: Szenen einer Beziehung
Dana Vowinckel hat einen Roman über zwei eher kaputte Familien geschrieben, die eine jüdisch, die andere nicht, verbunden durch die schwierige Liebe zwischen den Hauptfiguren: „Anton und Alma“
Foto: Nadja Wohlleben/laif
Von Jan Süselbeck
Dana Vowinckels zweiter Roman „Anton und Alma“ handelt nicht nur von einer Liebesgeschichte und der Trauer um deren brutales Scheitern. Es ist zunächst der literarische Versuch, sich aus den Perspektiven der beiden Hauptfiguren mit den Zäsuren des rechtsextremen Anschlags auf die Synagoge in Halle vom 9. Oktober 2019 und des Hamas-Massenmords in Israel und Gaza am 7. Oktober 2023 auseinanderzusetzen.
Letzteres Ereignis war ein bewusst von den Tätern medialisiertes, in die Welt ausgestrahltes Pogrom von größtmöglicher Grausamkeit. Es handelte sich um Tausende in unsere Köpfe projizierte Snuff-Videos, die paradoxerweise kein Mitleid, sondern nur größeren antisemitischen Hass auslösten. Vowinckel beschreibt, wie dieser virtuelle Überfall ihren jüdischen Protagonisten Anton in seiner New Yorker Studentenbude heimsucht und rasch isoliert. Anton vereinsamt schnell, ohne ein Gegenüber, mit dem er ernsthaft über das Trauma sprechen kann. Die Szenen und die Namen, die über sein Smartphone auf ihn einprasseln, kennen wir alle, sie sind in unser Gedächtnis eingebrannt und müssen daher nur noch listenhaft im Roman auftauchen: „Das Blut an einer Jogginghose, verzerrte Gesichter. Rennende Menschen in der Wüste.“ Es werden motorisierte Gleitschirme erwähnt, Tunnel oder nur noch die Namen Be’eri, Nir Oz, Kfar Aza, Noa Argamani, Shiri Bibas, Ariel Bibas, Kfir Bibas, Hersh.
Dana Vowinckel versucht, durch Antons Perspektive im Umgang mit dem Folgekrieg in Gaza einen ethischen Mittelweg zu finden: gegen die antisemitische Leugnung der Hamas-Gräuel und die Verzerrung des Massakers vom 7. Oktober zu einem legitimen Akt des Widerstands, aber auch wider den israelischen Krieg gegen die palästinensische Zivilbevölkerung in Gaza. Darüber zerstreitet sich Anton schließlich mit seinen MAGA-Großeltern in New York sowie mit seinem Vater, der seinen Sohn mit der Aussage „No innocents in Gaza“ konfrontiert.
Bald wird die 10/7-Problematik im Roman jedoch wieder in den Hintergrund gedrängt. Stattdessen geht es in den Alltagsszenen um zerstrittene Eltern oder ein mit Anton befreundetes älteres New Yorker Schriftstellerehepaar mit Kleinkind und Dauer-Beziehungskrise, als Vehikel für einen Vergleich jüdischen Lebens in der Berliner Diaspora, in New York und in Israel. Auf Almas Seite werden wir mit den Problemen einer Berliner Patchworkfamilie bekannt gemacht, die zwischen DDR- und BRD-Geschichte zerrissen und zudem mit dem Ober-Nazi Martin Bormann verwandt ist. Kurz, „Anton und Alma“ ist nicht zuletzt ein Generationenroman über zwei mehr oder weniger kaputte Familien, die eine jüdisch, die andere nicht, verbunden durch eine Art Romeo-und-Julia-Liebe zwischen den beiden Hauptfiguren, die aus unterschiedlichen Welten zueinanderfinden.
Da es sich um einen Text von über 500 Seiten handelt, sind wir mit der Themen-Aufzählung noch nicht am Ende: Vowinckel hat auch einen Roman über die Rolle der sozialen Medien im Leben der heutigen Twentysomethings geschrieben. Auf der anderen Seite geht es um die Faszination eines literatur- und geschichtswissenschaftlichen Studiums: Anton und Alma bleiben stets an Lektüren und an der Erwerbung von Wissen interessiert.
Anton entwickelt über seine Beschäftigung mit der nie belegten Massenkonversion des vom 7. bis 10. Jahrhundert im westlichen Zentralasien und Osteuropa herrschenden Turkvolks der Chasaren zum Judentum und seine intensive Auseinandersetzung mit Hayden Whites „Metahistory“ ein Faible für die literaturtheoretische Dekonstruktion geschichtswissenschaftlicher Narrative. Mehr noch: Über eine Masterarbeit an der Humboldt-Universität und ein PhD-Projekt an der Columbia University in New York hinterfragt er am Beispiel der Geschichte der Chasaren die Identität des Judentums als Volk und die Glaubwürdigkeit eines Übertritts zur jüdischen Religion.
Alma ist Literaturwissenschaftlerin mit dem Arbeitsthema Müll und bekommt sofort nach ihrer Bachelorarbeitet einen Job im International Office der Uni, wo sie sich um Austausch-Studierende und Gastdozent:innen aus aller Welt kümmert. Alma ist belesen und hört trotz des frühen Endes ihres engagierten Studiums nicht auf, sich für Literatur zu interessieren und auf unterschiedlichste Themen neugierig zu bleiben, nicht zuletzt die jüdische Religion und die Geschichte Israels.
Dana Vowinckel: „Anton und Alma“. Suhrkamp, Berlin 2026, 542 Seiten, 26 Euro
Nachdem es durch Antons New Yorker PhD-Ambitionen zu einer Trennung gekommen ist, entscheidet sich Alma, insgeheim ihre Konversion zum Judentum anzugehen. Sie lernt Hebräisch, wägt ab, inwiefern sie orthodoxe Alltagsregeln befolgen möchte, beginnt koscher zu kochen, zu beten, zu singen und regelmäßig in Antons Berliner Synagoge zu gehen, die dieser mit seiner eher säkularen Familie nur selten besuchte.
Womit wir beim Hauptthema dieses Romans angekommen wären: Er handelt vom Für und Wider einer Konversion zum Judentum in Geschichte und Gegenwart. Während Anton nicht an Gott glaubt und nichts lächerlicher findet als Deutsche mit Nazihintergrund, die möglichst orthodox lebende Juden werden wollen, um so imaginär ihre Schuldgeschichte abzuschütteln, geht Alma kritisch mit ihrer Familiengeschichte um und möchte nach einem Nahtod- und Erweckungserlebnis auf Lanzarote Halt und Glauben im Judentum suchen.
Damit entsteht ein unauflöslicher Konflikt mit dem kritischen Chasaren-Historiker Anton, nachdem dieser aus Amerika zurückgekehrt und erst spät von Almas Plänen erfahren hat. Dieser Zwist wird dadurch endgültig, dass Alma am Ende als (noch nicht konvertierte) Jüdin von einem Attentäter in der Synagoge erschossen wird. Was offenbar gerade die BookTok-Community zum Schluchzen bringt, muss den Literaturkritiker skeptisch stimmen: Dass nichtjüdische Deutsche, vielleicht sogar Kinder oder Enkel von Nazis, aufgrund eines tragischen Missverständnisses als Juden ermordet werden, obwohl sie ursprünglich „gar nicht dafür vorgesehen waren“, ist eine triviale Pathosszene, die in Bestsellern wie John Boynes „Der Junge im gestreiften Pyjama“ (2006) schon viel Unheil angerichtet hat.
Auch wenn Antons Trauer nach Almas Ermordung wie in einem endlosen Abspann viel Raum gegeben wird, richtet sich die Sympathielenkung des Textes doch eher auf Alma als Opfer. Anton erscheint dagegen ungerecht und egoistisch, nur auf seine eigene akademische Karriere bedacht. Er hat in New York eine Kinky-Sex-Affäre mit einer antizionistischen Jüdin und nimmt Almas Interessen kaum je ernst. Er will nicht sehen, wie ernsthaft sie sich mit dem Judentum auseinandersetzt, und hat für ihre Anstrengungen nur Verachtung und Hass übrig. Trotzdem wollte er am Ende zu ihr zurück und sich zu einer Versöhnung durchringen, die durch den schlimmstmöglichen Ausgang der Geschichte jedoch unmöglich gemacht wird. Das ist die Tragik von Vowinckels Geschichte – dass der Grundsatzstreit in dieser großen Liebe am Ende für immer ungeschlichtet bleiben wird.
Hat sich die Autorin an dieser kitschverdächtigen Peripetie verhoben? Oder subvertiert die literaturtheoretische und geschichtswissenschaftliche Unterfütterung des Romans, seine selbstreflexive Brechung stereotyper Vorstellungen des Judeseins, am Ende eine regressive, goynormative Rezeption? Also Fehllesungen im Sinne eines nichtjüdischen Mitleids mit Alma, die am Ende bei einem fiktionalen antisemitischen Attentat sterben muss, obwohl sie selbst „doch noch gar keine Jüdin war“?
Bald werden wir mehr wissen. Ein Bestseller ist das Buch durch die Buchpreis-Nominierung ohnehin schon. Die unsichtbare Hand der Kanonisierungsprozesse, vor allem aber die zeitnahe Massenrezeption, werden zeigen, welchen Status Vowinckels Roman in der deutschsprachig-jüdischen Gegenwartsliteratur erlangen wird.
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