Synchronbranche vs. Netflix: Arbeitskampf gegen KI
Netflix will Stimmen von Synchronsprecher*innen nutzen, um damit eine KI zu trainieren. Die Sprecher*innen verweigern eine Zusammenarbeit.
Fans der Netflix-Serie „Stranger Things“ reagierten überrascht und wütend auf den Trailer zum neuen, animierten Spin-off der Erfolgsserie. Die Synchronstimmen von Hopper, Max oder El waren nach zehn Jahren plötzlich nicht mehr wiederzuerkennen. Grund ist, dass der gesamte deutsche Synchroncast seit Jahresbeginn die Zusammenarbeit mit Netflix verweigert. Und nicht nur sie: Ein Großteil deutscher Synchronsprecher*innen ist in den Streik getreten, da eine neue Vertragsklausel von ihnen fordert, ihre Stimmen für das Trainieren einer KI freizugeben. Sie fürchten um die Zukunft ihrer Branche und um den Wert von Kunst in der Gesellschaft.
Lino Böttcher, die deutsche Stimme von Jonathan Byers (Charlie Heaton) bei „Stranger Things“, bekam Anfang Januar einen neuen Vertrag vorgelegt. Gemeinsam mit seinen Kolleg*innen entschied er sich, nicht zu unterzeichnen: „Wir wollen unsere Stimme nicht verkaufen.“ Dass durch KI die Gefahr bestehe, die Synchronisation vielleicht irgendwann zu ersetzen, sei ein großer Verlust. „Synchron ist kein bloßes Übersetzen, sondern eine Kunst für sich.“ Deswegen müsse man nun ein Zeichen setzen.
Die Frage, wie es angesichts rasanter Entwicklungen von KI-Technologien um ihre Arbeitsplätze und ihre Kunstform steht, beschäftigt die Sprecher*innen schon länger. Immer wieder versuchen sie, auf die Gefahren aufmerksam zu machen. Im vergangenen Sommer einigte sich die deutsche Schauspieler*innengewerkschaft BFFS mit Netflix erstmals auf Regelungen zum Umgang mit KI, welche das Urheber- und Persönlichkeitsrechts der Sprecher*innen schützen sollen.
Die sogenannte AOR-Regelung (Assignment of Rights Agreement), die Netflix jetzt über die Synchronstudios an die Sprecher*innen schickt, regelt nun unter anderem, dass Netflix Stimmaufnahmen zu KI-Trainingszwecken nutzen darf. Eine weitere Vergütung ist dafür nicht vorgesehen.
Netflix spricht von Missverständnissen
Der Verband deutscher Synchronsprecher*innen (VDS) kritisiert diese KI-Klausel: „Wir halten es bei den aktuellen Entwicklungen für absolut notwendig, die Freiheit und Selbstbestimmung der Kunstschaffenden zu fördern und zu verteidigen.“ Sprecher*innen müssten frei darüber entscheiden dürfen, ob ihre Stimme in KI-Software eingespeist wird oder nicht. Wenn sie dies tun, sollten sie auch dafür vergütet werden. Laut der Verbandsvorsitzenden Anna-Sophia Lumpe befinden sich aktuell rund 80 Prozent der Sprecher*innen, die sonst für Netflix arbeiten, nicht im Studio.
Netflix reagierte in einem Brief an die Sprecher*innen, der auch der taz vorliegt, auf die Arbeitsverweigerung. Man sei bereit „in einen offenen und kontinuierlichen Dialog zu treten“, klein beigeben will der Streaminganbieter jedoch nicht. Es gebe lediglich „Missverständnisse“ bezüglich der neuen KI-Klausel, weshalb man diese den Vertreter*innen der Branche nochmal erläutern wolle. Dabei soll es sich aber ausdrücklich nicht um Verhandlungen handeln.
Der Konflikt könnte schon bald Auswirkungen zeigen, die über die neue Synchronbesetzung von „Stranger Things“ hinausgehen. Netflix droht damit, dass sie bei anhaltenden Boykottaufrufen gezwungen sein könnten, lediglich deutsche Untertitel anzubieten. Die deutsche Tonspur könnte in einigen Produktionen also gänzlich wegfallen.
Friss oder stirb
Dies sei laut Netflix nicht nur eine Einschränkung für das Erlebnis der Nutzer*innen, sondern würde auch „die lokale Synchronisationsbranche gefährden und letztlich Auswirkungen auf die Arbeitsplätze deutscher Synchronsprecher haben“. Für die Sprecher*innen könnte das wiederum bedeuten: Entweder sie treten das Recht an ihrem künstlerischen Schaffen ab oder sie bekommen keine Aufträge. Friss oder stirb im Konflikt mit einem globalen Medienriesen.
Der VDS hat zu dem neuen Vertrag ein Rechtsgutachten bei der Rechtsanwaltssozietät Spirit Legal in Auftrag gegeben. Dieses kommt zu dem Schluss, dass zentrale Klauseln des Vertrages urheber-, daten- und vertragsrechtlich unwirksam oder rechtswidrig seien und dass der Vertrag die Existenzgrundlage deutscher Synchronsprecher*innen gefährde. Die Klauseln zum KI-Training würden die Nutzung der Stimmaufnahmen zu unklar definieren. Zudem manifestiere der Vertrag das Machtgefälle zwischen Netflix und den Sprecher*innen. Von einer Unterzeichnung wird daher abgeraten.
Das Gutachten verweist zudem darauf, dass Netflix, wie auch Amazon, ein Patent angemeldet hat, welches menschliche Sprecher*innen verzichtbar mache. Aus Stimmaufnahmen und Videomaterial könnte diese Technologie lippensynchrone Übersetzungen erzeugen, ohne dass je ein Mensch vor einem Mikro stand. Der neue Vertrag ebne den rechtlichen Weg für diese Entwicklung, an dessen Ende eine Synchronisation ohne Sprecher*innen stehe. Das Fazit des Gutachtens: „Die Sprecher*innen unterschreiben heute die Bedingungen ihrer eigenen Ablösung.“
KI-synchronisierte Produktionen gibt es indes bereits, wie etwa die Serie „Murderesses“. Die deutsche Synchronisation der polnischen Serie wurde vollständig von einer künstlichen Intelligenz erstellt. Nach Kritik an der mangelnden Qualität der Synchronfassung zog Magenta TV die Serie jedoch zurück. Ob die Entwicklung zu mehr KI in der Synchronisation und in der Kunst generell aufzuhalten ist, dazu gibt es unterschiedliche Ansichten.
Synchronbranche massiv unter Druck
Die Synchronsprecherin Emily Seubert jedoch glaubt nicht, dass eine künstlich generierte Synchronisation jemals das erreichen kann, was der Mensch kann. „Es geht darum, etwas zu verkörpern und wahrhaftig zu empfinden. Egal ob ich auf der Bühne stehe oder hinter einem Mikrofon, da ist etwas Wahrhaftiges“, sagt sie. Eine KI könne das nie transportieren, weil sie nie eine wahrhaftige Emotion haben werde.
Der VDS hofft dennoch weiterhin auf eine Zusammenarbeit und Einigung mit Netflix. „Wir begrüßen es, dass Netflix als erster Streamer das Thema KI in seine Verträge aufgenommen hat und es nicht unter den Tisch hat fallen lassen.“ Auch wenn sie enttäuscht seien, dass über ihre Köpfe hinweg Regelungen für ihr Gewerk getroffen wurden, sei man überzeugt, eine branchenweisende Regelung erarbeiten zu können. Der VDS wolle mit Netflix direkt verhandeln, werde bisher jedoch abgeblockt. Auf dem Tisch liege nur ein Angebot für ein informelles Treffen Ende Februar ohne festen Termin.
Für die Sprecher*innen reicht der Konflikt auch über die Synchronbranche hinaus. „Die Kunst ist in Gefahr, nicht nur das Synchronsprechen. Ich glaube, dass wir vielleicht frühe Opfer werden“, sagt Böttcher. Auch Emily Seubert geht es um unser Verhältnis zur Kunst generell. „Wenn wir einen Film gucken, wollen wir etwas fühlen, wollen lachen oder weinen und berührt werden“, sagt sie. „Dafür brauchen wir den Menschen.“
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