Theaterstück „Trüffel Trüffel Trüffel“: Raffinesse mit Vollgas

Theaterregisseur Felix Rothenhäusler hat schon lange vor Corona auf Abstand inszeniert. Darum sieht's am Bremer Theater auch nicht nach Notlösung aus.

Eine Reihe Theaterschauspieler mit Abstand zueinander

Berühren verboten: Auch am Bremer Theater gilt die Abstandsregel Foto: Philip Frowein/Theater Bremen

Ist das schon Corona – oder doch noch Felix Rothenhäusler? Infiziert ist jedenfalls mindestens der Blick auf seine frisch ans Bremer Theater überführte Inszenierung von Eugène Labiches Lustspiel „Trüffel Trüffel Trüffel“. Streng auf Abstand stehen die acht Schauspieler:innen in Reihe, berühren einander nie – und rücken sich dafür umso energischer mit Worten auf die Pelle.

Klar passt das Rothenhäusler’sche Kompakttheater wie angegossen in die Hygieneverordnungen von heute. Richtig toll ist der Abend aber, weil’s eben kein Zugeständnis an die Zwänge ist, sondern der konsequente nächste Schritt einer sich seit Jahren ausdifferenzierenden Regiearbeit. Und das gleich vorweg: Es ist eine Freude, diese Theatermaschine endlich wieder in Aktion zu erleben.

Inhaltlich geht es um die Verkupplung zweier junger Menschen, die sich sogar ein bisschen mögen; vor allem aber um ihre Eltern, die einander mit Luxus auf Pump und abgeguckter Etikette Wohlstand vorgaukeln. Nach außen also wenig Reibungsfläche, weil das im Publikum ja jede:n irgendwie abholt: ob man nun vorn im Parkett über Trüffel fressende Hochstapler schmunzelt, oder weiter hinten über Etepetete und Heititei der Möchtegern-Superreichen.

Letztlich stehen aber gleich beide Ressentiments auf wackligen Füßen, weil Katharina Pia Schütz ihre Bühne mit einer haushohen Spiegelwand abschließt und das coronamäßig vereinzelt sitzende Publikum so mitten reinholt in das vermeintliche Klassengerangel.

„Trüffel Trüffel Trüffel“: Wieder Sonntag, 20. 9., sowie Sonntag, 4. 10., jeweils 15.30 Uhr, Bremen, Theater am Goetheplatz. Mehr unter: Theater Bremen.

Schnell ist also von individuellen Menschen die Rede, und die fallen allesamt herzallerliebst aus. Die Kinder sowieso: Matthieu Svetchine wahrt angesichts der steildrehenden Eltern in Fußballtrikot und Grusel-Corpsepaint eine stoische-knuffige Bodenständigkeit – genau wie Deniz Orta als Braut in spe mit Flügelchen am Rücken und monströs-schiefen Plastikzähnen im Mund. Wie gesagt: Es ist keine Milieustudie, sonst wäre die Visage der Armut als Witz ein Unding.

Hier jedoch kann man aufs Gebiss nicht wütend sein, sondern muss sich im Gegenteil sogar ein bisschen darin verlieben. Auch weil Deniz Orta so lustig an ihm vorbei singt: „Someone Like You“ von Adele und Sias „Chandelier“, Herzschmerz und auch ohne Plastik im Mund ambitioniert. Es ist so schief wie schön, wie sie da mit großen Augen nickend die Takte bis zum nächsten Einsatz abzählt.

Sie sind alle gut und es macht kirre, wie sich die gesamte Besetzung so rasend schnell sprechend, aber präzise an den Bruchstellen ihrer Figuren arbeitet. Beim surrealen Kammerkonzert direkt nebenan steht Nadine Geyersbach als verzweifelt-mitfiebernder Papa mit zitternd geballten Fäusten stumm mitsingend.

Vielleicht, weil das Töchterchen (jedenfalls aus seiner Banausensicht) profitträchtig abliefert – oder doch auch aus echter Liebe zum Kind? Man weiß es nicht, fragt es sich aber doch die ganze Zeit. Und eben darum ist diese rasante Stunde nicht nur brüllend komisch, sondern im Kleinen auch ganz großes Schauspiel.

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