Tennis und die Coronakrise: Das Flatterband vor dem Clubhaus

Manchmal löst Corona sogar etwas Gutes aus: Im Tennis-Club wurde die Geschlechtertrennung aufgehoben. Aber deshalb gleich Polonaise tanzen?

Jemand trägt blaue Medizinhandschuhe und hat einen Tennisball in der Hand

Der Tennisverein macht ernst und schafft den pandemieresistentesten Ort in ganz Berlin Foto: Panthermedia/imago

Als mein Tennisverein unter Coronabedingungen die Saison eröffnete, wurde der zum wahrscheinlich pandemieresistentesten Ort in ganz Berlin umgebaut. Alles wurde dichtgemacht, kein Zutritt in das Clubhaus, keiner in die Umkleidekabinen, kein Aufenthalt vor und nach dem Spiel, keine sozialen Kontakte außer zu seinem Mitspieler. Und bitte desinfiziert eure Hände nach dem Sport!

Horrorgeschichten von anderen Vereinen wurden seitens des Vorstands kolportiert, in denen sich angeblich irgendein Mitglied nicht an die Regeln gehalten hatte und dann wieder alles geschlossen wurde. Das machte gehörig Eindruck, denn eines wollten wir ja alle: endlich wieder Tennis spielen.

Als sich die Situation mit der Pandemie über den Sommer zunehmend normalisierte und bei anderen Vereinen wahrscheinlich kein Mensch mehr beim Tennisspielen an Corona dachte, war bei uns immer noch Alarmstufe Rot. Bis heute wissen nur ein paar Eingeweihte, dass duschen wieder erlaubt ist. Aber erst einmal können, wenn die Umkleiden ständig abgeschlossen sind. Und immer noch weht vor dem Clubhaus ein Flatterband, das irgendetwas absperren soll, wobei niemandem klar ist, was genau.

Nun aber konnte man in den letzten Wochen eine seltsame Art von Protest gegen die vereinsinternen, ein wenig übertrieben wirkenden Coronamaßnahmen beobachten. Nicht so Attila-Hildmann-mäßig, sondern dann doch um einiges subtiler. Man kann sagen, dass plötzlich damit begonnen wurde, die tradierte Ordnung des Spielbetriebs aufzulösen.

Guerillamäßig ins gemischte Doppel

Vor Corona war klar: Mann verabredet sich mit Mann zum Match, Frau mit Frau, gespielt wird eineinhalb Stunden, vielleicht noch ein Bier danach, das war's. Jetzt treffen ständig Männer auf Frauen auf den Plätzen und es finden sich spontane Mixed-Doppel zusammen. Zudem wechseln Spieler und Spielerinnen immer wieder auf den Plätzen hin und her, was es in virusfreien Zeiten auch nicht gab. Es wirkt fast so, als wolle man in seinem Bedürfnis, endlich wieder soziale Kontakte mit anderen aufzunehmen, die konstruierten Barrieren zwischen den Geschlechtern beim Sport gleich miteinreißen und gegen gewisse, als überkommen erkannte Gepflogenheiten im Spielbetrieb rebellieren.

Alle Forderungen in den letzten Jahren, bei den Vereinsmeisterschaften endlich nicht mehr Frauen getrennt von den Männern gegeneinander antreten zu lassen, wurden stets abgelehnt. Getrennte Turniere: Das war schon immer so, und das wird auch immer so bleiben.

Jetzt wurde guerillamäßig ein eigenes Spaßturnier organisiert, Frauen spielten dabei ganz selbstverständlich gegen Männer, und manche von ihnen gewannen dabei mehr, als es so manchem der Herren wahrscheinlich lieb war. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass dieser neue Status quo bei den nächsten Clubmeisterschaften noch einmal zurückgedreht werden kann.

Wird das hier gerade einer dieser Texte, die belegen wollen, dass Corona auch seine positiven Seiten haben kann? Ich befürchte es fast. Denn so dynamisch war das Clubleben bei uns, obwohl es im klassischen Sinne so gut wie gar nicht stattfindet, noch nie. Obwohl Stillstand verordnet wurde, bewegen sich gerade alle aufeinander zu, und das in ganz neuen Bahnen – das ist wohl wirklich etwas Gutes. Ausgelöst durch Corona.

Nur als dann nach besagtem Spaßturnier auch noch Polonaise auf dem Center-Court getanzt wurde, dachte ich: Jetzt ist vielleicht doch mal genug.

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