Bucht von Marmaris/Türkei

Kaum Boot, kaum Touisten, kein Geschäft: Die Bucht von Marmaris in diesen Sommer Foto: Durmus Genc/Anadolu Agency/picture alliance

Tourismus in der Türkei:Winterschlaf im Sommer

In den Restaurants des türkischen Badeorts Marmaris stapeln sich die Stühle. Die Reisewarnung hat den Tourismus praktisch stillgelegt.

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9.7.2020, 11:33 UHR

Ein einsamer Kübel mit einer halb vertrockneten Palme, das ist alles, was von der einstigen Pracht des schönsten Res­taurants an der Promenade in Marmaris übrig geblieben ist. Der leichte Wind wirbelt ein paar vertrocknete Blätter durch das Areal. Wo im Jahr zuvor edel gedeckte Tische allabendlich die Gäste anzogen, herrscht nun die große Leere. Tische und Stühle im „Aquarium“ stapeln sich im Innern des Gebäudes, die Besatzung des Restaurants scheint gänzlich verschwunden zu sein. Ein paar Meter weiter, bei „Jan de Witt“, stehen zwar ein paar Stühle vor der Tür, doch außer einem putzenden jungen Mann, der die Gaststätte auf das in Coronazeiten vorgeschriebene Hygieneniveau zu bringen gedenkt, ist auch hier niemand zu sehen.

„Natürlich“, sagte der junge Mann mit dem Namen Mehmet, „gab es auch in den letzten Jahren immer mal wieder Krisen.“ Er erinnert sich an den Einbruch im Tourismus nach dem Putschversuch vor vier Jahren. Eine solche Situation wie jetzt aber „gab es noch nie“. Das traditionsreiche „Jan de Witt“, seit 50 Jahren eine feste Adresse an der Promenade von Marmaris, könnte diese Krise vielleicht nicht überleben. „Wir haben laufende Kosten, Miete, Elektrik, und der Staat hilft nicht. Ohne Einnahmen, also ohne Touristen aus Europa, können wir das nicht mehr lange bezahlen“, sagt Mehmet.

Mehmet, Restaurant-Angestellter

Ohne Einnahmen, also ohne Touristen, können wir das nicht mehr lange bezahlen“

Marmaris wirkt wie nach einem Angriff mit einer Neutronenbombe. Die Gebäude stehen alle noch, die leeren Ausflugsboote dümpeln am Pier, nur die Menschen fehlen. Als sich der Holländer Jan de Witt vor 50 Jahren in Marmaris verliebte und beschloss, hier ein kleines Restaurant zu eröffnen, war der Ort nicht mehr als ein Fischerdorf an einer großen geschützten Bucht, die, fast ganz vom Meer abgeschlossen, ideale Bedingungen für ankernde Schiffe bot.

Diese Lage hatte dem Dorf schon einmal für einen Moment einen Platz in der Weltgeschichte gesichert, damals, als Sultan Süleyman im Jahre 1522 hier seine Flotte versammelte, um die Ritter des Johanniterordens auf der Marmaris vorgelagerten Insel Rhodos anzugreifen. Nachdem Rhodos erobert und wenig später Teil des osmanischen Imperiums wurde, versank Marmaris wieder in der Geschichte.

Das änderte sich erst, als Leute wie Jan de Witt in den 1960er Jahren mit ihren Yachten, wiederum von Rhodos kommend, die wunderbar geschützten Ankerplätze in der Bucht entdeckten. Ausgehend von diesen Segel-Enthusiasten entstand in dem Ort eine der größten Segel-Marinas im östlichen Mittelmeer. Die wenigen Gebäude, die sich bei der Ankunft der ersten Segler noch malerisch um die von Süleyman erbaute Burg schmiegten, gehen heute in einem Häusermeer unter. Fast 40.000 Menschen, von denen der ganz überwiegende Teil im Tourismus beschäftigt ist, leben heute hier, in einem normalen Sommer kommen eine halbe Million Urlauber hinzu.

Im Anschluss an die Promenade, die sich um die Burg bis zum Yachthafen entlangschlängelt, haben die Stadtväter vor 20 Jahren, als der Besucherandrang immer größer wurde und auch Kreuzfahrtschiffe die Bucht anzulaufen begannen, einen überdachten Basar für die Touristen bauen lassen. Am Rande hat Can Dorukoğlu seinen Juwelierladen. Viele goldene Armreifen hängen im Schaufenster, wie sie vor allem zu Hochzeiten verschenkt werden und die die „Deutschländer“, also in Europa lebende Türken, gewöhnlich gerne aus ihrem Urlaub mitbringen, weil Gold in der Türkei ja angeblich viel billiger ist.

Promenade in Marmaris

Wie ausgestorben: Die Promenade in Marmaris Foto: Sabri Kesen/Anadolu Agency/picture alliance

Doch in diesem Jahr hat Dorukoğlu kaum etwas verkauft. „Die Hotels, in denen die großen Hochzeiten gefeiert werden, sind geschlossen und die Türken aus Europa können in diesem Jahr auch nicht kommen“, erzählt er. „Hat die EU ihnen verboten.“ Das stimmt zwar nicht so ganz, doch tatsächlich liegt das Geschäft darnieder.

Der smarte Mittdreißiger Dorukoğlu ist gemeinsam mit Marmaris groß geworden. Aus der kleinen Klitsche seines Vaters hat er einen schicken Laden gemacht, zudem besitzt er noch ein Hotel. Gerade überlegt er, das Hotel in diesen Tagen wieder zu öffnen. „Vielleicht kommen ab 15. Juli wenigstens ein paar Engländer“, hofft Dorukoğlu. In Marmaris hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die Briten die Saison vielleicht noch retten könnten. „England gehört ja nicht mehr zur EU“, sagt er, „und die Engländer lieben Mamaris“.

Murat, Ladenbesitzer im Touristenbasar von Marmaris

„Marmaris ohne Touristen ist wie ein Motor ohne Sprit. Wir werden Jahre brauchen, um uns von diesem Desaster zu erholen“

Murat glaubt dagegen nicht mehr daran, dass die Briten noch kommen. Er sitzt im Basar vor seinem Laden mit Sommerkleidern und träumt vor sich hin. „Ich hätte nicht aufmachen müssen, es kommt sowieso keiner“, sagt er. „Doch was soll ich zu Hause sitzen, da langweile ich mich nur. Hier kann man wenigstens mit den Kollegen plaudern.“ Viele sind allerdings nicht da, rund zwei Drittel aller Läden sind geschlossen, an einigen hängen bereits Schilder „Satılık“ – zu verkaufen. „Dieses Jahr kannst du vergessen“, meint Murat. „Viele werden pleitegehen.“ Auf die Zukunft von Marmaris angesprochen, schüttelt er den Kopf. „Marmaris ohne Touristen ist wie ein Motor ohne Sprit“, sagt er. „Wir werden Jahre brauchen, um uns von diesem Desaster zu erholen.“

Im Westen der Stadt, auf der dem Yachthafen und dem Basar gegenüberliegenden Seite der Bucht, ziehen sich wie an einer Perlenkette aufgereiht die Hotels am Strand entlang. Je weiter weg vom Zentrum, dort wo der Wald noch bis ans Ufer reicht, desto luxuriöser erscheinen die Anlagen. Can Durukoğlu, der Juwelier mit seinem angeschlossenen Hotel, will gehört haben, dass von den rund 300 Hotels in Marmaris nur ganze 18 geöffnet sind. Von den geschlossenen Hotels sehen die meisten so aus, als würden sie in diesem Jahr auch nicht mehr öffnen.

Die Zahlen In der Türkei sind bis zum Dienstag 207.897 Corona-Infektionen registriert worden, etwa 5.300 Menschen sind verstorben. Regionale Schwerpunkte sind der Raum Istanbul und der Osten des Landes. Zum Vergleich: Deutschland registrierte bis zum Mittwoch 197.341 Infektionen bei 9.036 Todesfällen.

Die Auflagen Cafés, Restaurants, Strände und Sportanlagen sind unter Auflagen wieder geöffnet. Die Grenzen sind offen, der Flugverkehr wieder aufgenommen. Bei der Einreise werden Temperaturmessungen durchgeführt. Für Menschen über 65 Jahre gilt eine Ausgangssperre von 20 bis 10 Uhr, die nicht immer beachtet wird.

Die Reisewarnung Für die Türkei gilt – wie für fast alle Nicht-EU-Staaten mit Ausnahme von 14 Ländern – eine Reisewarnung des Auswärtigen Amts. Außerdem hat die Bundesregierung das Land zusammen mit 125 anderen Staaten als Coronarisikogebiet eingestuft. Rückkehrer nach Deutschland müssen damit rechnen, dass sie 14 Tage in Quarantäne müssen, es sei denn, sie können einen aktuellen negativen Coronatest vorweisen.

Der Tourismus Durch die Coronapandemie sind die Tourismuszahlen in der Türkei eingebrochen. Im Mai kamen rund 30.000 Besucher in das Land und damit 99,26 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige. 2019 besuchten 51,9 Millionen Urlauber das Land, die Einnahmen daraus betrugen 31,1 Milliarden Euro. Knapp 8 Prozent aller Beschäftigten arbeiteten bisher in der Branche. (taz)

Ein typischer Fall ist das erst vor zwei Jahren eingeweihte „Green Nature Diamond“. Der Zugang vom Strand in die großzügige Hotelanlage ist verrammelt, die gewöhnlich kurzgeschorenen Rasenflächen haben sich jetzt zu einen verwilderten Park entwickelt. Ein einzelner Wachmann ist alles, was von der gewöhnlich 300-köpfigen Belegschaft des Hotels noch da ist.

Der Komplex gehört einem türkischen Geschäftsmann, der hier eine Bettenburg mit 700 Zimmern hat bauen lassen – nicht die oberste Luxusklasse, aber doch topmodern, so wie TUI und die anderen Reiseveranstalter es lieben. Nur dass die Reiseveranstalter in diesem Jahr eben keine Gäste schicken. Ein Totalausfall für den Besitzer wie für die Angestellten. Alle Angestellten sind in dieser Saison erst gar nicht aus ihren Dörfern nach Marmaris gekommen, erzählt der Wachmann: „Was sollen sie hier auch. Sie müssten ja auf der Straße schlafen“.

Fast alle Luxushotels sind geschlossen

Von den zehn Top-Luxushotels sind bis aufs eines alle geschlossen. Das „Grand Yazıcı“, in dem im Sommer 2016 der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan mit seiner Familie urlaubte, als in Ankara der Putsch ausbrach, ist genauso verrammelt wie das Green Nature. Das „Grand Yazıcı“ ist weit über Marmaris hinaus berühmt geworden, weil eine Kommandoeinheit der Putschisten hier mit Hubschraubern landete und wild um sich schoss, um Erdoğan zu kidnappen. Der war zu dem Zeitpunkt allerdings längst weg. Doch auch diese Bekanntheit hilft in dieser Saison nichts. Alles ist geschlossen.

Nur die Nachbaranlage, die „Möwe“, hält als einziges der Luxushotels seine Türen offen. „Wir haben für unsere Stammgäste geöffnet“, sagte der Geschäftsführer einer lokalen Radiostation. „Wir haben seit vielen Jahren Gäste aus Istanbul und Ankara, die auch in diesem Jahr kommen wollten.“ Lohnen würde sich der Aufwand für das Management aber nicht, von den 250 Zimmern seien nur 50 belegt. Doch die Gäste fühlten sich wohl. „Die Hygienestandards sind vorbildlich“, meinte ein Familienvater im Radiointerview, alles sei supersauber, desinfiziert, „und am Strand stehen die Liegen fünf Meter auseinander“.

Motorboot vo der türkischen Küste

Seltene Ausnahme und Hoffnungsträger: Touristen auf einem Motorboot vor der türkischen Küste Foto: Durmus Genc/Anadolu Agency/picture alliance

Die „Möwe“ ist typisch für diese Saison. Glücklich werden nur solche Plätze, die auf inländische Urlauber setzen. Am schlimmsten hat es in diesem Sommer die Bettenburgen an der Türkischen Riviera in der Region zwischen Antalya und Alanya getroffen, wohin es normalerweise die meisten der fünf Millionen deutschen Urlauber zieht. Dort stehen die All-inclusive-Hotels, die ausschließlich vom ausländischem Massentourismus leben, nahezu alle gähnend leer.

Die Ausnahmen: Orte, wo Einheimische Urlaub machen

In der Türkischen Ägäis dagegen gibt es durchaus Orte, die sogar besser besucht sind als in den letzten Jahren. In Çeşme auf der Halbinsel vor Izmir gegenüber der griechischen Insel Chios etwa, in den kleineren exklusiven Orten auf der Bodrum-Halbinsel, wohin es die türkischen Stars und Sternchen zieht, in Göcek bei Fethie, wo reiche Türken ihre Yachten parken, und auf der Datça-Halbinsel: Dort, wo überwiegend Einheimische ihren Urlaub verbringen, tummeln sich manchmal sogar mehr Menschen als in den Vorjahren. Denn genauso wie die Deutschen machen auch die Türken in dieser Saison vor allem Urlaub im eigenen Land. Auslandsreisen sind nahezu unmöglich, und so wie die Europäer nicht in die Türkei kommen, kommen auch türkische Urlauber nicht in die Europäische Union.

„Wir vermissen die Türken“, betitelte die Tageszeitung Hürriyet vor einigen Tagen eine große Reportage ihres Griechenland-Korrespondenten Yorgo Kırbaki. Während sonst in Griechenland Türken überwiegend als Bedrohung wahrgenommen werden, hat man dort plötzlich die Liebe zu den Nachbarn entdeckt. Vor allem auf den griechischen Dodekanes-Inseln entlang der türkischen Küste, von Rhodos über Simi, Kos bis nach Samos machen sich die fehlenden türkischen Urlauber schmerzhaft bemerkbar. Obwohl Rhodos aus West- und Nordeuropa wieder angeflogen wird, ist die historische Altstadt genauso ausgestorben wie Marmaris. Fast alle Läden auf der Sokrates-Street, der Shopping-Meile in der Altstadt, sind geschlossen. Der Bürgermeister der Nachbarinsel Simi, Lefteris Papakalodukas, deren fjordähnlicher wunderschöner Hafen normalerweise voller türkischer Yachten liegt, barmte im Gespräch mit Yorgo Kirbaki, er vermisse seine türkischen Freunde sehr. „Ein türkischer Gast gibt im Fisch-Restaurant mindestens so viel aus wie drei deutsche Touristen“, bekannte er.

Tatsächlich leiden beide Seiten in der Ägäis gleichermaßen unter den coronabedingten Grenzschließungen. Das zeigt sich auch in Bozburun, einem versteckten Ort an der Spitze einer Halbinsel, die wie ein Daumen auf das kleine griechische Simi zeigt. Der gut eine Autostunde von Marmaris entfernte Ort ist berühmt für seine Gulets genannten, aus Holz gebauten dickbauchigen Motorsegler, die früher als Transporter für die Küstenschifffahrt dienten und heute zumeist für sogenannte blaue Reisen genutzt werden. Dabei schippern die Urlauber entspannt von Bucht zu Bucht, schwimmen, schnorcheln oder angeln und lassen sich am Ende des Tages ein opulentes Essen servieren – kurz, ein Blaue-Reise-Boot ist eine Art schwimmende Wellness-Oase, die es zu chartern gibt – mit sehr einfacher Unterbringung bis hin zu ausgesprochen luxuriösen Kabinen.

Früher einmal lebten die Familien von Bozburun vom Fischfang oder dem Schwammtauchen. Heute betreibt nahezu jede ein solches Gulet und kann davon meist recht gut leben. Da man ein solches Boot, das in der Regel Platz für 8 bis 14 Personen bietet, gut für die ganze Großfamilie chartern kann, sind solche Touren gerade jetzt in Coronazeiten sehr beliebt. Man bleibt unter sich – die Crew ist getestet – und geht kein Risiko ein.

Im Gegensatz zu Marmaris ist Bozburun deshalb relativ gut besucht. Nur mit ausländischen Touristen gibt es Probleme, so wie überall. Kapitän Kemal, ein drahtiger 60er, der ein Schiff mit seinen beiden Söhnen betreibt, hat italienische Stammgäste, die seit Jahren einen Rhodos-Urlaub mit einer blauen Reise auf seiner Holzyacht „Kim Bu“ kombinieren. Jetzt liegt sein Motorsegler als letzter am Pier, weil die Italiener auf Rhodos festsitzen und nicht mit der Fähre nach Marmaris übersetzen dürfen. Er wiederum darf sie nicht auf Rhodos abholen.

„Da hat uns die EU ganz schön was eingebrockt“, erzählt er angefressen. Mehrere tausend Euro muss er abschreiben. Doch insgesamt geht es den Bozburunern gut. „Die betuchteren türkischen Familien, die sonst eher ins Ausland fahren, sind in diesem Jahr alle bei uns“, freut sich ein Kollege von Kemal. „Das kann in den nächsten Jahren ruhig so bleiben.“

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■ Das neuartige Coronavirus trägt die offizielle Bezeichnung SARS-CoV-2. Es ruft die Krankheit mit dem offiziellen Namen Covid-19 hervor. Der Virus ist von Mensch zu Mensch übertragbar.

Ab Januar 2020 hatte sich das Virus von der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei her ausgebreitet – inzwischen weltweit.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus am 11. März 2020 zur Pandemie erklärt, also zu einer weltweiten Epidemie.

Alle Artikel der taz zum Thema finden sich im Schwerpunkt Coronavirus.

Eine Pandemie ist eine weltweite Epidemie, also regional nicht begrenzt. Bei einer Pandemie überträgt sich ein neuartiger Virus von Mensch zu Mensch.

■ Da es keine Grundimmunität gibt, keine spezifischen Medikamente und keine Impfung, führt das zu einer hohen Zahl an teils schweren Erkrankungen und Toten. Dies kann unter anderem zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen, wie es beispielsweise in Italien bereits regional zu beobachten war. Deshalb ist das Ziel, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken.

Auf eine weitreichende Beschränkungen sozialer Kontakte hatten sich am 22. März 2020 die Bundeskanzlerin und Regierungschefs der Länder geeinigt. Damit sollte der Anstieg der Fallzahlen verlangsamt und eine Überlastung des Gesundheitssystems möglichst verhindert werden. Im April sowie im Mai beschlossen Kanzlerin und Länderchefs dann schrittweise Lockerungen. Die Kontaktbeschränkungen bleiben grundsätzlich bis zum 29. Juni bestehen. Details regeln weiterhin die Länder. (Hier eine Übersicht der Bundesregiergung zu Regelungen in den Ländern). Im Fall regionaler schneller Anstiege der Infektionszahlen sollen die Behörden vor Ort sofort mit neuen Beschränkungen reagieren.

■ Einen Abstand von mindestens 1,5 Metern soll man weiterhin draußen zu allen anderen Menschen außer der Begleitung einhalten.

■ Ein Mund-Nasen-Schutz muss in ganz Deutschland beim Einkaufen und im Öffentlichen Personennahverkehr getragen werden.

■ Seit Anfang Mai gilt: Angehörige zweier Haushalte dürfen sich grundsätzlich treffen – beispielsweise also zwei Familien oder zwei Wohngemeinschaften. In einzelnen Bundesländern gibt es darüberhinaus Spezialregelungen.

Schulen und Vorschulen sollen unter Auflagen noch vor dem Sommer wieder für alle Kinder öffnen.

■ In Kliniken und Pflegeeinrichtungen wurden die Regeln gelockert: PatientInnen oder BewohnerInnen können wieder durch eine bestimmte Person besucht werden.

Alle Geschäfte in Deutschland dürfen unter Auflagen wieder öffnen – ohne Quadratmeterbegrenzung der Verkaufsfläche.

Im Sport ist das Training unter freiem Himmel wieder erlaubt. Freizeitsportler müssen sich aber an bestimmte Auflagen halten. So muss eine Distanz von mindestens 1,5 Metern gewährleistet sein.

Die Fußball-Bundesliga hat die Saison seit Mitte Mai mit Geisterspielen fortgesetzt – zumindest die erste und zweite Liga der Männer. Die Fußballbundesliga der Frauen bleibt hingegen zunächst ausgesetzt. Vor Publikum werden in dieser Saison in jedem Fall keine Spiele mehr stattfinden.

Großveranstaltungen bleiben bis zum 31. August verboten.

Bei Restaurants sollen die Bundesländer eine schrittweise Öffnungen selbst regeln. Auch für Kinos, Theater, Hotels oder Kosmetikstudios haben die Ländern die Lockerungen eigenständig zu verantworten.

■ Spielplätze sind unter Auflagen wieder geöffnet – darauf einigten sich Kanzlerin und Länderchefs bereits am 30. April.

Gottesdienste und Gebetsversammlungen sind wieder zugelassen – unter besonderen Anforderungen des Infektionsschutzes. Taufen, Beschneidungen und Trauungen sowie Trauergottesdienste sollen im kleinen Kreis möglich sein.

Museen, Ausstellungen, Gedenkstätten, Zoos und botanische Gärten können unter Auflagen wieder öffnen.

Aktuelle Fallzahlen zum Coronavirus in Deutschland veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI).

Eine ausführliche Darstellung der COVID-19-Fälle in Deutschland bis auf Landkreisebene hat das RKI in einem Corona-Dashboard zusammengestellt. Auch gibt es tägliche Situationsberichte heraus.

Internationale Zahlen hat unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer interaktiven Grafik aufbereitet.

■ Ebenso weltweite Fallzahlen stellt die Johns Hopkins University auf einer interaktiven Karte dar.

■ Die Unterschiede bei den Fallzahlen von RKI, WHO und Johns Hopkins University bedeuten nicht, dass die Zahlen falsch sind. Differenzen ergeben sich vielmehr aus Melde-Verzögerungen und unterschiedlichen Quellen: Dem RKI werden die Fallzahlen von den Gesundheitsämtern über das jeweilige Bundesland übermittelt. Es meldet die Zahlen nach einer Prüfung dann weiter an die WHO – so kommt es zu Verzögerungen. Die Daten der Johns Hopkins University kommen nach eigenen Angaben aus verschiedenen öffentlich zugänglichen Quellen und können daher von jenen Zahlen von RKI und WHO abweichen.

Eine Erkrankung an Covid-19 nach einer Infektion mit dem Coronavirus äußert sich laut Bundesgesundheitsministerium durch grippeähnliche Symptome, wie trockenem Husten, Fieber, Schnupfen und Abgeschlagenheit. Auch über Atemprobleme, Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Durchfall sowie Schüttelfrost sei berichtet worden.

Die Inkubationszeit beträgt nach aktuellen Erkenntnissen wohl bis zu 14 Tage: Das heißt, dass es nach einer Ansteckung bis zu zwei Wochen dauern kann, bis Symptome auftreten.

■ Wichtig: Infizierte können den Virus schon übertragen, wenn sie selbst noch keine Symptome bemerken.

Der Coronavirus wird vor allem mit einer Tröpcheninfektion übertragen. Laut Robert-Koch-Institut sind theoretisch auch eine Schmierinfektion (über kontaminierte Oberflächen) und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Nach bisherigen Erkenntnissen verlaufen mehr als 80 Prozent der Erkrankungen vergleichsweise mild. Wer meint, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sollte unbedingt

zu Hause bleiben und zum Telefon greifen. Dann entweder

■ beim Hausarzt anrufen

oder beim

■ Ärztlichen Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117.

Telefonisch gibt es zudem noch weitere Stellen für Informationen:

■ Die Unabhängige Patientenberatung ist zu erreichen unter: ☎ 0800 – 011 77 22

Ein Bürgertelefon hat das Bundesgesundheitsministerium eingerichtet unter: ☎ 030 – 346 465 100

Für Gehörlose und Hörgeschädigte ist ein Beratungsservice des Gesundheitsministeriums per Fax zu erreichen: ☎ 030 – 340 60 66 07, sowie per Mail unter info.deaf@bmg.bund(dot)de und info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Ein Gebärdentelefon mit Videotelefonie findet sich unter: www.gebaerdentelefon.de/bmg/

Die aktuellen Risikogebiete für Ansteckungen hat das Robert-Koch-Institut bis zum 10. April 2020 veröffentlicht. Mittlerweile hat sich Covid-19 weltweit ausgebreitet. Ein Übertragungsrisiko bestehe daher „sowohl in Deutschland als in einer unübersehbaren Anzahl von Regionen weltweit“, schreibt das RKI.

Für Reisende gibt es weitere Informationen zu Covid-19 und Reisewarnungen beim Auswärtigen Amt.

■ Zum Infektionsschutz gibt es auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) umfassende Anleitungen zum richtigen Händewaschen, zu den angemessenen Regeln beim Niesen sowie auch Merkblätter zu allgemeinen Hygiene- und Verhaltensregeln.

■ Niesen oder Husten soll man möglichst in die eigene Armbeuge und versuchen, sich seltener ins Gesicht zu fassen.

Händwaschen sollte man regelmäßig und zwar mindestens 20 Sekunden mit Wasser und Seife.

■ Reduzieren sollte man den Kontakt zu anderen Menschen derzeit so stark wie möglich, empfiehlt die BGzA. Wenn man doch in der Öffentlichkeit unterwegs ist, soll man möglichst einen Abstand von zwei Metern zu anderen Menschen einhalten.

■ Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) gilt bundesweit einheitlich und bisher richten sich die Maßnahmen der Behörden nach diesem Gesetz, schreibt unser rechtspolitischer Korrespondent Christian Rath in seinem Überblick zur Rechtslage.

■ Die Katastrophenschutzgesetze der Länder sind anwendbar, sofern sich die Lage zur Katastrophe zuspitzen sollte.

■ Die Bundeswehr kann im Rahmen der Amtshilfe heute schon tätig werden, etwa im Sanitätsbereich oder zur logistischen Unterstützung. Im Extremfall kann sie auch im Inland eingesetzt werden, um (gemeinsam mit der Polizei) die öffentliche Ordnung zu bewahren oder wiederherzustellen, etwa wenn geplündert wird oder Krankenhäuser belagert werden.

■ In den „Notstandsgesetzen“ ist das geregelt, zu denen die Artikeln 35, 87a und 91 des Grundgesetzes zählen. Die „Notstandsgesetze“ wurden 1968 gegen den Widerstand der Außerparlamentarischen Opposition (APO) beschlossen.

■ Gerüchte, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über das Coronavirus kursieren derzeit viele.

■ Aufklärung über viele Corona-Falschmeldungen bietet unter anderem der Verein Mimikama.at.

■ Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in englischer Sprache eine eigene Seite zur Aufklärung von Mythen über den Coronavirus veröffentlicht.

■ Zu den häufigsten Fragen hat das Robert-Koch-Institut ein FAQ zu Corona veröffentlicht.

■ Weitere Fachinformationen finden sich ebenso auch auf einer Überblicksseite des Robert-Koch-Instituts.

■ Verhaltens- und Hygienetipps und ebenso in einem FAQ die häufigsten Fragen beantwortet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Corona-Übersicht auf infektionsschutz.de.

■ Umfassend informieren kann man sich auch beim Bundesgesundheitsministerium.

■ Eine weltweite Übersicht bietet die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Bundesweite Telefonnummern im Überblick:

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117

Unabhängige Patientenberatung: ☎ 0800 011 77 22

■ Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministeriums: 030 346 465 100

Beratungsservice für Gehörlose und Hörgeschädigte: Fax: 030 / 340 60 66 – 07 sowie per Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de / info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Gebärdentelefon (Videotelefonie): www.gebaerdentelefon.de/bmg

■ Bei Sorgen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar unter: 116 123 sowie 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222.

■ Infos über Corona auf Türkisch hat die taz in ihrem Text „Koronavirüs Almanya'da“ zusammengestellt.

■ In weiteren Sprachen sammelt die taz Info-Texte under taz.de/coronainfo

■ Hygiene-Infos in weiteren Sprachen bietet die BZgA in Hygiene-Merkblättern unter anderem auf Türkisch “Viral enfeksiyonlar – hijyen korur!“ (PDF) sowie auf Englisch “Viral infections – hygiene works!“ (PDF)

Leichte Sprache: Informationen zum Coronavirus in Leichter Sprache stellt das Bundesgesundheitsministerium zur Verfügung.

Gebärdensprache: Das Bundesgesundheitsministerium beantwortet Fragen mittels Videotelefonie und ist dafür über ihr Gebärdentelefon zu erreichen. Dazu gibt es hier noch mehr Infos. Das Gebärdentelefon ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 12 Uhr erreichbar. Ebenso möglich sind Fragen per Fax: 030 / 340 60 66 – 07 oder per E-Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de oder info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de.

■ Weitere Sprachen: Kurze Info-Flyer der Johanniter auf Englisch (PDF), Dari (PDF), Arabisch (PDF), Farsi (PDF), Türkisch (PDF), Russisch (PDF), Italienisch (PDF) und Französisch (PDF) hat der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bereitgestellt.

International: Informationen zum Coronavirus in verschiedenen Sprachen stellt zudem die Weltgesundheitsorganisation WHO bereit.

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