Streit um Industriedenkmäler: Tokio verschweigt Zwangsarbeit
Japan will Fabriken zum Weltkulturerbe erklären lassen – ohne den Hinweis, dass dort Zwangsarbeit verrichtet wurde. Südkorea wehrt sich dagegen.

Diese Bergwerke, Stahlfabriken und Schiffswerften, die zum Teil noch heute produzieren, hätten bei Japans Industrialisierung in der Meji-Zeit (1868 bis 1912) eine Schlüsselrolle gespielt. Sie seien bedeutende Zeugnisse für die erste Industrialisierung außerhalb westlicher Staaten, lautet die Begründung der Regierung in Tokio.
Über Japans Antrag will der Welterberat der Unesco in seiner Sitzung vom 28. Juni bis 8. Juli in Bonn entscheiden. Die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, die CDU-Politikerin Maria Böhmer, ist derzeit Vorsitzende des Rates aus 21 Nationen. Koreanische Politiker von Regierung und Opposition bereisen derzeit die Hauptstädte der sieben den Rat führenden Länder, um gegen Japans Antrag zu argumentieren. Für dessen Annahme braucht Tokio eine Zweidrittelmehrheit.
Die Südkoreaner misstrauen der zu Geschichtsrevisionismus neigenden japanischen Regierung zutiefst. Sie verweisen darauf, dass in 7 der 23 Industrieanlagen im Zweiten Weltkrieg zum Ende der japanischen Kolonialzeit (1910 bis 1945) 59.000 koreanische Zwangsarbeiter brutal ausgebeutet worden und zum Teil zu Tode gekommen seien. Befürchtet wird, dass Tokio dieses dunkle Kapitel bei einer Glorifizierung seiner Industriedenkmäler aussparen werde.
Japan wirft Südkorea vor, die Angelegenheit zu politisieren, und argumentiert, dass die Meji-Zeit vor der Ausbeutung der koreanischen Zwangsarbeiter gelegen habe.
Auf zwei bilateralen Treffen, das letzte davon am Dienstag in Seoul, konnten sich beide Seiten nicht einigen. Korea hatte sich bereit erklärt, auf sein Veto zu verzichten, wenn Japan bei den entsprechenden Anlagen auf die dortige Ausbeutung der Zwangsarbeiter hinweist. Auch der Internationale Rat für Denkmalpflege (Icomos) der Unesco hatte Japan aufgefordert, die gesamte Historie der Industrieanlagen darzustellen. Das lehnt Japan ab. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes wollte sich auf taz-Anfrage am Donnerstag nicht zu der Angelegenheit äußern.
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