Tagebuch aus Kasachstan: Dienen für die Ukraine, woher auch immer man kommt
Auch ausländische Soldaten verteidigen die Ukraine. Sie tun dies, obwohl in ihrer Heimat harte Strafen drohen. Einige aus voller Überzeugung.
I m Frühjahr 2022 bekam ich die Information, dass in den Reihen der ukrainischen Armee auch ein Kasache kämpft. Ich kontaktierte den Mann, und er teilte mir seine Motive mit. „Meine Frau ist Ukrainerin und unsere beiden Kinder haben kasachische und ukrainische Wurzeln“, sagte er. „Dieses Land hat mir Liebe und Familie geschenkt, ich bin verpflichtet, es zu verteidigen. Das ist meine Pflicht.“
Der in einer ukrainischen Uniform steckende Kasache erwies sich als interessanter und gebildeter Mann. Zum Zeitpunkt des Interviews war er etwas über 30 Jahre alt. Als ich ihn kontaktierte, befand er sich mitten im Zentrum der Kampfhandlungen. Das war in der Region Donezk. Sein Bataillon verteidigte die Stadt Wolnowacha und sorgte für die Verlegung der Zivilbevölkerung.
Ich führte das Interview, als die ukrainischen Soldaten sich bereits aus der Stadt zurückgezogen hatten. Weil das Internet in dieser Gegend nur sporadisch funktionierte, hatten wir das Interview mit dem Messenger von Instagram aufgezeichnet. Ich schickte ihm meine Fragen, und der Soldat antwortete mit Voicemails, sobald er Internetverbindung und Zeit hatte. Im Hintergrund dieser Sprachnachrichten waren heulender Wind und explodierende Granaten zu hören.
Er ist nicht der einzige Kasache, der auf der Seite der Ukraine kämpft. Bei seiner Rückkehr nach Kasachstan wird gegen ihn und die anderen ein Strafverfahren wegen „Beteiligung an einem ausländischen bewaffneten Konflikt“ oder wegen „Söldnertum“ eingeleitet werden. Das ist der Grund, warum die ukrainischen Behörden nicht mitteilen, wer die ausländischen Freiwilligen in ihrer Armee sind und aus welchen Ländern sie kommen.
Hoffen auf Anerkennung – wenigstens in der Ukraine
„Ich bin auf eine Reise gegangen und weiß, dass die Ukraine mich nicht im Stich lassen wird, denn ich bin nicht nur aktiver Vertragssoldat der ukrainischen Streitkräfte, sondern werde auch hier bleiben und ukrainischer Staatsbürger werden“, erzählte mir der Kasache damals in dem Interview.
Aber nach drei Jahren Krieg hat der Held meines Interviews immer noch nicht die ukrainische Staatsbürgerschaft erhalten, was eine Menge rechtlicher Komplikationen mit sich bringt. Und das, obwohl er während des Krieges mit dem „Orden für Tapferkeit“ dritten Grades ausgezeichnet wurde und mehrere Verwundungen erlitten hat.
Wenn man all diese Fälle betrachtet, könnten viele sagen, dass die Kasachen, die die Ukraine verteidigen, richtig handeln, während die Kasachen, die auf der Seite Russlands kämpfen, dies nicht tun. Für die kasachischen Behörden sind jedoch beide Seiten Kriminelle, die gegen das Gesetz verstoßen. In Kasachstan müssen Kämpfer mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwölf Jahren rechnen, ganz gleich in welcher Armee sie waren.
Manche mögen sagen, dass dies ungerecht ist. Andererseits kann man sagen, dass die kasachischen Soldaten beider Seiten doch wussten, worauf sie sich einlassen. Aber wussten sie das wirklich?
Nikita Danilin , Jahrgang 1996, ist ein Journalist aus Almaty (Kasachstan). Er war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.
Aus dem Russischen von Tigran Petrosyan.
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