kulissen des Rekordmeisters, angefangen beim Sieg im Champions-League-Finale in Lissabon 2020 bis zum Ende der Saison 2020/21, sei so „nah dran wie noch nie“.

In der Pressemitteilung verriet der FC-Bayern-Vorstand Oliver Kahn den Grund für die neue Offenheit. Die Dokumentation sei eine großartige Chance, die weltweite Präsenz des Clubs auszubauen: „Wir können mit unserer Geschichte Millionen von Menschen erreichen und für uns begeistern.“ Anders gesagt: Die Serie ist ein hervorragendes Marketinginstrument. Die größere Aufmerksamkeit bedeutet zum Beispiel auch eine größere Attraktivität für die Sponsoren.

Nicht nur „Einheitsbrei“

Amazon hat nach eigenen Angaben 150 Millionen Abonnenten. Die Vereine haben ein großes Mitspracherecht bei der Produktion der Inhalte, doch anders geht es wohl nicht, laut Ostermeier: „Denn ohne Zusammenarbeit gibt es keinen Zugang zu den Vereinen.“ Die lassen sich Vereine auch mal stattlich vergüten: Laut Branchenexperten hat „Man City“ für den Blick hinter die Kulissen 10 Millionen Pfund erhalten.

Amazon sieht noch viele weitere Möglichkeiten, wird bald auch Live-Übertragungen anbieten und startet im Herbst mit den Dienstagsspielen der UEFA Champions League. Dem Publikum scheint es zu gefallen, auch wenn die Betreiber auch hier vermeiden, konkrete Abruf- oder sonstige Zahlen zu nennen. Nicht nur die bekannten Namen bürgen für Aufmerksamkeit bei den Nutzer*innen. Die weltweite Verwertung von Inhalten erlaubt es den Videoplattformen, nicht nur „Einheitsbrei“ zu bringen.

„Q Ball“ auf Netflix porträtiert die Basketballmannschaft des kalifornischen Hochsicherheitsgefängnisses San Quentin. Mit dem Sport versuchen die Strafgefangenen, ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben und sich von ihrer kriminellen Vergangenheit zu lösen.

Ungewöhnlich ist auch das Projekt „Kings of the Universe“ über Edward van Gils, den „Godfather of Streetsoccer“. Der Niederländer van Gils, der in der Jugend selbst in Konflikt mit dem Gesetz geriet, ist weltweit unterwegs, um jungen Menschen in schwierigen sozialen Verhältnissen über den Sport neue Wege aufzuzeigen. Björn Tanneberger von Warner Bros ITVP Deutschland bereitet die Serie vor.

Formate abseits des Mainstreams

„Sport bietet immer eine hohe Emotionalität und ist als Genre geradezu dafür prädestiniert, um Geschichten zu erzählen“, erklärt der Produzent. Visuelle Brillanz sei dabei in der Umsetzung unerlässlich. Er und seine Kollegen planen zurzeit mit „Trigger“ noch eine weitere Doku, die abseits des Mainstreams und in ungewöhnlichen Bildern, wie er betont, für Interesse beim Publikum sorgen soll:

„Wir porträtieren hier junge Fußballspieler in Berlin um die Jahrtausendwende, sie waren Berliner Jungs von der Straße, die Bad Guys des Vereins, und wurden trotz vieler Rückschläge und ihrer Unangepasstheit Nationalspieler. Sie bereiteten den Weg für die heutige Generation von Fußballspielern mit oder ohne Migrationshintergrund.“

Tanneberger will zusammen mit dem Regie-Duo Max Kupfer und Florian Sigl bei „Trigger“ Fiktion und Realität zu einer „kreativen Einheit“ verschmelzen“. Tanneberger realisierte bereits den Überraschungserfolg „Die Rückkehr des Pokals“ über das Endspiel zwischen Eintracht Frankfurt und Bayern München. „Der Film hat es geschafft, dieses Gefühl auszulösen und die Faszination auf die Leinwand zu transportieren“, zeigte sich „Charly“ Körbel damals begeistert.

Der Rekordspieler, der 600 Spiele für Frankfurt absolvierte, muss es wissen. Er saß 2018 als Fan beim Finale und überreichte anschließend den DFB-Pokal.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben