Straße von Hormus: Wer sie kontrolliert, hält einen Trumpf in der Hand
Die USA und Israel hätten den Krieg gegen Iran theoretisch schon gewonnen – wären da nicht zwei Meerengen, die für die Weltwirtschaft wesentlich sind.
Theoretisch hat die Islamische Republik Iran den Krieg bereits verloren: Ihr oberster Führer Ali Chamenei ist tot, auch fast die ganze Führungsriege der Revolutionsgarden und des Verteidigungsapparats. Jeden Tag verliert das Regime weitere wichtige Personen: Sicherheitsberater, Entscheider innerhalb der Revolutionsgarden, Wissenschaftler des Raketenprogramms.
Die ohnehin schwache Luftabwehr des Landes ist so stark zerstört, dass sich die Luftwaffen von Israel und den USA recht frei am Himmel über Iran bewegen können. Berichten zufolge erlaubt das den USA, ältere Kampfjets zu verwenden, die etwa schlechter getarnt sind als neuere Modelle.
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Hinzu kommen taktische Angriffe: auf Militärdepots – bei denen viele Raketen Irans auf einmal zerstört werden können. Auf Produktionsanlagen der Verteidigungsindustrie, um den Nachschub an Raketen zu mindern. Fünfzehn solcher Stätten sollen nach Information des Institute for the Study of War allein am 1. April angegriffen worden sein. Auch in der Lieferkette weiter hinten stehende Firmen, etwa Hersteller von Stahl, werden mittlerweile attackiert.
Der neuralgische Punkt in der Region
Zwar greift auch Iran weiterhin in Israel sowie den Golfstaaten an und kann dabei immer wieder Erfolge vermelden. Die USA und Israel haben aber in Iran gerade auf operativer Ebene bislang sehr viel mehr zerstört als umgekehrt. Sie gewinnen also, wenn man so will, auf dem Schlachtfeld. Doch viele Militäranalysten fragen: Reicht das, um dem iranischen Regime beizukommen? Lässt sich aus der operativen Überlegenheit ein strategischer Vorteil ziehen?
Derzeit ist das ungewiss. Denn strategisch hat die Islamische Republik Iran noch mindestens an einer Stelle die Überhand. Die verläuft zwischen Iran und Oman und heißt Straße von Hormus – eine nur etwa 33 Kilometer breite Meerenge, die der gesamte Schiffsverkehr des Persischen Golfs passieren muss. Sie galt immer als der neuralgische Punkt in der Region. Wer sie kontrolliert, hält einen wichtigen Trumpf in der Hand.
Eigentlich überschneiden sich in der Straße von Hormus die Hoheitsgewässer von Iran und Oman. Bislang blieb die Passage zumeist frei befahrbar. Das ist nun vorbei: Iran blockiert sie de facto. Sie zu durchfahren ist nur in Absprache mit den Revolutionsgarden und wohl auch gegen Zahlung einer Mautgebühr möglich.
Am 1. April beschoss Iran etwa den Tanker „Aqua 1“, der wohl einem in den Emiraten ansässigen Reeder gehört und an Qatarenergy verliehen ist. Nach Bericht von Llyod’s List, einem auf die Schifffahrt spezialisierten Newsportal, wurde das Schiff von zwei Projektilen getroffen. Eines explodierte, woraufhin ein Feuer ausbrach. Das andere blieb im Maschinenraum des Schiffs stecken. Verletzte habe es nicht gegeben. Das Schiff war zum Zeitpunkt des Angriffs nicht einmal in Bewegung, sondern nördlich der katarischen Gasexportanlage Ras Laffan geankert.
Die Strategie Teherans scheint aufzugehen. Viele Schiffe wagen die Durchfahrt nicht mehr und sitzen im Persischen Golf fest. Für andere wurden bereits Zahlungen entrichtet, offenbar in der chinesischen Währung Yuan – für eines wohl umgerechnet bis zu zwei Millionen US-Dollar. Erlöse, die der iranische Staat dringend braucht, um seine eigene Währung zu stabilisieren.
Zur Erinnerung: Im vergangenen Herbst war der Wechselkurs von iranischen Rial zu US-Dollar in den Keller gerauscht. Zuletzt kostete ein US-Dollar über eine Million Rial. Zum Zeitpunkt der islamischen Revolution 1979 lag der Kurs bei 70 Rial pro US-Dollar. Diese massive und schnelle Entwertung der iranischen Währung löste die blutig niedergeschlagenen Proteste im Januar dieses Jahres mit aus. Sie resultierte unter anderem aus zunehmenden internationalen Sanktionen gegen Iran, die die Exporteinnahmen in US-Dollar einbrechen ließ.
Von der Mautstelle in der Straße von Hormus dürfte das iranische Regime also zumindest kurzfristig profitieren. Und auch davon, dass es selbst weiter Öl exportiert. Über 50 Milliarden US-Dollar hat Iran im Jahr 2025 wahrscheinlich mit dem Export von Erdöl eingenommen – etwa 35 Prozent des gesamten Staatsbudgets. Gekauft wird es vor allem von kleineren, nichtstaatlichen Raffinerien in China.
Je länger die Blockade anhält, desto teurer das Öl
Asien ist von der Blockade der Straße von Hormus besonders betroffen. Dorthin gehen laut der Wirtschafts- und Sozialkommission für Asien und den Pazifik der Vereinten Nationen etwa 90 Prozent des Rohöls, das zu normalen Zeiten durch die Straße von Hormus exportiert wird. Viele asiatische Länder ächzen unter der Blockade der Meerenge also genauso wie die arabischen Golfstaaten – vor allem Bahrain, Kuwait und Katar, die über keine Häfen östlich der Straße von Hormus verfügen. Und je länger diese Blockade anhält, desto teurer werden auch Öl und andere Rohstoffe auf dem Weltmarkt.
Das baut Druck auf den US-Präsidenten Donald Trump auf und schadet zumindest kurz- und mittelfristig der Wirtschaft des Globalen Westens. Die Uhr läuft hier gegen die USA.
Und Iran verfügt noch über eine weitere Eskalationsmöglichkeit – ebenfalls eine Meerenge, ein weiterer empfindlicher Punkt der Weltwirtschaft. Die 29 Kilometer breite Bab-el-Mendeb-Straße verläuft zwischen Eritrea, Dschibuti und dem Jemen. Sie ist die Ein- und Ausfahrtsschneise in das Rote Meer und damit auch den Suezkanal.
Die Bab-el-Mendeb-Straße liegt Tausende Kilometer von Iran entfernt. Trotzdem scheint die Islamische Republik befähigt, auch sie zu blockieren. Denn im Jemen finanziert und unterstützt sie seit Jahren die Miliz Ansar Allah, bekannter unter dem Namen „Huthis“. Die Huthi-Miliz hält seit Jahren den gesamten Westen des Jemen unter ihrer Kontrolle. Zunächst stieg sie in den Krieg zwischen Israel, USA und Iran nicht ein. Das änderte sich nach taz-Informationen, als eine Gruppe Islamischer Revolutionsgarden sie aufsuchte. Ende März schossen die Huthis eine erste Rakete aus Jemen gen Israel.
Schon in der Vergangenheit hatten die Huthis die Schifffahrt im Roten Meer durch Angriffe temporär fast zum Erliegen gebracht. Auch eine westliche Marinemission konnte ihre Möglichkeiten nicht einschränken, dies wieder zu tun.
Nun hat ein hochrangiges Huthi-Mitglied gewarnt: Sollten die arabischen Golfstaaten in den Krieg einsteigen, werde man die Schifffahrt im Roten Meer erneut behindern. Das hätte weitreichende Folgen: Schiffe müssten die sehr viel längere Route um Afrika herum nehmen, um etwa von Asien nach Europa zu kommen. Die Kosten stiegen deutlich.
Viele Raffinerien, Öl- und Gasfelder werden beschossen
Besonders weitreichende Konsequenzen hätte das für Saudi-Arabien. Das Königreich betreibt wichtige Häfen am Roten Meer, unter anderem in der Stadt Dschidda. Mehr als die Hälfte der Gütertransporte Saudi-Arabiens läuft über diesen Hafen. Auch der Hafen Yanbu liegt am Roten Meer. Dort werden vor allem Rohöl und andere Petrochemikalien verschifft. Derzeit leitet Saudi-Arabien seine Exporte an diese Häfen um.
Über eine mehr als 1.000 Kilometer lange Pipeline – entstanden nach dem Iran-Irak-Krieg, der ebenfalls die Schifffahrt im Persischen Golf massiv störte – fließt derzeit Öl aus den Feldern im Osten des Landes zu dem Hafen am Roten Meer. Wird die Bab-el-Mendeb-Meerenge blockiert, kommen auch diese Exporte zum Erliegen. Saudi-Arabien ist der größte Ölexporteur der Region, die Folgen wären auch für die gesamte Weltwirtschaft einschneidend.
Und: Iran attackiert nicht nur die Möglichkeit der Golfstaaten, fossile Produkte zu exportieren, sondern auch diese zu fördern und zu verarbeiten. Viele Raffinerien, Öl- und Gasfelder in Küstennähe werden anhaltend beschossen. Auch die Kraftwerke der Golfstaaten wurden bereits angegriffen.
Und schließlich ihre Entsalzungsanlagen. Alle Golfstaaten sind wasserarm, beziehen einen Großteil ihrer Wasserversorgung aus der Entsalzung von Meerwasser. Die Anlagen liegen an der Küste, in bequemer Reichweite iranischer Raketen und Drohnen. Jüngst griff das Regime erstmals eine Entsalzungsanlage in Kuwait an.
Das iranische Regime hat also viele Möglichkeiten, den Golfstaaten, der Weltwirtschaft, Israel und den USA strategisch zu schaden. Doch auch Iran hat Schwachstellen: Kraftwerke, Entsalzungsanlagen, Anlagen der Ölindustrie. Letztere wurden bereits angegriffen. Der Großteil des iranischen Öls wird durch das Terminal auf der Insel Kharg im Persischen Golf exportiert. Dort gab es weitreichende Luftangriffe. Und auch eine Eroberung der Insel durch Bodentruppen ist nicht mehr ausgeschlossen. Etwa 50.000 Angehörige des US-Militärs sind nun in der Region.
Analysten nehmen an, dass eine Bodeninvasion zunächst die iranischen Inseln treffen könnte: entweder Kharg, mit dem Ziel, das Ölgeschäft des Regimes zu beenden. Oder die Inseln Qeshm und Larak, zwischen denen derzeit der Korridor für die Schiffsdurchfahrt an der neuen Mautstelle der Straße von Hormus verläuft. Oder die Inseln Abu Musa, Lesser Tunb und Greater Tunb. Die Revolutionsgarden benutzen sie als eine Art Außenposten im Meer. Die Vereinigten Arabischen Emirate beanspruchen sie hingegen für sich.
Damit liegen die strategischen Optionen beider Seiten auf dem Tisch. Wer zieht den nächsten Trumpf?
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