Tempelhofer Feld in Berlin: Ein Applaus für die Sonne
Kommen jetzt die Zombies? Erst fühlt es sich dystopisch an, dann folgt die Euphorie: Alle wollten in Berlin gemeinsam die Sonnenfinsternis beobachten.
Es scheint, als würden alle darauf warten, dass die Aliens kommen und sie in Raumschiffen abduzieren, wie in einem Blockbuster der Achtzigerjahre. Das meint meine Freundin, als sie meine Bilder vom wegen der Sonnenfinsternis völlig überfüllten Tempelhofer Feld sieht: Menschen mit Sonnenfinsternisbrillen, selbst gebastelten Lochkameras und Camera obscuras.
Auch ich spüre zunächst ein dystopisches Gefühl, als ich die Wohnung verlasse und auf der Straße bin: Eine Menschenmasse strömt durch die Herrfurthstraße in Richtung Feld. Vor jedem Späti stehen Schlangen. Die Polizei versucht, den Verkehr zu organisieren, während Autofahrer*innen im Stau hupen und schimpfen.
Das Gefühl hat trotzdem etwas Schönes: Statt sich in Zombies zu verwandeln und gegenseitig aufzufressen, kommt die Menschheit zusammen, um gemeinsam die letzte Sonnenfinsternis überhaupt zu sehen, denke ich. Unterschiede spielen keine Rolle, stattdessen sind alle lieb zueinander.
Einmal auf dem Feld begreife ich die wahre Dimension dessen, was gerade passiert: Musik und Glitzer, es herrscht die Atmosphäre eines Festivals oder einer Party am Strand auf Ibiza (oder zumindest so, wie ich mir das vorstelle).
Unter dieser Menge und trotz fehlenden Empfangs schaffen meine Freundin L. und ich es, uns zu treffen. Sie teilt meine apokalyptische Sicht auf die Situation nicht. Ihr Enthusiasmus ist ansteckend. Bald versammelt sich eine Gruppe um uns, um ihre Experimente mit dem Nudelsieb, die sie aus dem Internet nahm, zu beobachten.
„Heute sind wir alle wie Sechsjährige“, sagt sie. Von den selbst gebastelten Vorrichtungen um uns herum ist sie fasziniert. Es sind viele, die keine Eclipse-Brille bekommen haben.
Immer wieder wird gejubelt. Als die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, ertönt ein riesiger kollektiver Applaus. Die Show ist beendet. Arm in Arm gehen wir zurück nach Hause. So etwas werden wir nicht noch einmal erleben.
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