TERROR UND POLITIK: KLEINE UNTERSCHIEDE IN DER BETROFFENHEIT: Männerpathos, Weibertränen
Emotionen zuzulassen, einzusetzen und wieder zu verbergen, darin liegt die Verführungskunst der Politik. Das richtige Gefühlsmarketing entscheidet über die Verteilung von Macht, und da gibt es erhebliche Unterschiede in der Wahrnehmung des Verhaltens von Männern und Frauen. Das zeigen die jüngsten Medienberichte zur New-York-Reise des Kanzlers einerseits und der Pakistan-Reise der Grünen-Chefin Claudia Roth andererseits.
Zwei Tage, nachdem der Kanzler den Trümmerberg in Manhattan besichtigt hatte, erklärte er in seiner Regierungserklärung ausdrücklich seine Bereitschaft zur deutschen Beteiligung an Militärmaßnahmen. Schröder habe seinen Schock gezeigt, und doch war er entschlossen, gegen den Terrorismus vorzugehen, attestierte ein Kommentator dem Kanzler Menschlichkeit und Tapferkeit zugleich. Ein anderer lobte voller Pathos einen zum Staatsmann gereiften Kanzler – ganz so, als sei Mamis Kleiner am Katastrophenort in New York endlich erwachsen geworden und dürfe jetzt selbst zur Knarre greifen.
Die Schröder’sche Kurzreise und deren Folgen als eine Art männlichen Initiationsritus zu interpretieren, durch den Deutschland endlich gleichwertig in die Phalanx der schlagbereiten Militärmächte aufgenommen wurde – auf solche Klischees muss man erst mal kommen. Kein Wunder, dass für Claudia Roth da nur die undankbare Mamirolle übrig blieb. Denn erstens ist sie eine Frau, und zweitens reiste sie nur nach Pakistan. Nachdem sie das dortige Elend in den Flüchtlingslagern sah, forderte die Grünen-Chefin einen vorläufigen Stopp der Bombardements in Afghanistan. Laienhafte Vorschläge, hieß es daraufhin bei den Sozialdemokraten. Eine Herzenspolitikerin sei Roth eben, urteilte gnädig ein Leitartikler.
Ha! Was haben Frauen auch im Krieg zu suchen! Viel zu weichherzig sind sie und können den Anblick von zerlumpten und hungernden dunkelhäutigen Menschen nicht ertragen. Kaum wird es ernst, rufen sie: Aufhören! Die Klischees stimmen noch immer: Wer über die Gefühle mächtiger Männer schreibt, landet oft im Pathos.
Den Frauen hingegen diagnostizieren die Medien umgehend mangelnde Härte. Der Trick: Pathos veredelt die Emotion, weil sie vermeintlich das Große und Ganze betrifft, also nicht etwa nur der persönlichen Schwäche geschuldet ist. Wer dann etwas anderes fühlt, gehört nicht mehr zur Gemeinschaft. Das unterstellte Mitleid der Claudia Roth hingegen gilt als subjektive, also minderwertige Äußerung. Betroffenheit kann also auf zweierlei Art vermarktet werden. Auch das zeigt die Machtverhältnisse in einer Mediendemokratie.BARBARA DRIBBUSCH
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