Tödlicher Luftangriff in Mali: Hochzeitsgäste oder Terroristen

Ein Luftangriff auf Zivilisten der Peul-Volksgruppe in Mali fordert mindestens 20 Tote. Frankreich meldet „Neutralisierung“ von „Dschihadisten“.

Demonstranten mit Spruchband "Stoppt den Völkermord"

Schon 2018 demonstrierten Peul in Malis Hauptstadt gegen „Völkermord“ Foto: Nicolas Remene/Le Pictorium/imago

BERLIN taz | Was geschah im malischen Dorf Bounti am vergangenen Sonntagnachmittag? Nach Angaben von vor Ort hat dort ein schlimmes Kriegsverbrechen stattgefunden: Bis zu 100 Zivilisten seien bei einem Luftangriff auf eine Hochzeitsgesellschaft getötet worden.

Die Organisation Tabital Pulaaku, ein Dachverband der Peul-Volksgruppe, verbreitet eine provisorische Opferliste und spricht von „mindestens 20 zivilen Opfern“, darunter Frauen und Kinder, und mehreren Schwerverletzten, die „noch keinerlei medizinische Versorgung erhalten haben“. In der am Dienstag verbreiteten Erklärung heißt es weiter: „Diese Zivilisten waren auf einer Feier der Hochzeit ihrer Kinder.“

Es dauerte bis Dienstagnachmittag, bis Frankreich bestätigte: Ja, unsere Luftwaffe hat im Rahmen der Antiterroroperation „Barkhane“ zur fraglichen Zeit am fraglichen Ort einen Angriff geflogen. Die Kampfflieger hätten allerdings keine Hochzeitsgesellschaft bombardiert, sondern eine Versammlung von Dschihadisten.

„Mehrere Dutzend“ von ihnen wurden den Angaben zufolge „neutralisiert“, wie man im Kriegseinsatz das Töten nennt: „Das Verhalten der Personen, ihre Ausrüstung und die Auswertung der Aufklärungsergebnisse schließen etwas anderes aus“, hieß es; da „kann es keinen Zweifel geben“.

Bounti liegt in der Region Mopti, wo nicht nur Malis Armee mit Frankreichs Hilfe islamistische Rebellengruppen bekämpft, sondern auch lokale Milizen der Dogon-Volksgruppe gegen die als Terroristen gebrandmarkte Bevölkerung der Peul-Volksgruppe vorgehen.

Wie da auf einer Peul-Hochzeit zwischen Gästen und Terroristen zu unterscheiden ist, bleibt offen, zumal es nicht verwunderlich wäre, wenn Gäste auf Motorrädern anreisen – ein Verkehrsmittel, mit dem sich gerne islamistische Kommandos bewegen, zu dem es in Malis Savanne aber kaum Alternativen gibt – und vielleicht sogar Waffen tragen, weil größere Feiern leichte Ziele für Überfälle sind.

Merkwürdig bleibt: Frankreich fliegt solche Luftangriffe üblicherweise mit Mirage-Kampfjets aus großer Höhe, unterstützt von Aufklärungsdrohnen; die lokalen Berichte aber sprechen von einem Hubschrauber im Tiefflug, was auf Malis Streitkräfte hindeutet. Malis Generalstab aber dementierte schnell, am Sonntag in dieser Zone im Einsatz gewesen zu sein.

Wer sich allerdings gar nicht geäußert hat, ist Malis Regierung. Die wird seit dem Militärputsch im August von Generälen dominiert – und schweigt. Das irritiert. „Euer Schweigen tötet“, kritisiert der Politologe Boubacar Diawara. Ähnlich äußern sich viele andere. Irgendwer hat etwas zu verbergen. Aber wer?

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