Systemwissenschaftlerin über Wasser: „Eine Schande für Deutschland“

In Niedersachsen wird das Wasser knapp und seine Nitratbelastung ist zu hoch. Professorin Claudia Pahl-Wostl über die Kurzsichtigkeit der Politik.

Ein Mann springt von einem Felsen in den Oderteich.

Noch findet man tiefe Stellen für den Köpper: die Talsperre Oderteich im Harz Foto: Julian Stratenschulte/dpa

taz: Frau Pahl-Wostl, einige Harz-Talsperren haben derzeit einen Füllungsgrad von unter 50 Prozent, in vielen niedersächsischen Wäldern vertrocknen die Bäume. Wer die Klimakrise leugnen will, hat es zunehmend schwer, oder?

Claudia Pahl-Wostl: Stimmt. Das sind eindeutige Indikatoren dafür, dass sich das Klima ändert. Wir verzeichnen geringere Niederschlagsmengen, die Niederschlagsmuster ändern sich, jahreszeitlich wie regional. Hinzu kommen die gestiegenen Temperaturen.

Dürreperioden sind für Niedersachsen wie für ganz Deutschland nichts Neues, auch sterbende Wälder nicht. Aber die derzeitige Lage ist extremer als je zuvor.

Die Dürre hält nun schon über mehrere Jahre an, und unsere Wälder sind dem nicht gewachsen. Die Niedersächsischen Landesforsten, mit denen wir zusammenarbeiten, machen sich intensiv Gedanken, wie sich der Wald umgestalten lässt, damit sich seine Widerstandskraft erhöht.

Dennoch sprengen viele ihren Rasen, befüllen ihren Pool. Bringt uns mangelndes Wissen zu Fall?

Nicht der Mangel an Wissen, sondern die mangelhafte Umsetzung von Wissen – vor allem in der Politik. Man hat sich zu wenig Gedanken gemacht, wie man mit der Ressource Wasser umgeht, hat nicht vorausschauend genug gedacht, sich abzeichnende Veränderungen ignoriert. Man wird erst aktiv, nachdem viele Probleme längst manifest sind.

61, lehrt und forscht am Forschungszentrum Institut für Umweltsystemwissenschaft, Institut für Geografie, der Universität Osnabrück. Sie ist Systemwissenschaftlerin und arbeitet an der Schnittstelle zwischen Natur- und Sozialwissenschaften.

Trinkwasserknappheit ist die Folge, Ernteausfall in der Agrarwirtschaft, Niedrigwasser behindert den Schiffsverkehr, auch in Deutschlands Norden. Was muss geschehen?

Man muss dem Thema Wasser mehr Aufmerksamkeit widmen. Und wir brauchen ganzheitliche Ansätze. Vor allem dürfen wir nicht länger alles wirtschaftlichen Interessen unterordnen.

Sie befassen sich seit Langem mit dem Management der Ressource Wasser. In Projekten wie „WaterNeeds“ und „STEER“ haben Sie einen weltweiten Fokus. Was ist Ihre Haupterkenntnis?

Dass es überall Implementierungsdefizite gibt, nicht nur in Schwellen- und Entwicklungsländern. Es gibt international gute Rahmenbedingungen, gute Pläne, auch gute Gesetze, aber es hapert an ihrer Umsetzung. Auch Deutschland macht da keine Ausnahme. Meist geht es dabei um den Interessenkonflikt zwischen Wirtschaft und Natur. Die Wasserknappheit ist bei uns zwar noch nicht so deutlich spürbar wie in anderen Ländern, aber auch bei uns ist der Schutz der Ökosysteme kein Luxus, sondern absolut notwendig.

Die Harz-Wasserwerke stellen sich nach drei Dürrejahren in Folge auch 2021 wieder auf einen trockenen Sommer ein. Sie beziehen sich dabei auf Aussagen von Wissenschaftlern des Helmholtz-­Zentrums für Umweltforschung (UFZ). Diese halten einen erneuten Dürresommer für wahrscheinlich.

Dies trifft vor allem Regionen in Nordost- und Südost-Niedersachsen, in denen es bereits jetzt im April und Mai eine schwere Dürre gebe.

In der Folge sind die Talsperren im Westharz mittlerweile das vierte Jahr in Folge unterdurchschnittlich gefüllt. In den sechs Harz-Talsperren können bis zu 182 Millionen Kubikmeter Wasser gespeichert werden. Derzeit seien sie mit rund 65 Millionen Kubikmeter Wasser gefüllt.

Die Trinkwasserversorgung ist laut den Harz-Wasserwerken bislang nicht gefährdet. Der größte Wasserversorger Niedersachsens beliefert täglich rund zwei Millionen Menschen im geografischen Dreieck zwischen Bremen, Göttingen und Wolfsburg mit Wasser. (epd/dpa)

Geben Sie uns ein Beispiel?

Es muss, beispielsweise, darum gehen, mehr Wasser in der Fläche zu halten. Unsere Flüsse sind ja nichts anderes als Drainagekanäle, die es abführen. Auengebiete, aber auch Moore spielen eine Rolle, als Speicher. Wir müssen zudem der Bodenversiegelung entgegenwirken, den Wasserhaushalt insgesamt wieder natürlicher gestalten. Und wir müssen nicht nur an die Quantität denken, auch an die Qualität. Die müssen wir sehr konsequent schützen.

Die EU hat Deutschland mit einem Vertragsverletzungsverfahren unter Druck gesetzt, wegen der hohen Nitratbelastung des Grundwassers durch Gülle aus der Massentierhaltung. Die ist gerade in Niedersachsen ein Problem.

Es ist eine Schande für Deutschland, dass es so weit kommen musste. Die durch die Intensivlandwirtschaft verursachten Probleme existieren bei uns ja nun schon über Jahrzehnte, und man hat versäumt, diese anzugehen. Da gibt es ja auch einen Globalzusammenhang, und er hat überall mit dem Wasser zu tun. Unsere Landwirtschaft importiert Viehfutter aus Brasilien, um ihre vielen Tiere ernähren zu können. Um Futter anbauen zu können, wird dort der Regenwald abgeholzt. Die Gülle landet dann auf unseren Äckern und belastet das Grundwasser.

Die Politik muss also Versäumnisse tilgen. Und was kann der Verbraucher tun, jeder Einzelne von uns?

Der Wasserverbrauch der Haushalte hält sich in Deutschland ja durchaus in Grenzen, im Vergleich zu anderen Ländern. Aber jeder sollte sich über seinen Wasserfußabdruck Gedanken machen. Warum nicht Regenwasser für die Gartennutzung auffangen, statt es ins Abwasser zu leiten? Und warum nicht weniger Fleischkonsum?

Viel hängt also am Umbau der Landwirtschaft?

Sie ist einer der größten Wasserverbraucher. Aber ihre Lobbyverbände sind stark. Und was als Umbau stattfindet, auch von Seiten der EU-Agrarreform, ist eher bescheiden. Nehmen wir nur die Flächenprämien: Nur 20 Prozent dieser Mittel sollen in Zukunft mit Öko-Auflagen verknüpft sein: Das müssten mindestens 80 Prozent sein!

Sicher haben Sie auf ihren Reisen viel Negatives gesehen, in Sachen Wasserbewirtschaftung. Was war das Schlimmste?

Ich muss da an Usbekistan denken, an den Aralsee. Nur noch Reste sind von ihm übrig. Die Bewässerungsfeldwirtschaft hat ihn zerstört. Da wird in der Wüste Reis angebaut, Baumwolle. Katastrophal – ökologisch, wirtschaftlich und sozial.

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