Tanz in der Berliner Staatsoper: Ein Abend zwischen Ordnung und Unruhe
In der Berliner Staatsoper treffen ein Klassiker und eine Uraufführung aufeinander. Die Freude der Tänzer:innen überträgt sich aufs Publikum.
Noch bevor sich der Vorhang hebt, setzt die erste Musik ein. Vor leuchtend blauem Hintergrund formieren sich Ballerinas in weißen Tutus und Tänzer in schwarzen Kostümen. Das Corps de ballet bewegt sich in strenger Einheit, aus der sich wiederholt Solist:innen lösen, um sich dann erneut einzufügen. Getragen von Georges Bizets Musik entfaltet sich eine Leichtigkeit im Saal.
George Balanchines „Symphonie in C“ verzichtet auf eine Handlung. Stattdessen soll die Musik im Tanz sichtbar werden, was dem Staatsballett eindrucksvoll gelingt. Das Stück besteht aus vier Sätzen, die jeweils wie ein eigenes Ballett angelegt sind. Jeder Satz hat ein eigenes Solist:innenpaar und ein eigenes Corps de ballet. So lassen sich zahlreiche Stars des Staatsballetts in einem Werk erleben.
Bei Balanchine gilt das Motto: maximale Präzision bis in die Fingerspitzen, nichts dem Zufall überlassen, alles unter äußerster Kontrolle. Diese Anforderung meistern die Tänzer:innen über das Stück hinweg nahezu perfekt – eine großartige Leistung.
Besonders eindrücklich sind die Momente des Gleichklangs, in denen sich die gesamte Bühne synchron bewegt, sowie die kurzen, intimen Soli. Im zweiten Satz etwa lässt sich Polina Semionova langsam rückwärts in die Arme ihres Partners Martin ten Kortenaar fallen. Es ist ein Augenblick fragiler Schönheit, der den Atem kurz stocken lässt, bevor die Bewegung wieder in Fluss gerät.
Ursprünglich schuf Balanchine das Stück im Jahr 1947 innerhalb von nur zwei Wochen für das Ballett der Pariser Oper. Jeder Satz war einer Edelsteinfarbe zugeordnet, was sich in den farbigen Kostümen widerspiegelte. In der heutigen Schwarz-Weiß-Fassung bleibt durch die technische Brillanz der Tänzer:innen und den Hauch von Glitzer auf den Kostümen die Erinnerung an diesen Glanz erhalten.
Die erhabene Kraft des Tigers
Mit „Fearful Symmetries“ setzt Ballettintendant Christian Spuck einen deutlichen Kontrastpunkt zum ersten Stück. Die klare Ordnung kippt zur Musik von John Adams nun in ein nervös pulsierendes Gefüge. Die Musik bezieht sich auf William Blakes Gedicht „The Tyger“ (1794), das die erhabene Kraft des Tigers beschreibt und zugleich die Frage stellt, wie ein Schöpfer ein so furchteinflößendes Wesen neben einem unschuldigen Lamm erschaffen kann.
Auch hier wirkt die Szenerie minimalistisch, lediglich ein großflächiges, abstrakt gemustertes Bild setzt einen Akzent im Hintergrund. Der Blick des Publikums findet dennoch kaum Halt: Hier Pirouetten, dort hochschnellende Beine, schon drängt die nächste Formation von Tänzer:innen ins Bild. Vier zentrale Figuren durchqueren wiederholt die Szene, eine Königin, ein Liebhaber, ein Wissenschaftler und ein Joker. Im Verlauf des Stücks tragen sie untereinander Machtkämpfe aus. In schwarzer Kleidung und üppigen Frisuren heben sie sich bereits visuell von den übrigen Tänzer:innen in bunten, aber schlichten Kostümen ab.
Auch innerhalb des Ensembles verschieben sich fortwährend Symmetrien und Asymmetrien. Die kantigen, teils puppenhaften Gesten der vier Figuren setzen jedoch schärfere Akzente. Sie wirken wie Störungen innerhalb eines Systems, das sich nie stabilisiert.
Irgendwann kullern goldene Kugeln auf die Bühne, erst nur eine, dann immer mehr. Ein Solistenduo, durch eine heruntergleitende Lampe beleuchtet, lässt sich vom Chaos der Kugeln nicht beirren.
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Die Tatsache, dass die Tänzer:innen das hohe musikalische Tempo, oft auf Spitze, mit Präzision und spürbarer Freude bewältigen, verleiht dem Abend eine besondere Intensität. Der abschließende lange Applaus zeigt, dass sich ihre Freude auch auf das Publikum übertragen hat.
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