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Streit um Neubaustrecke Hamburg–HannoverTrassenvariante tangiert KZ Bergen-Belsen

Die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen sorgt sich, dass die geplante Neubau-Bahnstrecke Hamburg–Hannover zu nah an dem ehemaligen KZ vorbeiführen könnte.

Sensibler Ort: Rampe des ehemaligen KZ Bergen-Belsen

Die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen hat am Dienstag einen Alarmruf verschickt: Sie sorgt sich, dass die von der Bahn geplante Neubaustrecke zwischen Hamburg und Hannover zu nah an dem ehemaligen Konzentrationslager vorbeiführen könnte – genauer gesagt an der Rampe, an der zur Zeit des Nationalsozialismus Zehntausende Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge ankamen oder in andere Arbeits- und Vernichtungslager geschickt wurden.

Für die umstrittene Neubaustrecke hat das Bundesverkehrsministerium kürzlich dem Bundestag eine Vorplanung übermittelt. Darin ist eine aus Sicht der Bahn technisch bessere Variante enthalten, die Hochgeschwindigkeitszüge in nur 400 Meter Entfernung von der Rampe vorbeidonnern lassen würde. Eine betriebstechnisch weniger günstige Strecke wäre rund 1.000 Meter von der Rampe entfernt, würde aber die besondere Bedeutung dieses Ortes respektieren.

„Als Ankunftspunkt für den Sterbeort ihrer Verwandten spielt die Verladerampe in der Erinnerung zahlreicher Angehöriger eine wichtige Rolle“, heißt es in einer Pressemitteilung der Gedenkstätte. Die geplante Neubaustrecke zwischen Hannover und Hamburg dürfe die „historische Rampe Bergen-Belsen nicht gefährden“, heißt es darin. Aus Sicht der Gedenkstätte hätte die weiter entfernte Variante auch den Vorzug, dass die Rampe durch eine Baumreihe abgeschirmt wäre.

Mit ihrem Anliegen scheint die Gedenkstätte bei vielen Akteuren auf Verständnis zu stoßen. Die Deutsche Bahn hat extra für diesen Bereich zusätzlich zu ihrer „technischen Vorzugsvariante“ eine „alternative Linienführung“ in die Pläne eingezeichnet. Diese würde „bei Bedarf vertieft weitergeplant“, ist den Informationsseiten der Deutschen Bahn zu entnehmen.

Offene Türen

Auch die Deutsche Bahn priorisiert die etwas längere, dafür aber gesellschaftlich und im historischen Kontext vertretbarere Variante der Streckenführung. Abgesprochen sei das auch mit dem Eisenbahn-Bundesamt und dem Bundesverkehrsministerium, antwortet ein Sprecher der Deutschen Bahn auf Nachfrage.

Auch bei den Parteien stößt die Gedenkstätte mit ihren Bedenken auf offene Ohren. Auf Nachfrage der taz äußerten sich Luigi Pantisano von der Linken und Matthias Gastel von den Grünen. Beide sprechen sich klar für die Forderung der Gedenkstätte Bergen-Belsen aus.

Das gilt auch für das niedersächsische Verkehrsministerium. Dieses ist allerdings irritiert vom derzeitigen Planungsstand der Deutschen Bahn. Gegenüber der dpa bezeichnete das Ministerium die derzeitige Planung als „mehr als fragwürdiges Vorgehen“. Es sei nach bisherigen DB-Informationen davon ausgegangen, dass ein Mindestabstand von einem Kilometer zum Gedenkort gesetzt sei, vermeldet die dpa.

Allerdings äußerte sich die niedersächsiche Landesregierung zuletzt auch grundsätzlich kritisch gegenüber den Neubauplänen der Strecke Hamburg–Hannover. Größter Kritikpunkt: Im Vergleich zu einem Ausbau der bestehenden Strecke würde ein Neubau viel länger dauern. Erste Züge könnten bei einem Neubau der Strecke frühestens 2050 fahren.

Die Gedenkstätte appelliert an die Mitglieder des Deutschen Bundestages

Die Gedenkstätte Bergen-Belsen möchte auf Rückfrage ihre Pressemitteilung nicht als Generalkritik an der Deutschen Bahn verstanden wissen. Vielmehr soll damit ein Appell an die Mitglieder des Deutschen Bundestages gesendet werden. Denn diese müssen entscheiden, unter welchen Prämissen die Planung fortgesetzt wird.

Nur mit der alternativen Streckenführung könne „der historische Ort weiterhin als Gedenk- und Lernort wirksam sein“, betont die Leiterin der Gedenkstätte, Elke Gryglewski, in ihrer Pressemitteilung. Sie „vertraue darauf, dass der Verkehrsausschuss des Bundestages sich der historischen Bedeutung des Ortes bewusst ist und diese bei seiner Entscheidung berücksichtigen wird“.

Die Verbindung Hamburg–Hannover gilt schon lange als Schwachpunkt im deutschen Bahnnetz. Es gab Sommer, da fuhr dort jeder zweite Zug verspätet. Die Strecke ist zu 147 Prozent überlastet – nicht nur wegen des gewachsenen Personenverkehrs, sondern auch aufgrund der vielen Güterzüge, die vom Hamburger Hafen aus in den Süden rollen.

Deshalb gab es schon Anfang der 1990er-Jahre Pläne für eine neue Bahnverbindung zwischen Hannover, Bremen und Hamburg. Diese „Y-Trasse“ scheiterte an den Bürgerinitiativen, die sich entlang des Neubauabschnitts bildeten. Um den Protest zu kanalisieren, berief die Landesregierung das Dialogforum Schiene-Nord ein, in dem Vertreter der Initiativen, Verbände, Politik und Bahn eine Lösung für den Ausbau des Schienennetzes finden sollten.

Den so erzielten Kompromiss unter dem Namen „Alpha E“ hat jetzt die Bahn mit Unterstützung des Eisenbahn-Bundesamtes verworfen: Ihr Kosten-Nutzen-Verhältnis sei zu schlecht.

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