piwik no script img

TV-Drama Teufelskreis der Ehre

Daniel Bax

Kommentar von

Daniel Bax

Mit "Im Schatten der Blutrache" zeigt die ARD ein beklemmend intimes Porträt einer kurdischen Familie

N ach 22 Jahren Ehe lässt sich die Deutschkurdin Gülnaz von ihrem herrschsüchtigen Mann scheiden. Dass es Gülnaz gelang, mit ihrer Fahrschule erfolgreich auf eigenen Beinen zu stehen, hatte dieser nicht verkraftet, er hatte sie geschlagen und terrorisiert. Bis hierhin könnte es eine alltägliche Geschichte sein, doch das eigentliche Drama beginnt erst nach der Scheidung. Denn der kurdische Mann, der sich durch die Trennung in seinem Stolz gekränkt fühlt, lässt Gülnaz nicht in Ruhe, er stellt ihr nach und bedroht sie.

Hier kommen nun Gülnaz Brüder ins Spiel, die sich hinter sie stellen. Eines Tages, als sich ihr ältester Bruder Adil am Bahnhof von Osnabrück zu einer Aussprache mit dem Exmann treffen will, wird auf ihn geschossen. Er überlebt den Anschlag nur, weil er zu dem Treffen vorsorglich eine schusssichere Weste trug. Spätestens seit diesem Tag herrscht zwischen den beiden Familien, die einst durch die Ehe verbunden waren, eine Blutfehde. Als Gülnaz jüngerer Bruder eines Tages einem Neffen ihres Exmanns begegnet, der an der Schießerei beteiligt gewesen sein soll, streckt er ihn mit einer Pistole nieder, die er seit diesem Tag immer bei sich trug.

Den beiden Filmemacherinnen Hilde Matthes und Andrea Schramm ist ein beklemmend intimes Porträt einer Familie gelungen, die in einem Teufelskreis fataler Vorstellungen von Stolz, Ehre und Männlichkeit gefangen ist. Sie besuchen die 39-jährige Gülnaz, die nun allein mit ihren Kindern lebt, zu Hause, den jüngeren Bruder Zalim, der wegen der Mordtat einsitzt, im Gefängnis, und auch den älteren Bruder Adil, der sich seither nicht mehr aus dem Haus wagt: Er fürchtet, die Familie seines Exschwagers könnte Vergeltung üben und ihm nachstellen.

Zwar kommt nur eine Seite des Konflikts zur Sprache, weil die Familie des Exmanns jede Zusammenarbeit verweigert hat. Dennoch zeigt der Film, wie das patriarchale System der Ehre nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer gefangen hält. Manchmal hält sich die Kamera allzu lange am exotischen Zeremoniell von kurdischen Hochzeiten auf. Doch auch so wird deutlich, wie überkommene Vorstellungen von Familienehre auch unter Einwanderern, die schon seit 30 Jahren in Deutschland leben, fortwirken können und noch an die nächste Generation weitergegeben werden.

So ist der 26-jährige Zalim, der für seine Schwester zum Mörder wurde, in Deutschland geboren und aufgewachsen. Und so heiratet Gülnaz älteste Tochter, die doch so gerne Sängerin werden möchte, am Ende einen jungen Kurden, der sich mit ihren Ambitionen sichtlich schwer tut und ihr den öffentlichen Auftritt verbieten möchte. Ein Ausbruch aus dem Teufelskreis ist nicht in Sicht.

"Im Schatten der Blutrache": ARD, 22.45 Uhr

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Daniel Bax

Daniel Bax Redakteur

Daniel Bax ist Journalist und Autor und schreibt über Politik, Kultur und Gesellschaft in Deutschland. Er arbeitet als Themenchef im Regieressort der taz und hat mehrere Bücher veröffentlicht: “Angst ums Abendland” (2015) über antimuslimischen Rassismus und “Die Volksverführer“ (2018) über den grassierenden Rechtspopulismus. Sein aktuelles Buch "Die neue Lust auf Links" über das Comeback der Linkspartei ist Ende 2025 im Goldmann Verlag erschienen. Impressum: Daniel Bax c/o taz, die tageszeitung. taz Verlags- und Vertriebs GmbH, Friedrichstr. 21, 10969 Berlin

0 Kommentare