Terrorismus in Nigeria

Im Dorf der verlorenen Mädchen

Vor zwei Jahren haben Kämpfer der Terrormiliz Boko Haram in Chibok knapp 300 Schülerinnen entführt. Von den meisten fehlt bis heute jede Spur.

Viele Männer und Frauen auf Stühlen

Weit mehr mehr als 100 Väter und Mütter haben sich jetzt zum ersten Mal am Tatort getroffen. Sie werfen der Regierung Versagen und Schlamperei vor Foto: Katrin Gänsler

CHIBOK taz | Amos Lawan versucht ruhig zu bleiben. Doch irgendwann kann er nicht mehr. Die Stimme des großen, hageren Mannes mit dem zerfurchten Gesicht bebt: „Die Politiker spielen doch nur mit uns“, platzt es aus ihm heraus, „und die Regierung hat keine Ahnung.“ Um sich unter Kontrolle zu bringen, atmet er zweimal tief durch und hört lieber nicht genau zu, was die Frauen und Männer sagen, die mit ihm im Schatten der hohen Bäume sitzen. Es würden ihn nur noch wütender und trauriger machen.

Politikerschelte ist normal in Nigeria und täglich millionenfach zu hören. Aber Lawans Ausbruch hat eine andere Qualität: Er wird immer deutlicher, wie sehr die Regierung bei der Suche nach den 219 entführten Mädchen von Chibok geschlampt hat. „Meine Tochter Comfort ist unter ihnen“, sagt er. Seit genau zwei Jahren hat er nichts mehr von ihr gehört.

Es geschah in der Nacht zum 15. April 2014. Ohne jeglichen Widerstand konnten Kämpfer der Terrormiliz Boko Haram in die Schlafsäle der staatlichen weiterführenden Schule von Chibok eindringen und 276 Schülerinnen zwischen 16 und 18 Jahren in ihre Gewalt bringen. Bisher gelang nur 57 die Flucht.

Die ersten Informationen, die nach und nach an die Öffentlichkeit drangen, klangen bizarr und unwirklich. Knapp 300 entführte Schülerinnen müssten doch auffallen, hieß es. Nur den Eltern war sofort klar, dass ihnen etwas Schlimmes zugestoßen sein musste, hatten sie doch kein Lebenszeichen ihrer Töchter mehr.

#Bringbackourgirls auf Twitter

Dabei wusste man schon vorher, dass die Region völlig unzureichend geschützt ist. Im Jahr davor hatte Boko Haram mehrfach Schulen überfallen und junge Männer ermordet. Das öffentliche Entsetzen hielt sich aber in Grenzen. Auch die Entführung der Mädchen machte im Westen erst Schlagzeilen, als die Twitter-Kampagne #Bringbackourgirls weltweite Aufmerksamkeit auf sich zog.

Der Wind trägt die Worte von Elternvertreter Yakubu Nkeki herüber, der seinen Kummer ins Mikrofon brüllt. „Warum hat es erst geheißen, alle Schulen werden aus Sicherheitsgründen geschlossen, um Chibok zwei Wochen später wieder zu öffnen? Warum haben andere Schüler ihre Abschlussprüfungen in Maiduguri schreiben dürfen, wo es einen besseren Schutz gibt? Nur unsere Mädchen mussten plötzlich zurück nach Chibok.“

Die Eltern waren der Aufforderung gefolgt, sollten ihre Töchter doch einen besseren Abschluss und ganz andere Chancen als sie selbst haben. Ihr Vertrauen kam sie teuer zu stehen.

Weit mehr als 100 Väter und Mütter treffen sich heute zum ersten Mal am Tatort. Während sie Nkeki zuhören, diskutieren oder schweigend zu Boden starren, blickt Amos Lawan in Richtung Schulgebäude. Viel zu sehen ist dort nicht. Es stehen nur noch die Grundmauern, die außen sandgelb und innen mintgrün sind.

In der Schule gibt es keine Tische und Stühle mehr

Die Boko-Haram-Kämpfer haben das Gebäude bei ihrem Überfall vor zwei Jahren in Brand gesteckt. Nun gibt es in den Räumen keinen einzigen Tisch, keine Bank oder Tafel mehr. Dafür wuchert überall trockenes, gelbes Gras. Der Regen muss in diesem Jahr erst noch kommen. Es hieß einige Male, dass die Schule bald wieder öffnet. Aber wie soll das gehen, in diesem Zustand?

Doch es ist nicht nur die zerstörte Infrastruktur, sondern vor allem die Frage nach der Sicherheit. Boko Haram hat Chibok immer wieder überfallen. Der letzte Selbstmordanschlag passierte im Januar. Auf dem Weg in den Ort gibt es heute viele Militärposten, wenn man aus Yola, der Provinzhauptstadt des südlich angrenzenden Bundesstaates Adamawa, anreist.

Die Islamistengruppe Boko Haram hat einem Bericht des US-Nachrichtensenders CNN zufolge ein „Lebenszeichen“ einiger der rund 200 entführten Schülerinnen aus Chibok versandt. Wie der Sender berichtete, sind auf einem Video 15 verschleierte Mädchen zu sehen, die ihre Namen nennen, sagen, dass sie 2014 verschleppt worden seien und das Datum der Aufnahme, den 25. Dezember 2015, nennen. Drei Mütter sowie eine Klassenkameradin hätten die Mädchen erkannt, berichtete CNN. (afp)

Irgendwann hört man auf, sie zu zählen, die provisorisch zusammengeschusterten Konstruktionen, Sandsäcke, dann Baumstämme, alte Ölfässer oder ausgebaute Türen von schrottreifen Autos. Immerhin zwingen sie die Fahrer, das Tempo zu drosseln. Mal schauen Soldaten ins Auto, mal Mitglieder der lokalen Bürgerwehr. Doch wer nicht verdächtig aussieht, wird durchgewinkt.

Auch am südlichen Ortsrand von Chibok tun ein paar Soldaten ihren Dienst. Dort steht eine klapprige Schranke, die den Weg in den Ort zumindest erschweren soll. Bis zur Schule sind es jedoch noch einige Kilometer. Kein einziges Stückchen der Straße ist asphaltiert. Durch ein großes Schlagloch muss man extrem langsam fahren. Bis heute dürfte es in dieser entlegenen Gegend nicht einmal Stunden brauchen, um Menschen verschwinden zu lassen.

Die Regierung will keine Besucher in der Region

Das Treffen der Eltern findet hier zwar unter großen Sicherheitsvorkehrungen statt. Um die Gruppe herum haben sich Soldaten und Polizisten positioniert. Das liegt auch daran, dass Aisha Muhammed-Oyebode daran teilnimmt. Sie ist die Tochter des 1976 ermordeten nigerianischen Militärherrschers Murtala Muhammed und leitet die Stiftung mit gleichem Namen.

Diese hat die Zusammenkunft initiiert wie auch die für heute geplante Gedenkfeier. Sie gilt als Sensation, da sie von der Regierung abgesegnet wurde. Denn eigentlich wollen die Machthaber dort keine Besucher haben. Für eine Reise in die Region braucht es noch immer eine Genehmigung, die das Militär nicht freiwillig ausstellt.

Amos Lawan hat einen Moment geschwiegen. Die Falten wirken nun noch tiefer als zu Beginn des Gesprächs. Auf die Frage, ob er sich sicherer fühlt als vor zwei Jahren, widerspricht er sich. „Ja, es sind zwar mehr Soldaten hier“, sagt er, um zwei Sätze später zu relativieren: „Aber ganz ehrlich: Ich weiß nicht, ob sie uns wirklich helfen, sollte wieder etwas passieren. Vielleicht haben sie andere Pläne.“

Die hatten sie anscheinend vor zwei Jahren, als die Boko-Haram-Kämpfer kamen und Comfort und alle anderen Mädchen holten. Knapp vier Wochen nach dem Vorfall veröffentlichte Amnesty International einen Report mit brisantem Inhalt: Im Hauptquartier Maiduguri soll kaum vier Stunden vor dem Überfall eine Warnung eingegangen sein. Aber nichts passierte. Auch wird erzählt, dass die Schülerinnen sogar angewiesen wurden, in ihren Schlafsälen zu bleiben.

Angst, Trauer, Ungewissheit

Viele Details waren längst bekannt. Aber im Kopf von Comforts Vater setzen sie sich erst jetzt zu einem vollständigen Bild zusammen. Er ist froh, dass seine Frau nicht dabei ist. „Das wäre zu viel für sie gewesen“, erklärt er fast entschuldigend. Man spürt, wie er in Gedanken zu Hause bei seiner Familie ist, in einem Haushalt, in dem es keine Freude mehr gibt, sondern Angst, Trauer und Ungewissheit. Dafür muss er nicht einmal sprechen.

Lawan ist ein einfacher Mann, ein Bauer, wie fast alle hier. Comfort wäre jetzt 20 Jahre alt. Seit ihrer Entführung kann Lawan nicht mehr arbeiten, häufig nicht einmal mehr essen. „Manchmal bringe ich viel Essen mit nach Hause. Aber wenn ich es dann sehe, fühle ich mich so voll, so satt.“ Er schluckt, fängt sich aber schnell wieder.

Dabei schien sich vor einem Jahr das Blatt zu wenden, als Muhammadu Buhari zum Präsidenten gewählt wurde. Vorgänger Goodluck Jonathan hatte in der Chibok-Affäre eine denkbar schlechte Figur abgegeben. Nach fast drei Wochen äußerte er sich überhaupt zum ersten Mal zu dem Vorfall. In den Monaten danach sagte er ein paar Mal: „Wir werden die Mädchen bald finden.“ Spätestens nach dem zweiten Mal dürfte ihm das niemand mehr geglaubt haben.

Buhari war ehrlicher und verkündete vor einem Jahr: Er wisse nicht, ob die Mädchen noch lebend gefunden werden, aber er wolle alles dafür tun. In Nordnigeria herrschte Hoffnung und Aufbruchstimmung. Bis nach Chibok kamen einige Politiker, um mit den Eltern zu sprechen. Seitdem hat Amos Lawan nichts mehr von ihnen gehört. Auch passiert ist nichts. In den vergangenen Tagen gingen zwar Gerüchte um, dass es eine Lösegeldforderung für die Mädchen gibt . Doch der Wahrheitsgehalt wird bezweifelt.

Comforts Vater bleiben nicht einmal mehr Fotos

Amos Lawan würde gern ein Foto seiner Tochter zeigen, auf die er so stolz ist. Er sagt es nicht, aber es ist deutlich zu spüren. Um das Mädchen auf die Schule zu schicken, musste er seine letzten Naira zusammenkratzen. Gut habe sie gelernt, und der Vater wollte alles tun, um sie zu unterstützen. „Ich habe alle Bücher und das ganze Material gekauft, das die Schule gefordert hat. Sie sollte studieren und es weit bringen.“

Nun hat der Vater nicht einmal mehr ein Bild seiner Tochter. Boko Haram hat ihm nicht nur sein Kind genommen, sondern auch sein Haus niedergebrannt. Ein paar Monate nach der Entführung gelang es den Kämpfern, in Richtung Süden vorzudringen. Nachdem er und seine Frau vor dem Nichts standen, flohen sie zuerst nach Mubi, dann nach Yola. Auch dort suchte er Comfort – ohne Erfolg.

Ob er noch Hoffnung hat? „Wenn ich euch heute sehe, dann habe ich sie wieder“, sagt Amos Lawan. Die Worte hat er sich nicht zurechtgelegt, er möchte nicht höflich oder diplomatisch klingen. Was er sagt, ist mehr als ernüchternd: Er hat mehr Vertrauen in eine Stiftung und drei Journalisten, die für nicht einmal zwei Stunden in Chibok sind und die er nicht kennt, als in die Regierung und die gesamte Armee seines Heimatlandes Nigeria.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de