Traditionsbetrieb in Britz schließt: Es geht um die Wurst
Die Eberswalder Wurstwerke müssen schließen. Das westdeutsche Mutter-Unternehmen hatte bei der Übernahme 2023 noch versprochen, das Werk zu erhalten.
In der Raucher-Ecke der „Eberswalder Wurstwerke“ steht eine Grabkerze. Auf ihr klebt der brandenburgische Adler, das Logo des ostdeutschen Traditionsbetriebs. Ein paar Beschäftigte von „Eberswalder“ haben die Kerze aufgestellt, nachdem die Geschäftsführung bekanntgegeben hatte, dass es das jetzt war. Der Betrieb schließt, insgesamt verlieren 500 Menschen ihren Job.
Die „Eberswalder Wurstwerke“ liegen am Rand der 2000-Einwohner-Gemeinde Britz in Brandenburg, nördlich der Kleinstadt Eberswalde, die der Wurst den Namen gibt. Die meisten sprechen hier von „Eberswalder“, wenn man sie auf die Wurstwerke anspricht, dem größten Arbeitgeber im Landkreis. 2023 übernahm die westdeutsche Zur-Mühlen-Gruppe Eberswalder, die wiederum zur Unternehmensgruppe des Fleisch-Milliardärs Clemens Tönnies gehört.
Den Menschen habe man beim Kauf eine Zukunft des Werkes versprochen, sagt die Gewerkschaft NGG. Doch im Januar 2026 gab die Zur-Mühlen-Gruppe bekannt, dass Eberswalder am 26. Februar schließen wird. Die NGG spricht von Tönnies als „Totengräber der Tradition“ und wirft dem Betrieb „Marktbereinigung“ vor: Tönnies sichere sich so Marktanteile und seine dominante Stellung in der deutschen Fleischbranche. Der RBB schreibt, es klinge nach Neunzigerjahren, nach Treuhand und abgewickelten Kombinaten und fragt: „Macht der Westen ostdeutsche Traditionsmarken kaputt?“ Ein Besuch zeigt: Das Gefühl haben viele. Und trotzdem geht es um mehr.
Die Lücke
Lastwagen rollen an diesem Morgen über die Hauptstraße, vorbei an hohen, schwarzen Fahnen, darauf steht: „Richtig gut, die Wurst“. Am Ende der Straße öffnen und schließen die Schranken, um Lkws mit unverarbeitetem Fleisch auf das Gelände zu lassen. Eberswalder selbst schlachtet schon lange nicht mehr. Drinnen wird das Fleisch zur Wurst.
Kaufen kann man die auch vor Ort. Neben dem Pförtnerhäuschen wirbt ein Schild für den Eberswalder Direktverkauf und einen Imbiss. Ein paar Tische und Bänke stehen davor. Marco Knoll steht dazwischen, setzen will er sich nicht. Stattdessen verschränkt der stellvertretende Vorsitzende des Betriebsrats die Hände in den Winterhandschuhen vor der Brust und erzählt von dem Tag, als die Zur-Mühlen-Gruppe bekannt gab, dass sie Eberswalder schließen.
Es war ein Dienstag, Anfang Januar, in der Kantine. Die Versammlung fand einmal um 11 Uhr und einmal um 15 Uhr statt, damit Betriebsrat und Geschäftsführung die Früh- und Spätschichten erwischen. In die Mitte des Raums hatte sich die Geschäftsführung gestellt, zwischen die Tische, damit sie auch alle hören. „Die in Schwarzkleidung“, nennt sie Knoll. Das sind alle, die nicht die für die Wurstverarbeitung vorgeschriebene weiße Hygienekleidung tragen. Ein Mann aus der Geschäftsführung erklärt der Belegschaft, warum der Betrieb jetzt schließen müsse. In der Kantine seien die meisten danach ruhig geblieben, unter Schock, sagt Knoll. Danach seien ein paar auf ihn zugegangen, ein paar kamen später ins Büro des Betriebsrats, um zu reden. Ein Sprecher des Unternehmens begründet das Aus von Eberswalder später gegenüber dem RBB so: Die Absatzmengen stagnierten, es gebe immer mehr internationale Anbieter, die den Preis drückten, Löhne und Energiekosten seien zu hoch. Es wären weitere Investitionen notwendig gewesen, die sich langfristig nicht refinanzieren ließen.
Die Schultern hat er leicht hochgezogen, das Kinn im schwarzen Schal versteckt, um sich vor der Kälte zu schützen. Bei Eberswalder arbeitet Knoll seit 2012. Gelernt hat der Mitte Dreißigjährige eigentlich Zimmermann, an seinem ersten Arbeitstag habe er aber gemerkt, dass er „höhenuntauglich“ sei. Für den Betrieb hätte er auf Dächern stehen müssen, das ging nicht. Über einen Freund sei er bei Eberswalder gelandet. Dort zieht er mit dem Hubwagen die verpackte Wurst auf Paletten zum Versand.
Als die Zur-Mühlen-Gruppe Eberswalder übernahm, hatte er gehofft, dass es jetzt endlich bergauf gehe. Es sei klar gewesen, dass es Investitionen brauche, schließlich ist der Betrieb alt. In der DDR war Eberswalder eines der größten Fleischwerke Europas mit über 3.000 Beschäftigten. Nach der Wiedervereinigung übernahm die Treuhand, die Besitzer wechselten oft. Sie schlossen Teilbereiche, die Mitarbeiterzahl sank. Es kam eine Insolvenz, dann Corona.
„Aber dann hat die Zur-Mühlen-Gruppe nicht investiert, obwohl sie uns Investitionen zugesagt hatten. Wir wussten, daran hängt es.“ Zum Beispiel an der Kälteanlage, die sei bis heute nicht saniert. Es kursieren Gerüchte, es sei für die Zur-Mühlen-Gruppe von Anfang an klar gewesen, Eberswalder in Britz zu schließen. Die Zur-Mühlen-Gruppe antwortet auf eine Anfrage der taz nicht.
Tatsächlich soll die Marke Eberswalder erhalten bleiben. Nur kommt die Eberswalder Wurst dann eben nicht mehr aus Eberswalde. Stattdessen wolle das Unternehmen die Produktion verlagern – wohin, ist noch unklar. Wenn Knoll davon erzählt, dann wirkt er so, als habe er mit der Sache abgeschlossen. Es bringe ihm ja nichts, darauf rumzuhacken, sagt er.
Als der Arbeitgeber dem Betriebsrat im November mitteilte, dass Eberswalder dichtmacht, konnte der kaum etwas tun. Rechtlich ist die Zur-Mühlen-Gruppe zu keinem Sozialplan verpflichtet. Also einem Plan, der beispielsweise Abfindungen oder Hilfe bei der Arbeitssuche regelt. Im schlimmsten Fall hätte es bei Eberswalder keine Abfindung für die Beschäftigten gegeben. Der Grund ist eine Lücke im Gesetz: Obwohl es Eberswalder schon seit über 50 Jahren gibt, galt die Übernahme 2023 als Neugründung.
Offiziell vertreibt seitdem EWN Wurstspezialitäten GmbH & Co. KG die Marke Eberswalder. Für die Beschäftigten heißt das: in den ersten vier Jahren keine Sozialplanpflicht. Knoll vermutet, dass ohne diese Regelung überhaupt kein Unternehmen Eberswalder übernommen hätte. Schlussendlich verhandelte der Betriebsrat trotzdem Abfindungen – wenn auch sehr geringe. Knoll formuliert seine Sätze bedacht. Wohl auch, weil er die Einigung nicht gefährden will. Sicher sei er erst, wenn das Geld auf dem Konto ist.
Wohin mit den Beschäftigten?
„Jetzt ist es am wichtigsten, die Arbeiter irgendwo unterzubekommen“, sagt Knoll. In Eberswalde haben einige Vertriebe zugemacht, allgemein sei es schwierig in der Uckermark Arbeit zu finden. „Sieht düster aus für unsere Region.“ In der Pflege suchten viele nach Arbeitskräften, aber da wollte ja keiner hin. Die meisten seien sowieso zu alt. Besonders bei denen werde es schwer sein, sie zu vermitteln. Auch die Zur-Mühlen-Gruppe wolle sich um die kümmern, die im Unternehmen bleiben wollen. Allerdings gibt es in Brandenburg kein weiteres Zur-Mühlen-Gruppe-Werk. Knoll hatte Glück, seine Freundin hat ihm einen Job bei der Post organisiert. Dort könne er dann anfangen.
Hilfe von der Politik erwartet er nicht: „Ich glaube, die könnten uns noch nicht mal helfen, selbst wenn sie’s versuchen würden.“ Die brandenburgische Agrarministerin Hanka Mittelstädt (SPD) sagte gegenüber dem RBB im Januar, sie wolle versuchen, den Standort zu erhalten. Aus dem Gelände solle keine Ruine werden. Was stattdessen auf dem Gelände passieren soll, sagte sie nicht. Auf eine Anfrage der taz antwortete Mittelstädt nicht.
Bei Knoll hat sich noch kein Politiker gemeldet, vor Ort hat er auch noch keinen gesehen. Von den Fraktionen im Brandenburger Landtag antwortete der taz bisher nur die AfD. Die kritisiert die gesetzliche Lücke, mit der die Sozialplanpflicht ausgesetzt wurde. Grüne und Linke sitzen seit 2025 nicht mehr im Landtag. Die Brandenburger Linke nennt die Gesetzeslücken auf Anfrage der taz „einen Riesen-Skandal“. Die Grünen reagierten auf taz-Anfrage nicht.
Bevor Knoll den Rucksack für die Schicht aus dem Auto holt, erzählt er noch von einem Bekannten. Der habe vor Kurzem gesagt: „Es gibt kein Ost gegen West. Bloß ein Oben und Unten. Und wir im Osten sind unten.“
Schichtwechsel
Der Parkplatz füllt sich, Autos steuern auf die Parklücken zu. Noch hat Eberswalder viele Fans. Sie drängen sich im Direktverkauf und legen die Eberswalder Appetizer, Geflügel-Jagdwurst, Bierschinken, Filetrotwurst oder Schweinezunge in Einkaufskörbe. Hinter der Kasse hängt ein Bildschirm, auf dem Frauen mit Haarnetz und blauen Gummihandschuhen rosa Würstchen sortieren, die über ein Fließband kullern oder an einer endlosen Schnur durch Maschinen sausen. Dann ein Cut und der Slogan: „Partner von Union Berlin – Eiserne Heimwurst“. Eberswalder ist Sponsor des Fußballvereins, die Wurst im Stadion liefert das Unternehmen. Die Kunden, die reden wollen, schimpfen auf Tönnies, viele kommen schon lange hierher, sagen, es wundere sie nicht, dass sie hier im Osten den Betrieb schließen.
Nach dem Einkauf beim Direktverkauf stellen sich die meisten in die Schlange vor dem Imbiss. Eine Verkäuferin reicht Currywurst ohne Darm und Fleischkäse aus dem Fenster. Man wünscht sich „Mahlzeit“, setzt sich kurz an die Tische vor dem Direktverkauf oder nimmt die Wurst mit Pommes und Mayo-Berg gleich mit ins Auto.
Gegen zwölf laufen ein paar Menschen Richtung Drehkreuz – die Spätschicht. Die meisten wollen nicht reden. Michael schon, seinen Nachnamen will er aber nicht nennen. Am Imbiss begrüßt er die Verkäuferin und bestellt sich einen Fleischkäse im Brötchen. Er arbeitet seit 2019 im sogenannten Schnitt. Heißt: „Ich schneide die Wurst in Scheibchen.“ Später kommen die Scheibchen als Brotbelag eingeschweißt in die Regale im Supermarkt.
Seit die Zur-Mühlen-Gruppe den Betrieb übernommen hat, sei alles nur den Bach runtergegangen. Die Stimmung sei „Katastrophe. Die Arbeitsmoral, die ist am Boden.“ Michael ist 37, wahrscheinlich kann er nach seiner Entlassung als Maschinenführer bei Mercedes anfangen. Auch er hat mitbekommen, dass einige seiner Kollegen eine Grabkerze am Raucher-Eck aufgestellt hatten. „Weil der Betrieb halt stirbt oder eigentlich schon tot ist.“
Warum hat er keine aufgestellt? „Ich habe meine im Spind stehen. Die werde ich dann vor dem Betriebseingang aufstellen, an meinem letzten Tag“, sagt er und deutet mit seiner Hand Richtung Betriebstor zwischen Imbiss und Pförtnerhäuschen.
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