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Von Sven Beckstette
Am 20. September 2025 landete Xania Monet mit dem Lied „How Was I Supposed to Know?“ auf dem ersten Platz der US-R&B-Charts im Bereich digitale Verkäufe.
Später zog das Stück auch in andere Hitlisten ein. In dem Song geht es um einen Vater, der nicht zu lieben gelernt hat. Das Besondere an dieser Platzierung? Die Künstlerin Xania Monet gibt es gar nicht. Es ist eine KI-basierte Persona. Damit hat es erstmals eine Kreation von künstlicher Intelligenz in eine Hitparade geschafft.
Produziert wurde Monet von der 31-jährigen Dichterin und Designerin Telisha Jones. Ausgerechnet also im zeitgenössischen US-R&B, einer Musikrichtung, in der die menschliche Stimme zum Ausdruck von glaubwürdigen Emotionen und zum individuellen Merkmal wird, übernimmt ein Avatar diese Rolle.
Sängerinnen wie SZA und Kehlani wetterten prompt gegen den Erfolg von Xania Monet. Empören könnten sich auch Janelle Monáe und Victoria Monét, deren Namen sehr ähnlich klingen. Der Song „How Was I Supposed to Know?“ folgte einem typischen Schema aus Steigerung und Runterfahren, wie es tausend andere Balladen vorgemacht haben.
Vielleicht sagt der Fall also vor allem etwas darüber aus, wie generisch R&B inzwischen funktioniert und wie einfach es ist, Musikerwartung perfekt durch Simulation zu erfüllen. Am Ende geht es auch um die alte Pop-Frage, was Authentizität und Glaubwürdigkeit bedeuten. Und um viel Geld natürlich: Telisha Jones hat einen millionenschweren Plattenvertrag angeboten bekommen. Es steht also noch mehr von Xania Monet zu befürchten.
KI-Muster aufbrechen
Glücklicherweise gibt es im zeitgenössischen R&B jedoch weiterhin Werke, die solche Muster aufbrechen. Highlights in diesem Jahr stammten von Rochelle Jordan, Sudan Archives und Dijon. Schon auf ihrem letzten Album „Play With The Changes“ (2021) hat Rochelle Jordan, 36, den zeitgenössischen R&B in Richtung elektronischer Clubmusik erweitert. Waren es da noch vereinzelte Drum-‘n‘-Bass-Anleihen, so hat die kanadisch-britische Sängerin und Komponistin dieses Jahr mit „Throught The Wall“ ein lupenreines Dancealbum veröffentlicht.
Damit nimmt Jordan auch die lange Tradition von Musiker*innen wie Whitney Houston, Janet Jackson und Toni Braxton auf, die die Grenzen zwischen R&B und House immer wieder verwischt haben: Braxtons Hit-Single „Un-Break My Heart“ (1996) kann als Herz-Schmerz-Ballade verstanden werden, verwandelt sich durch die Remix-Künste des US-House-Pioniers Frankie Knuckles jedoch in eine befreiende Hymne. Hieran knüpft Rochelle Jordan an.
Die 17 Stücke von „Through The Wall“ bestechen allesamt durch tanzbare Beats, Bässe und Grooves. „TTW“ ist ein fetter Deep-House-Track. „Close 2 Me“ passt in jedes Garage-House-Set. Minimalistisch kommt „I’m Your Muse“ daher. Für eine gehörige Portion Old School Funk sorgt „Sweet Sensation“, produziert von Dâm-Funk aus Los Angeles.
Mächtige Rhythmen
Mächtige Rhythmen bilden aber nur das Fundament für Jordans vielschichtigen Gesang zwischen ätherischen Hauchen und irdischer Direktheit wie in dem Stück „Around“, in dem Jordan lässig in Hochgeschwindigkeit singt-rappt. Und wie bereits der Titel andeutet, besticht „Ladida“ durch einen so einfachen wie eingängigen Mitsingrefrain. Ein Platte, gleichermaßen zum Feiern und Zuhören.
Dass sich Sudan Archives auf ihrem neuen Album ebenfalls mit Clubmusik auseinandersetzt, macht schon der Titel „The BPM“ deutlich. Im Unterschied zu Rochelle Jordan geht es bei ihr jedoch etwas ruppiger zu. Die Eltern von Brittney Parks, wie die 31-jährige mit bürgerlichem Namen heißt, stammen aus Chicago und Detroit. Auf „The BPM“ vermischt Parks den Sound beider Städte miteinander. Und so treffen Disco-infizierte House-Grooves wie in „My Type“ auf futuristische Techno-Beat-Ausbrüche wie in „A Computer Love“.
Dies ist eine treffende Wahl für ein Album, bei dem es um Maschinenästhetik geht. Das Cover zeigt die Musikerin wie eine Androidin verdrahtet mit zahlreichen Kabeln. Hauptfigur des Albums ist das Alter Ego „Gadget Girl“, ein Charakter, der bei Parks für Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit durch Technologie steht. Doch in diesem Wesen schlägt kein kaltes Herz, sondern es hat Gefühle, die artikuliert werden müssen.
Elektrische Geige
Und so kreisen die Stücke um Trennung, Selbstliebe und mentale Probleme. Mit „Ms. Pac Man“ funkt der Köper mit seinen sexuellen Bedürfnissen dazwischen. Natürlich darf auch die elektrische Geige nicht fehlen, das Signaturinstrument von Parks. In „Come and Find Out“ fegt sie mit ihrem Bogen kraftvoll über die Saiten, als wolle sie das Instrument durchsägen. In „A Bug’s Life“ webt es feine Melodiefäden um den stampfenden Beat und die rhythmisch gesetzten Gesangsfetzen.
Noch heftiger geht bei Dijon Duenas alias Dijon zu. Der 33-jährige Sänger und Multi-Instrumentalist aus Kalifornien hat erst kürzlich mit Stars wie Justin Bieber und der Indie-Folkband Bon Iver zusammengearbeitet. Als glatte Popmusik lässt sich sein zweites Album „Baby“ allerdings nicht gerade bezeichnen. Dijon ist von Prince beeinflusst, dessen überbordende Kreativität, autonomes Arbeiten und Hang zur Kontrolle dazu führte, dass seinen Alben zuweilen der letzte akustischen Feinschliff fehlte.
Dijon treibt diesen Ansatz zum Exzess. In seinen Stücken prallen ganz unterschiedliche Klänge und Ideen aufeinander. Sounds sind stark verzerrt oder komplett übersteuert. Die Stimme versinkt im Hall. Die Stücke sind durchzogen von Störgeräuschen. Beats markieren keinen Rhythmus, sondern fahren wie eine Abrissbirne in das harmonische Gerüst und zerschlagen es zu Schutt.
Trotz dieser Rohheit gelingt Dijon mit jedem Song ein kleines Kunstwerk: Seine Lieder besitzen eine tiefe Emotionalität, Intimität und Verletzlichkeit. „Higher“ etwa verbreitet klare Luft wie nach einem drückenden Sommergewitter. „Yamaha“ könnte auch eine Demoaufnahme für einen Powerpop-Hit aus den 1980er Jahren sein. Das eindringlichste Lied ist jedoch „My Man“, in dem sich Dijon mit der Beziehung zu seinem Vater und den Mustern auseinandersetzt, die er von ihm übernommen hat.
Seine Gesangsstimme schwankt zwischen Singen, Schreien und Weinen. Eine schonungslose Selbstreflexion auf einem Werk, in dem es auch um die Geburt seines Sohnes und die eigene Vaterrolle geht. Und das unterscheidet Dijons Herangehensweise dann doch fundamental von der glattgebügelten und maßgeschneiderten KI-Oberflächlichkeit eines kommerziellen Kunstprodukts wie dem von Xania Monet.
Rochelle Jordan: „Throught the Wall“ (Empire/Al!ve); live: 12. Februar 2026 „Säälchen“ Berlin, 13. Februar 2026 „Kent Club“ HamburgSudan Archives: „The BPM“(Stones Throw/Rough Trade)Dijon: „Baby, R & R“ (Warner) Live: 27. Januar 2026 „Carlswerk/Victoria“ Köln, 28. Januar 2026 „Columbiahalle“ Berlin
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