Theater trotz Corona: Aktionismus am Projektor

Analog darf es in Braunschweig nicht stattfinden, nun wird aus „Anders schreiben“ das erste Theaterfestival im Internet.

Stocker, Versprecher, miese Beleuchtung: Bruno Brandes' Stück wirkt noch wie ungeprobt Foto: Staatstheater Braunschweig

BREMEN taz | Theater und Konzertsäle wurden mit als Erste geschlossen in unserer pandemischen Zeit – und werden wohl als Letzte wieder öffnen. Schmerzhaft sei das, teilen viele Veranstalter mit, die häufig resignativ klingen, staatstragend aber meist noch Einverständnis mit der pandemischen Lockdown-Politik folgen lassen.

Einen anderen Weg schlägt das Staatstheater Braunschweig ein. Für das analog geplante Festival „Anders schreiben“ wurde nach Ostern entschieden, statt eines trostlosen „Entfällt“ eine Verschiebung in die digitale Welt zu verkünden. Es ist bundesweit das erste coronabedingt ins Virtuelle geswitchte Theaterfestival. In Rekordzeit wurde der Veranstaltungsreigen fürs Netz neu organisiert. „Das wird fehlerhaft sein, ich habe viel machen, also schnell lernen müssen, was ich bisher nicht konnte, aber besser so als gar nicht“, sagt Festivalleiterin Claudia Lowin.

Wie sieht das konkret aus? Workshops für junge Menschen, die eigene Gedanken und Gefühle in Sprache fixieren wollen, hätten sowieso unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden. Aktuell ließ sich nun Literaturlokalmatadorin Kyra Mevert die Textentwürfe schicken und bespricht sie mit den Autor*innen in der sogenannten Privatsphäre der Messenger-Dienste. Bei den Diskursen über die Möglichkeiten, Theatertexte zu generieren, kann aber jedermann dabei sein.

Ausgangspunkt des Festivals sind hauseigene Erstaufführungen von vier Autor*innen mit sehr unterschiedlichem Selbstverständnis. Lucy Kirkwoods „Die Kinder“ ist ein Well Made Play, fix und fertig nach alle Regeln klassischer Dramatikerkunst verfasst. Das Kammerspiel kann vom Blatt gespielt werden.

„Anders schreiben. Digitale Thementage“: bis 2. 5.; Streams der Beiträge des Festivals: www.staatstheater-braunschweig.de/produktionen/digitale-thementage

Ein sprachmächtig eigenwilliger Text ist Fellicia Zellers „Fiskus“, musikalisch getrieben, mit floskelhaften Satzverkürzungen und Wortfindungsstörungen in einem raffinierten Kunstidiom verfasst. „Reich & Himmel“ des Mittfünfzigers Markus Heinzelmann ist ein kreuz und quer die Lesefrüchte des Ensembles zitierender Text. Nicht mehr zur Aufführung kam „Batterie zum Anschließen der Liebe“ des Jungdreißigers Lars Werner, ein theatrales Mix-Tape, in dem sich jede Szene auf einen Popsong bezieht.

Die Stücke live zu sehen, ist ja leider verboten, über sie zu reden nun aber Online-Praxis. Etwa per Podcast. Was in diesem Fall bedeutet: Die nette Dramaturgin Claudia Lowin hat dem netten Autor Lars Werner nette Fragen geschickt, die er nett beantwortet. Es fehlt das Dazwischenfragen, Nachfragen, wirklich miteinander Ins-Gespräch-Kommen.

So geht Autorenschaft heute? Der Fokus gehe weg vom Autor-Subjekt als genial schaffendem Individuum, hin zum gemeinsamen Generieren von Stücken, sagt Lowin. Dass ein fertiger Text zu Probenbeginn da ist und nur bebildert werden soll, gelte ja schon nicht mehr für Klassiker.

Dementsprechend liefern zeitgenössische Autoren auch lieber eine Textfläche zur freien Verfügung. Oder Schauspieler, Experten des Alltags und Schriftsteller teilen sich die Autorenschaft, arbeiten zusammen. Wer da sprachschöpferisch oder redigierend tätig ist, lässt sich im Nachhinein nicht mehr genau beantworten. Der verpflichtete Autor fungiert in dem Prozess eher als Kurator des gesammelten Textmaterials.

Aktuell kommt noch ein Aspekt hinzu: Was passiert mit einem Theatertext, wenn es kein Theater mehr gibt, ihn zu spielen? Das betrifft das Festival-Abendprogramm. Der Jugendklub des Staatstheaters hatte einen Audio-Walk durch die City geplant mit ihrer Untersuchung: Wen, wann und wie sie lieben. Das Hörstück funktioniert aber auch ohne Walk, da es die öffentlichen Orte gar nicht braucht.

Die Internetbühne ist auch für Andcompany & Co. kein Problem, sie bieten ihre Lecture-Performance als Zoom-Konferenz dar. Kyra Mevert soll ihre Telefonlesung so durchführen: Anruf genügt, und schon liest sie aus ihren Werken.

Live-Lesung mit Overhead-Projektor

Eine besondere Herausforderung ist der Autorenwettbewerb. Student*innen der Unis Leipzig und Hildesheim waren eingeladen, Exposés und nicht mehr als 15 Seiten eines ihrer Stücke einzureichen. Aus 32 Einsendungen wurden fünf ausgewählt.

„Mein Ideal ist so schön, ich kann es mir mein Leben lang ansehen“ von Bruno Brandes (Hildesheim) hat Braunschweigs Chefregisseur Christoph Diem als Live-Lesung inszeniert – erstaunlich schlecht ausgeleuchtet und mit ratlos machendem Aktionismus an einem Overhead-Projektor, auf den ständig etwas getropft, gerieselt, gelegt und so der Bühnenhintergrund gestaltet wird. Versprecher, Stocken und teilweise betonungsloses Ablesen lassen die Darbietung recht ungeprobt wirken. 807 Zuschauer klickten mal rein.

Andere Texte werden per Videokonferenzschaltung dargeboten. Was bestens funktioniert bei Wibke Charlotte Gneuß’ Stückentwurf „Glückwunsch“. Die Collage aus widersprüchlichen O-Tönen zur Kinderwunsch, Schwanger- sowie Mutterschaft, Abort und den Folgen nutzen vier Schauspielerinnen des Festivalpartners Theater Magdeburg daheim eindrücklich dazu, lebendige Charaktere aus den Textpassagen zu entwickeln.

Zum Festivalfinale am 2. Mai soll eine Jury online-öffentlich den Sieger des Wettbewerbs küren. 1. Preis ist der Vertrag für eine Uraufführung.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de