Portrait von Miriam Sachs.

Googeln, Tagebuch schreiben: Miriam Sachs versucht, die Zweifel an der Impfstudie zu zerstreuen Foto: André Wunstorf

Studie zum Corona-Impfschutz:Das Labor bin ich

Unsere Autorin nimmt an einer Studie teil, die einen möglichen Impfstoff gegen Covid-19 testet. Für die taz hat sie Tagebuch geführt.

Ein Artikel von

1.6.2020, 09:19 UHR

Geht’s mir noch gut? Das denke ich, als sich die Spritze in meinen Oberarm schiebt. „Alles gut?“, fragt auch die Ärztin.

Etwas krampft sich zusammen in meiner Armmuskulatur, mehr fühle ich nicht von dem, was ich hier teste. Ich bin eine von 200 Probanden, die den Corona-Impfstoff in spe am eigenen Leib testen, eine der ersten.

„Ja, kein Problem“, sage ich. Falle zurück auf das Krankenhausbett, es ist eins von sechs. Aber momentan liege nur ich hier und mir gegenüber ein Mann, der in 30 Minuten dieselbe Spritze bekommen wird und mit dem ich noch kein Wort gewechselt habe. Da wir beide liegen, sehe ich nur die Unterseite seiner Socken, die aussehen wie neu.

Die Ärzte haben sich wieder in den Nebenraum begeben, man sieht sie hinter der Scheibe. Eine Schwester misst Blutdruck. Ich werde ruhig. In meinem Körper müssten sich jetzt kleine, ins Innere meiner Zellen geschleuste Pakete voll genetischer Information entpacken. Es ist kein klassischer Impfstoff, den ich bekommen habe, sondern der genetische Bauplan, um etwas, das dem Virus ähnelt, selbst zu produzieren. Hinter der Scheibe wirbeln die Ärzte in ihrem Labor; das eigentliche Labor bin ich.

Geht das gut? Die Studie läuft bis November und soll einen möglichen Impfstoff auf Verträglichkeit prüfen. Die ersten Freiwilligen hatten noch die zehnfache Menge bekommen und stärker reagiert als gedacht. In der nächsten Gruppe hatte sich dann wohl Unsicherheit ausgebreitet und einige waren abgesprungen. Wir kriegen nun eine stark abgeschwächte Version – in mehr als zwei Wochen dann eine weitere Impfung; nach sieben Tagen wird kontrolliert. In der Zwischenzeit soll man Buch führen, Fieber messen und sich fragen: Geht’s mir noch gut?

Ich frage mich erst mal: Wieso mache ich das überhaupt?

Vor drei Wochen, als ich überlegte, an dieser Phase-I-Studie teilzunehmen, war einer der Beweggründe noch: Superheldenkräfte erlangen. Die Chance, eventuell immun zu werden gegen Covid-19. Dazu ist eine Impfung ja da. Und wer weiß, ob der Impfstoff, wenn er denn da ist, auch verfügbar sein wird? Der Wahnsinn der geleerten Klopapierregale der Covid-19-Anfangsphase steckte mir noch in den Knochen. Wie wird man sich erst um den Impfstoff prügeln?

Dass wir Probanden aber nicht davon ausgehen können, durch die Studie den Impfschutz zu bekommen, hat man uns gleich bei der Informationsveranstaltung gesagt. Klar. Man weiß noch nichts. Aber wieso mache ich dann mit? Ich blättere in meinem Tagebuch und staune, wie schnell sich Beweggründe überlagern.

16. April

Wäre die Coronapandemie das Szenario eines Katastrophenfilms, wir befänden uns jetzt in einer Sequenz, die hinterher herausgeschnitten würde, weil die Handlung stagniert. Wir haben kapiert, dass es ernst ist, und tun, was wir müssen, aber irgendwie atmet man schon wieder auf. Wir hören, die nächste Welle der Epidemie käme dann im Winter, wir warten auf einen Impfstoff.

Blöde Dramaturgie! Und wer ist hier überhaupt der potenzielle Held? Ein genialer, uneigennütziger Wissenschaftler, der ein Heilmittel findet? Milliardäre, die ihr Geld verschenken, um Impfstoffe finden zu lassen? Oder ich? Ich bedarf einer Mission! Die „Filme“, in denen ich sonst unterwegs bin, sind allesamt geplatzt, mir bleibt lediglich die Rolle eines supporting part in diesem hier, die eines Versuchskaninchens, das potenzielle Wirkstoffe am eigenen Leib testen lässt. Ich wäre „Teil eines Forschungsvorhabens mit dem Ziel, einen neuen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 zu entwickeln“, so steht es in der E-Mail der Prüfstelle, die Testpersonen sucht. Prüfstelle. Klingt nach TÜV!

Die „Prüfstelle“ ist die Institution, die eine Substanz unter die Lupe nimmt, die ein Pharmakonzern entwickelt hat. Sie prüft Wirkung und Verträglichkeit an Freiwilligen. Dass die Pharmafirma, die das Medikament oder in diesem Fall den Impfstoff auf den Markt bringen will, dies nicht selbst macht, ist sinnvoll. Es beschleunigt den Prozess der Zulassung. Allerdings handelt es sich bei der Prüfstelle um keine unabhängige Einrichtung. Der Auftraggeber bezahlt schließlich dafür. Eine staatliche Aufsichtsbehörde, das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), hat jedoch Einblick in die Verfahren. Es muss der Studie und später der Zulassung des Impfstoffs zustimmen.

Die fragliche Corona-Impfstudie ist extrem schnell genehmigt worden. Selbst eine längere Testphase an Tieren hat es nicht geben können. Aber es seien genug Vergleichswerte mit vergangenen Coronaviren vorhanden. „Wir brauchen einen Impfstoff nicht in drei Jahren, sondern jetzt“, sagte ein Mitarbeiter des PEI. Deshalb habe man den Studienantrag im Schnellverfahren bearbeitet, das sei aber kein Anlass zur Sorge. Die Sachbearbeiter hätten sonst viele Anträge gleichzeitig auf dem Schreibtisch, jetzt habe sich die gesamte Belegschaft auf Covid-19-Konzepte konzentriert und über Ostern durchgearbeitet.

23. April

Heute ist die Informationsveranstaltung. Der Gebäudekomplex des Prüfinstituts wirkt wie ein verlassener Zauberberg. Keiner da? Ein anderer Probandenbewerber kommt und zeigt mir eine kleine Tür neben dem eigentlichen Drehtürenportal. „Werkschutz“ steht auf der Klingel. Der Pförtner ist kaum zu sehen hinter der verspiegelten Fensterwand. Einzeln eintreten. Ausweis zeigen.

Wäre es ein Film, wäre ein Türhüter die erste Hürde. Und tatsächlich kommt der potenzielle Mitproband nicht ­hinein, er hat keinen Termin. Ich hingegen darf durch das Drehkreuz zum Fahrstuhl, der nur einzeln befahrbar ist. Nicht nur die Prüfstelle hat ihren Sitz hier, auch ein namhafter Pharmakonzern.

Am Tresen Gratismaske bekommen. OP-Blau. Meine erste seriöse Maske!

Infoveranstaltung in engem Raum, daher fast leer wegen Abstandsmaßnahmen. Es ist die Studienleiterin selbst, die aufklärt in gut gelauntem Kurpfälzer Dialekt, ansonsten sachlich.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Die Besonderheit des zu testenden Impfstoffs: Es ist kein Lebend-Impfstoff, der vom Virus selbst stammt, wie zum Beispiel bei der Masern-Impfung; der Körper erhält stattdessen kleine Messenger-Partikel mit Bauplänen des Virus. Die „Transportvehikel“ dringen mit diesem Informationsgehalt in die körpereigene Zelle ein und machen diese mit dem Bauplan vertraut. Die produziert das Antigen dann selbst und „präsentiert“ es auf seiner Zelloberfläche. Das Immunsystem reagiert und produziert Antikörper.

Die Studienleiterin erklärt das am Whiteboard sachlich-zügig, man kann folgen. „Neuland“ sei es, sagt sie, aber man habe bereits Erfahrung mit Bestandteilen des jetzt zu untersuchenden Impfstoffs durch Studien zur Krebsforschung. Aufgrund dieser rechne man mit nur vorübergehenden Nebenwirkungen wie sie auch nach konventionellen Impfungen auftreten können: Fieber, Kopfweh, grippeähnliche Symptome. Sie erwähnt „sehr, sehr seltene Fälle“ mit schweren Schäden und Todesfolgen. Der neue RNA-Impfstoff verspräche da eher weniger Risiken. Auch enthalte er keine wirkungsverstärkenden Substanzen.

Sie fragt, ob jemand Fragen habe. Seltsamerweise will niemand Genaueres wissen. Auch mir bleiben die Fragen irgendwie im Hirn stecken. Vielleicht kann man an einer solchen Studie überhaupt nur mitmachen, wenn man über das Wort „Todesfolge“ hinweghört. Auch hat man das seltsame Gefühl, den Informationsfluss nicht unterbrechen zu wollen.

Mir schwirrt der Kopf vom Surfen im Internet, von Fact-Sheets, Corona-Updates, Internetwahnsinn

Die Einwilligungserklärung gibt man erst beim nächsten Termin ab, es ist also noch Zeit für „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie …“ – allerdings wen? Ärzte oder Apotheker? Meine Hausärzte sind in Rente, neue Praxen nehmen einen nicht so schnell. Rat suche ich mir also woanders. Lemmy O. kenne ihn von früher. Ein wilder Querdenker und Musiker. Er hat schon öfter Arzneimittelstudien mitgemacht, ein erfahrener und sehr kritischer Proband.

Nicht mit allen Prüfstellen habe er gute Erfahrungen, einige bezeichnet er als Schlachthaus-und-Fließband-Unternehmen. „Meine“ dagegen gilt als seriös und probandenfreundlich. Aber Impfstoffe? Nee, da würde er persönlich die Grenze ziehen. „Das ist nicht ohne! Du weißt nie, ob das nicht Auto­immunschäden nach sich zieht. Lass die Finger davon.“

23. April, nachts

Mir schwirrt der Kopf vom Surfen im Internet, von Fact-Sheets, Corona-Updates, Internetwahnsinn, Google-Ads: „modische Atemmasken – der letzte Schrei!“ Und natürlich Bill Gates. Der wolle via Impfungen Mikrochips in die Menschen schleusen und die Welt entweder retten, kontrollieren oder ausrotten. Gerade noch die Kurve zu seriöser Infoplattform für Wissenschaftler und Journalisten bekommen. Sie nennt das RNA-Konzept „elegant“, und „anders als in den USA“ müsse man nicht damit rechnen, dass das Verfahren als Gentherapie betrachtet werde. Hmm. Bedeutet das jetzt, dass es nur Ansichtssache ist, oder könnten die Messenger-Partikel tatsächlich zu genetischen Veränderungen führen?

24. April

In einen tiefen Schlaf gefallen. Von Nano-Transportvehikeln geträumt, die wie Postautos aussehen und gegen Zellwände crashen. Die Zellwände aber sehen aus wie meine eigene Hofeinfahrt, in der überall Müll herumliegt, weil der DHL-Nano-Laster die Mülltonnen umgefahren hat.

Der Wecker klingelt früh. Ich will Tee und Toast, aber es ist der Tag der ärztlichen Untersuchung und Blutabnahme. Dafür muss man nüchtern sein. Die blaue OP-Maske von gestern vor Mund und Nase, betrete ich den Zauberberg. „Sie tragen die Maske falsch herum“, sagt die Krankenschwester am Rezeptionstresen dann prompt. Die sei jetzt kontaminiert. Die blaue Seite gehöre nach innen. Ich fühle mich wie ein Idiot, bekomme eine neue.

Blutabnahme. Urintest. EKG. Die Krankengeschichte wird abgefragt. Die untersuchende Ärztin wirkt freundlich, aber zurückhaltend. Meine medizinischen Fragen beantwortet sie alle, andere nicht. Zum Beispiel die, ob sehr viele sich als Probanden melden oder lieber einen Bogen um das Neuland machen. Sie sagt, das sollte eigentlich nicht relevant sein für meine Entscheidung.

Ein Oberarm mit einem roten Punkt.

Einer von wenigen Armen, an denen der mögliche Impfschutz derzeit getestet wird Foto: André Wunstorf

Hinterher bekommt man eine Plastiktüte mit eingeschweißten Vollkornscheiben, Extra-Käse-Päckchen und einen Apfel. Aber da ist kein Platz, um zu essen. Ein rotwangiger junger Mann, ebenfalls hungrig und auf der Suche nach einem Essensplatz, hat sich in die Cafeteria gesetzt, die sonst eine Schnittstelle zwischen dem geschlossenen Studien-Flügel und dem Untersuchungsbereich ist. Jetzt ist das Sitzen dort nicht erlaubt. Er wird gerügt, entschuldigt sich und betritt verlegen vor mir den Fahrstuhl. Wäre gerne mit ihm gefahren, aber man darf nur einzeln.

Wären die Corona-Auflagen nicht, säßen wir jetzt am Studien-Frühstücksbüfett und würden uns über alle Pros und Contras austauschen. Stattdessen befinde ich mich alleine im Aufzug im gefühlt freien Fall. Die Ärztin hat gut reden. Es mag nicht relevant sein, was andere Probanden dazu bewegt, an dieser Studie teilzunehmen. Aber es täte gut, mit jemandem zu reden, der dasselbe vorhat …

Ich schlage das Tagebuch zu. Inzwischen sitze ich in ebenjener Cafeteria, diesmal ganz offiziell, weil ich in die Studie aufgenommen bin – stationär. Also unter Aufsicht vor Ort, wenn auch nur für eine Nacht. Nein, erklärt man mir, es sei nicht mit weiteren Nebenwirkungen zu rechnen. Hmm. Okay. Hoffentlich okay.

Außer mir und dem Mann mit den Socken befinden sich noch zwei andere Probanden in der stationären Phase. Ich sehe sie aber nicht, weil wir nicht nur an getrennten Tischen sitzen, sondern auch alle äußerst unkommunikativ in einer Blickrichtung – gen Wand – platziert wurden. Wieder kein Gegenüber. Die blonde Wirtin der geschlossenen Cafeteria serviert Spaghetti bolognese. Sie bedauert die Corona-Auflagen, aber es ginge nun mal nicht anders.

„Aber wieso? Wir haben doch alle den Test gemacht. Wenn er nicht negativ gewesen wäre, würden wir doch gar nicht hier sitzen?!“ – „Ja schon …, sagt sie, aber der sei ja gestern gewesen, der Test. „Wer weiß, wo Sie inzwischen unterwegs waren.“ Sie lächelt – ich sehe es, weil sie selbst nämlich keine Maske trägt.

Ich hätte beinahe abgesagt, als die Prüfstelle fragte, ob ich früher einspringen könne

Der Gedanke, ich könnte mich in der Zwischenzeit infiziert haben, war mir auch schon gekommen. Wenn man ihn äußert, ob gegenüber Ärzten, Schwestern oder dem PEI, löst er meist Seufzen aus oder eine kurze Stille. Dann heißt es: „Machen Sie sich keine Sorgen, bisher waren immer alle negativ!“ Oder: „Ja das ist ein bisschen doof …“ Oder man bekommt erklärt, die Wahrscheinlichkeit sei zu vernachlässigen. Es sei ein logistisches Problem: Wenn Test und Impfung an ein und demselben Tag stattfinden und zufällig alle Probanden positiv wären, bekäme man nicht so schnell Ersatz … – „Aber machen Sie sich keine Sorgen. Sie sind bestimmt negativ.“

Kleinigkeiten wie diese verunsichern mich. Nimmt man diese Unschärfe tatsächlich in Kauf zugunsten der schnellen Durchführbarkeit? Es ist so vieles ungewiss, muss sich nun auch noch der zugrunde liegende Coronatest als fraglich erweisen?

Die zweite Aufsichtsinstanz bei Arzneimittel- und Impfstudien ist die Ethikkommission, sie besteht aus Ärzten, Wissenschaftlern, Philosophen, Theologen und manchmal auch einem Laien. Als Kontaktstelle für Probanden wie mich ist sie allerdings eher nicht gedacht.

Wäre dies ein Film, müsste bald mal ein Mentor auftreten. Meinetwegen dürften es auch ein paar mehr sein. Zum Beispiel ein Rat von Ethikern.

Doch ich beschließe, nicht mehr nach Mentoren, Helden und Antihelden zu suchen. Oder gar selbst Heldin zu sein. Das Leben ist kein Film. Es ist komplex. Wirkliche Ratschläge für Probanden kann es gar nicht geben. Man muss erst die Verschwörungstheorien hinter sich lassen, sich dann durch Fachwissen ackern und am Ende doch blind vertrauen.

Natürlich verabreicht Bill Gates keine Kontroll-Impfchips durch Studien wie diese. Aber zu wissen, dass seine Stiftung Pharmakonzerne wie den, der hinter meiner Studie steht, mit 55 Millionen Euro fördert, ist durchaus etwas, das mich interessiert. Es bringt mich zum Nachdenken über idealistische Wohltätigkeit und Agenda.

Von Nutzen sein will ich jetzt eigentlich nicht mehr. Aber aussteigen? Verpassen, wie’s ausgeht?

Sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung

Ein offener Brief an ebenjenen Ethikrat, unterzeichnet von neun Ärzten aus Mittelfranken, fällt mir in die Hände – keine Impfgegner! Sondern Ärzte, die gerade, weil sie täglich mit Impfungen zu tun haben, die sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung anmahnen; sie warnen sowohl vor pauschaler Angst gegenüber dem Virus als auch vor Forschungsoptimismus um jeden Preis.

Einer der Autoren ist der Allgemeinarzt Jörg Voit. Er gibt nicht vor, alles besser zu wissen, sondern erinnert an den ärztlichen Grundsatz, zuallererst nicht zu schaden. „Die theoretischen und praktischen Risiken neuer Impfstoffkonzepte sind unzureichend bekannt. Letztlich stößt man mit dieser Art der Impfung eine Autoimmunreaktion an, die in ihren Effekten und in ihrem Ausmaß sicherlich noch nicht überblickt wird.“

Selbst der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, weise auf die „mögliche Entstehung schädlicher verstärkender Antikörper“ hin. Beim PEI bestätigt eine Pressesprecherin das Zitat, nur habe Klaus Cichutek „theoretisch“ gesagt und nicht „möglich“.

Das PEI sei überzeugt, dass alle vergleichbaren Studien ausreichen als Referenz. „Wissen Sie, wie viele Freiwillige sich von sich aus gemeldet haben?“, fügt die Pressesprecherin seltsamerweise noch hinzu. Hmm. Ja. Und? Geht’s hier denn um Angebot und Nachfrage? Und weiß das PEI, wie unsicher und wankelmütig Probanden zuweilen sind?

Ich will das Ende der Geschichte kennen

Ich wanke ja selbst. Auch die Aufwandsentschädigung spielt sicher eine Rolle für viele „Freiwillige“. Ich selbst hätte beinahe abgesagt, als die Prüfstelle anrief und fragte, ob ich früher einspringen könne, einige Probanden seien nicht erschienen. Seltsamerweise hat mich gerade das wieder in die Heldinnenpflicht gerufen. Ja, ich weiß, es ist kein Film, aber eine Geschichte, deren Ende ich kennen will.

Der offene Brief gibt mir Fragen an die Hand, von denen ich bisher nicht wusste, dass ich sie hätte haben können: Ist auszuschließen, dass die selbstproduzierten Antigene in andere Regio­nen des Körpers abwandern und bestimmte Rezeptoren blockieren? Etwa solche, die den Blutdruck regulieren? Ist ebenfalls möglich, dass gerade die vermeintliche Vertrautheit mit den Corona-Antigenen bei einer späteren echten Infektion die Zellen interagieren ließe?

Auch im Infoblatt zur Studie ist diese Möglichkeit, wenn auch weniger detailliert, aufgelistet. Zu meiner Überraschung entdecke ich dies – trotz häufigen Lesens – erst jetzt. Man sollte noch genauer hinsehen!

Viele Ärzte diskutieren darüber, ob das Risiko einer durchgestandenen Infektion und die damit verbundene Immunität nicht der bessere Weg wären. Auch Jörg Voit und seine Kollegen, die den offenen Brief an den Ethikrat geschrieben haben.

Sehr unterschiedliche Konzepte stoßen hier aufeinander: Stärkt man das Immunsystem, die Grundversorgung und die Gesundheit der Menschen, damit sie selbst mit den vielen Viren zurechtkommen? Oder rottet man gezielt eine Virenart nach der anderen aus? Ich bin nun also auf der Seite der Kriegsphilosophie der Medizin gelandet. Muss es ein Entweder-oder sein? Man muss ja nicht gleich mit dem Forschen aufhören, aber könnte man es vielleicht langsamer angehen lassen?

13. 5., abends

Ich stehe auf der Dachterrasse des gläsernen Prüfstellen-Palastes und blättere im Probandentagebuch. Nicht meinem eigenen, sondern einem zum Ankreuzen, das muss man jetzt täglich führen: Wie hoch ist die Temperatur? Schmerzt die Injektionsstelle? Auch eine optionale halbe Zeile für ein „weiteres Ereignis“ ist vorgesehen, falls man doch etwas hat, was der Rede wert ist.

Und wieder: Geht’s noch gut? Wie wird es sein, wenn die Pseudoviren-Antigene auf die echten treffen sollten? Produziere ich überhaupt Antikörper? Eine weitere Impfung steht bevor und viele Kontrollen. Bis in den November werden sich die Blutabnahmen ziehen. Ist es das wert?

Ein Heer von Raben sitzt rund um die Brüstung; das Nicken ihrer Köpfe hat etwas äußerst Zustimmendes, allerdings erweisen sie sich dann doch als Attrappen. Keine echten Vögel, sondern seltsame Ziertiere an galgenähnlichen Halterungen schaukeln im Wind. Man sollte wirklich genauer hinsehen! Ich beginne zu frösteln. Etwas fiebrig fühle ich mich und will ins Bett. Ein Arzt kommt mir entgegen und fragt, ob es mir gut ginge. Na ja, mal sehen.

Die Autorin Miriam Sachs, 49, ist Schriftstellerin, sie schreibt Romane und Essays. Daneben arbeitet sie als Theatermacherin. Eigentlich wäre Miriam Sachs dieser Tage mit einem Theaterprojekt im Gazastreifen unterwegs, doch dann änderten sich durch das Coronavirus ihre Pläne.

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■ Das neuartige Coronavirus trägt die offizielle Bezeichnung SARS-CoV-2. Es ruft die Krankheit mit dem offiziellen Namen Covid-19 hervor. Der Virus ist von Mensch zu Mensch übertragbar.

Ab Januar 2020 hatte sich das Virus von der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei her ausgebreitet – inzwischen weltweit.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus am 11. März 2020 zur Pandemie erklärt, also zu einer weltweiten Epidemie.

Alle Artikel der taz zum Thema finden sich im Schwerpunkt Coronavirus.

Eine Pandemie ist eine weltweite Epidemie, also regional nicht begrenzt. Bei einer Pandemie überträgt sich ein neuartiger Virus von Mensch zu Mensch.

■ Da es keine Grundimmunität gibt, keine spezifischen Medikamente und keine Impfung, führt das zu einer hohen Zahl an teils schweren Erkrankungen und Toten. Dies kann unter anderem zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen, wie es beispielsweise in Italien bereits regional zu beobachten war. Deshalb ist das Ziel, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken.

Auf eine weitreichende Beschränkungen sozialer Kontakte hatten sich am 22. März 2020 die Bundeskanzlerin und Regierungschefs der Länder geeinigt. Damit sollte der Anstieg der Fallzahlen verlangsamt und eine Überlastung des Gesundheitssystems möglichst verhindert werden. In den vergangenen Monaten beschlossen Kanzlerin und Länderchefs dann schrittweise Lockerungen. Die Kontaktbeschränkungen bleiben grundsätzlich bestehen. Details regeln weiterhin die Länder. (Hier eine Übersicht der Bundesregiergung zu Regelungen in den Ländern). Im Fall regionaler schneller Anstiege der Infektionszahlen sollen die Behörden vor Ort sofort mit neuen Beschränkungen reagieren.

■ Einen Abstand von mindestens 1,5 Metern soll man weiterhin draußen zu allen anderen Menschen außer der Begleitung einhalten.

■ Ein Mund-Nasen-Schutz muss in ganz Deutschland beim Einkaufen und im Öffentlichen Personennahverkehr getragen werden.

■ Seit Anfang Mai gilt: Angehörige zweier Haushalte dürfen sich grundsätzlich treffen – beispielsweise also zwei Familien oder zwei Wohngemeinschaften. In einzelnen Bundesländern gibt es darüberhinaus Spezialregelungen.

Schulen und Vorschulen sollen unter Auflagen wieder für alle Kinder öffnen.

■ In Kliniken und Pflegeeinrichtungen wurden die Regeln gelockert: PatientInnen oder BewohnerInnen können wieder durch eine bestimmte Person besucht werden.

Alle Geschäfte in Deutschland dürfen unter Auflagen wieder öffnen – ohne Quadratmeterbegrenzung der Verkaufsfläche.

Im Sport ist das Training unter freiem Himmel wieder erlaubt. Freizeitsportler müssen sich aber an bestimmte Auflagen halten. So muss eine Distanz von mindestens 1,5 Metern gewährleistet sein.

Die Fußball-Bundesliga hat die Saison seit Mitte Mai mit Geisterspielen fortgesetzt – zumindest die erste und zweite Liga der Männer. Die Fußballbundesliga der Frauen bleibt hingegen zunächst ausgesetzt. Ab wann Spiele wieder vor Publikum stattfinden, ist noch nicht klar.

Großveranstaltungen bleiben bis zum 31. August verboten.

Bei Restaurants sollen die Bundesländer eine schrittweise Öffnungen selbst regeln. Auch für Kinos, Theater, Hotels oder Kosmetikstudios haben die Ländern die Lockerungen eigenständig zu verantworten.

■ Spielplätze sind unter Auflagen wieder geöffnet – darauf einigten sich Kanzlerin und Länderchefs bereits am 30. April.

Gottesdienste und Gebetsversammlungen sind wieder zugelassen – unter besonderen Anforderungen des Infektionsschutzes. Taufen, Beschneidungen und Trauungen sowie Trauergottesdienste sollen im kleinen Kreis möglich sein.

Museen, Ausstellungen, Gedenkstätten, Zoos und botanische Gärten können unter Auflagen wieder öffnen.

Aktuelle Fallzahlen zum Coronavirus in Deutschland veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI).

Eine ausführliche Darstellung der COVID-19-Fälle in Deutschland bis auf Landkreisebene hat das RKI in einem Corona-Dashboard zusammengestellt. Auch gibt es tägliche Situationsberichte heraus.

Internationale Zahlen hat unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer interaktiven Grafik aufbereitet.

■ Ebenso weltweite Fallzahlen stellt die Johns Hopkins University auf einer interaktiven Karte dar.

■ Die Unterschiede bei den Fallzahlen von RKI, WHO und Johns Hopkins University bedeuten nicht, dass die Zahlen falsch sind. Differenzen ergeben sich vielmehr aus Melde-Verzögerungen und unterschiedlichen Quellen: Dem RKI werden die Fallzahlen von den Gesundheitsämtern über das jeweilige Bundesland übermittelt. Es meldet die Zahlen nach einer Prüfung dann weiter an die WHO – so kommt es zu Verzögerungen. Die Daten der Johns Hopkins University kommen nach eigenen Angaben aus verschiedenen öffentlich zugänglichen Quellen und können daher von jenen Zahlen von RKI und WHO abweichen.

Eine Erkrankung an Covid-19 nach einer Infektion mit dem Coronavirus äußert sich laut Bundesgesundheitsministerium durch grippeähnliche Symptome, wie trockenem Husten, Fieber, Schnupfen und Abgeschlagenheit. Auch über Atemprobleme, Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Durchfall sowie Schüttelfrost sei berichtet worden.

Die Inkubationszeit beträgt nach aktuellen Erkenntnissen wohl bis zu 14 Tage: Das heißt, dass es nach einer Ansteckung bis zu zwei Wochen dauern kann, bis Symptome auftreten.

■ Wichtig: Infizierte können den Virus schon übertragen, wenn sie selbst noch keine Symptome bemerken.

Der Coronavirus wird vor allem mit einer Tröpcheninfektion übertragen. Laut Robert-Koch-Institut sind theoretisch auch eine Schmierinfektion (über kontaminierte Oberflächen) und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Nach bisherigen Erkenntnissen verlaufen mehr als 80 Prozent der Erkrankungen vergleichsweise mild. Wer meint, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sollte unbedingt

zu Hause bleiben und zum Telefon greifen. Dann entweder

■ beim Hausarzt anrufen

oder beim

■ Ärztlichen Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117.

Telefonisch gibt es zudem noch weitere Stellen für Informationen:

■ Die Unabhängige Patientenberatung ist zu erreichen unter: ☎ 0800 – 011 77 22

Ein Bürgertelefon hat das Bundesgesundheitsministerium eingerichtet unter: ☎ 030 – 346 465 100

Für Gehörlose und Hörgeschädigte ist ein Beratungsservice des Gesundheitsministeriums per Fax zu erreichen: ☎ 030 – 340 60 66 07, sowie per Mail unter info.deaf@bmg.bund(dot)de und info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Ein Gebärdentelefon mit Videotelefonie findet sich unter: www.gebaerdentelefon.de/bmg/

Die aktuellen Risikogebiete für Ansteckungen hat das Robert-Koch-Institut bis zum 10. April 2020 veröffentlicht. Mittlerweile hat sich Covid-19 weltweit ausgebreitet. Ein Übertragungsrisiko bestehe daher „sowohl in Deutschland als in einer unübersehbaren Anzahl von Regionen weltweit“, schreibt das RKI.

Für Reisende gibt es weitere Informationen zu Covid-19 und Reisewarnungen beim Auswärtigen Amt.

■ Zum Infektionsschutz gibt es auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) umfassende Anleitungen zum richtigen Händewaschen, zu den angemessenen Regeln beim Niesen sowie auch Merkblätter zu allgemeinen Hygiene- und Verhaltensregeln.

■ Niesen oder Husten soll man möglichst in die eigene Armbeuge und versuchen, sich seltener ins Gesicht zu fassen.

Händwaschen sollte man regelmäßig und zwar mindestens 20 Sekunden mit Wasser und Seife.

■ Reduzieren sollte man den Kontakt zu anderen Menschen derzeit so stark wie möglich, empfiehlt die BGzA. Wenn man doch in der Öffentlichkeit unterwegs ist, soll man möglichst einen Abstand von zwei Metern zu anderen Menschen einhalten.

■ Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) gilt bundesweit einheitlich und bisher richten sich die Maßnahmen der Behörden nach diesem Gesetz, schreibt unser rechtspolitischer Korrespondent Christian Rath in seinem Überblick zur Rechtslage.

■ Die Katastrophenschutzgesetze der Länder sind anwendbar, sofern sich die Lage zur Katastrophe zuspitzen sollte.

■ Die Bundeswehr kann im Rahmen der Amtshilfe heute schon tätig werden, etwa im Sanitätsbereich oder zur logistischen Unterstützung. Im Extremfall kann sie auch im Inland eingesetzt werden, um (gemeinsam mit der Polizei) die öffentliche Ordnung zu bewahren oder wiederherzustellen, etwa wenn geplündert wird oder Krankenhäuser belagert werden.

■ In den „Notstandsgesetzen“ ist das geregelt, zu denen die Artikeln 35, 87a und 91 des Grundgesetzes zählen. Die „Notstandsgesetze“ wurden 1968 gegen den Widerstand der Außerparlamentarischen Opposition (APO) beschlossen.

■ Gerüchte, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über das Coronavirus kursieren derzeit viele.

■ Aufklärung über viele Corona-Falschmeldungen bietet unter anderem der Verein Mimikama.at.

■ Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in englischer Sprache eine eigene Seite zur Aufklärung von Mythen über den Coronavirus veröffentlicht.

■ Zu den häufigsten Fragen hat das Robert-Koch-Institut ein FAQ zu Corona veröffentlicht.

■ Weitere Fachinformationen finden sich ebenso auch auf einer Überblicksseite des Robert-Koch-Instituts.

■ Verhaltens- und Hygienetipps und ebenso in einem FAQ die häufigsten Fragen beantwortet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Corona-Übersicht auf infektionsschutz.de.

■ Umfassend informieren kann man sich auch beim Bundesgesundheitsministerium.

■ Eine weltweite Übersicht bietet die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Bundesweite Telefonnummern im Überblick:

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117

Unabhängige Patientenberatung: ☎ 0800 011 77 22

■ Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministeriums: 030 346 465 100

Beratungsservice für Gehörlose und Hörgeschädigte: Fax: 030 / 340 60 66 – 07 sowie per Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de / info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Gebärdentelefon (Videotelefonie): www.gebaerdentelefon.de/bmg

■ Bei Sorgen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar unter: 116 123 sowie 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222.

■ Infos über Corona auf Türkisch hat die taz in ihrem Text „Koronavirüs Almanya'da“ zusammengestellt.

■ In weiteren Sprachen sammelt die taz Info-Texte under taz.de/coronainfo

■ Hygiene-Infos in weiteren Sprachen bietet die BZgA in Hygiene-Merkblättern unter anderem auf Türkisch “Viral enfeksiyonlar – hijyen korur!“ (PDF) sowie auf Englisch “Viral infections – hygiene works!“ (PDF)

Leichte Sprache: Informationen zum Coronavirus in Leichter Sprache stellt das Bundesgesundheitsministerium zur Verfügung.

Gebärdensprache: Das Bundesgesundheitsministerium beantwortet Fragen mittels Videotelefonie und ist dafür über ihr Gebärdentelefon zu erreichen. Dazu gibt es hier noch mehr Infos. Das Gebärdentelefon ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 12 Uhr erreichbar. Ebenso möglich sind Fragen per Fax: 030 / 340 60 66 – 07 oder per E-Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de oder info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de.

■ Weitere Sprachen: Kurze Info-Flyer der Johanniter auf Englisch (PDF), Dari (PDF), Arabisch (PDF), Farsi (PDF), Türkisch (PDF), Russisch (PDF), Italienisch (PDF) und Französisch (PDF) hat der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bereitgestellt.

International: Informationen zum Coronavirus in verschiedenen Sprachen stellt zudem die Weltgesundheitsorganisation WHO bereit.

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