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Der Österreicher Mitmannsgruber verankert seine Nummern mit viel Dialekt im Regionalen. Ein Besuch bei der Deutschlandpremiere seines Programms „1996“

Aus München Ambros Waibel

Am Ende seiner ausverkauften Vorstellung im Münchner Lustspielhaus gibt Benedikt Mitmannsgruber noch eine Zugabe. Es ist eine „Nummer“, wie er am nächsten Tag im Café bei einem Rooibostee seine Szenen nennen wird, die schon vielfach erprobt ist und die es auch im Internet zu sehen gibt. Nummern aus seinem laufenden Programm „1996“ stellt er nicht online, der Mann hat einen Plan, was soziale Medien angeht. Seine Freundin betreibt die Social-Media-Agentur hallosocials.com, in der sie auch ihn betreut.

„Gefangen in der Drehtür“ heißt der Sketch aus seinem letzten Programm „Der seltsame Fall des Benedikt Mitmannsgruber“. Mitmannsgruber schildert dabei, wie er und andere Provinzkinder in den Drehtüren eines Einkaufszentrums abgestellt werden. Wenn die Eltern ins Kino gehen möchten und keine Kinderbetreuung finden, „dann hams mi einfach in a Drehtür einigstöllt, für an Nochmittag“.

Das ist im Kern die „Figur“, wie Mitmannsgruber seine Bühnenperson nennt: Ein linkischer Schlaks im Norwegerpullover aus dem oberösterreichischen Mühlviertel, 20 Autominuten von der tschechischen Grenze, dem ganz normale Sachen Probleme bereiten; der nicht versteht, warum man nicht einfach einen Eingang und einen Ausgang benennt, statt einen in den unentrinnbaren Strudel einer Drehtür zu verbannen, eine „Zwischenwelt wie Narnia“ ---- Pause ---- „oder Voralberg“.

Damit sind zwei wesentliche Verfahren des Künstlers Mitmannsgruber benannt. Die wohlgesetzte Pause, die nicht geringe Anforderungen an Timinggefühl und Stimmbeherrschung stellt; und die Verankerung im Regionalen. Denn jenseits des erweiterten alpinen Kosmos würde der Gag mit „Voralberg“, eine Art Ostfriesland Österreichs, schon nicht mehr zünden.

Was ein Comedian sein soll: sehr lustig

Auch im Gespräch macht Mitmannsgruber keine Abstriche beim Dialekt, er ist da ganz eins mit seiner Bühnenfigur. Nur dass er eben in Wirklichkeit ein zwar zurückhaltender, aber sehr selbstbewusster und selbstverständlich gendernder junger Mann ist – er ist gerade 30 geworden –, der genau zu wissen scheint, was er macht, der ganz bewusst über die Dörfer und durch die Turnhallen zieht. Der Rest der deutschsprachigen Welt, könnte man sagen, muss zu ihm aufschließen – nicht umgekehrt.

Und das würde sich lohnen. In der Hauptsache natürlich deswegen, weil Mitmannsgruber das ist, was ein Comedian sein soll: sehr lustig. Das Publikum in München ist jedenfalls begeistert, und zwar über alle Altersgrenzen hinweg, auch wenn nicht alle Gags bei allen zünden: was, wie angedeutet, eben auch daran liegt, das nicht alle alles verstehen, selbst in München, wo eine zumindest passive Beherrschung des Bairischen als linguistische Kategorie noch vorausgesetzt werden darf.

Kreative Quelle des Mitmannsgruberischen Humors ist seine Herkunft. Die, da ist er sich auch ganz bewusst, tendenziell irgendwann auserzählt ist.

Das Kostüm zu dieser Quelle ist der Norwegerpullover, sein Markenzeichen, das uncoole Kleidungsstück an sich. Dass das Uncoole das eigentlich Coole ist, weil wir letztlich alle nur Masken der Coolness tragen und es wenig komischere Effekte gibt, als wenn diese Maske heruntergerissenen wird und der Kaiser nackt dasteht, das wird ein Merkmal dieses Künstlers bleiben.

Weil er ein Gefühl, einen Blick und ein Miterleben hat, bei allem, wo wir uns gern zu den Coolen rechnen würden, aber uns dann eben doch wieder hinten anstellen müssen.

Wir sind alle unten

Mitmannsgrubers Humor ist durchaus bös, aber er tritt nicht nach unten. Er zeigt uns eher, dass wir eigentlich alle unten sind. Formal macht er seine Witze in Abstufungen, hat keine Scheu vor dem Kalauer – die Überschrift dieses Textes stammt aus einer seiner aktuellen Nummern – und ist aber überbordend kreativ genug, dass er manche Pointen nur so nebenbei droppt oder hinzischt. Man könnte sich das Programm durchaus noch mal anschauen und würde sich keine Minute langweilen.

Der Rest der deutschsprachigen Welt, könnte man sagen, muss zu ihm aufschließen – nicht umgekehrt

Benedikt Mitmannsgruber ist ein politischer Künstler. Das geht wohl auch nicht anders in einem Land, in dem laut aktuellen Umfragen mehr als 40 Prozent der Bevölkerung eine rechtsradikale Partei wie die FPÖ wählen würden.

Er erzählt von Auftritten, wo Neonazis lautstark den Raum verlassen und ein FPÖ-Bürgermeister eine ihm von der Bühne gereichte Banane – ein Gag, den er auch mit einem Gast in München macht – heftig zurückschmeißt. Direkt persönlich bedroht worden sei er bei Auftritten aber noch nicht. Auf der Bühne gibt er nicht den politischen Phrasendrescher, sondern bleibt, auch wenn er den FPÖ-Politiker Kickl aufs Korn nimmt, lustig, wird nicht herabwürdigend. Es wäre schön, wenn die Gegenseite ihm das nachmachen könnte.

Mitmannsgruber hat neben anderen Auszeichnungen 2022 den renommierten Kabarett-Nachwuchspreis „Passauer ScharfrichterBeil“ gewonnen. In Österreich habe er bis jetzt allerdings noch keinen einzigen relevanten Preis bekommen. Bis Mitte 2028, sagt er, sei er aber gebucht. Es ist klar, dass er mehr will und kann, einen Roman schreiben oder als Schauspieler arbeiten, er nimmt seit kurzem auch Sprechunterricht, um die Menge der Auftritte leisten zu können.

Dass er wie seine Figur in der Drehtür des ewig Gleichen hängen bleibt, ist nicht zu befürchten. Der Bus, den er steuert, wird weiterfahren. Dieses Bild verstehen Sie nicht? Dann schauen Sie sich bitte das Programm „1996“ an. Sie werden dann ganz am Ende verstehen, warum ich beim Schreiben lache und mir sehr verkneifen muss, die Pointe zu verraten. Ambros Waibel