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Deepfakes sind nicht das ProblemWenn wuschelige Profeministen zuschlagen

Wegen eines spektakulären Falls sexualisierter Gewalt will die Bundesjustizministerin jetzt Strafen für Deepfakes. Warum sie damit das Thema verfehlt.

Das Problem heißt nicht KI. Es heißt Männergewalt Foto: Dominic Lipinski/ap/dpa

D ie größte Gefahr in diesem Land – nach männlicher Gewalt – geht von SPD-Äußerungen aus. Sie führen straight in den Langeweiletod. So wie die von Stefanie Hubig am Freitag im Spiegel. Die Bundesjustizministerin will jetzt Strafen für Deepfakes – wegen eines spektakulären Falls, über den ich hier nicht schreiben darf, weil der lange Arm des Patriarchats sonst sofort das Presserecht als Waffe gegen mich richten und meine Berichterstattung mit einer Unterlassungsklage niederschmettern würde.

Deepfakes sind zum Beispiel Nacktbilder, die mit KI erstellt werden. Immer wieder montieren Männer echte Fotos von Frauengesichtern auf Fotos irgendwelcher Frauenkörper und verbreiten das im Netz – um deren Ruf zu schädigen, sie zu verletzten oder zu erpressen. Das soll laut Hubig künftig strafbar sein.

Die öde Debatte ist absehbar. Das Thema digitale Gewalt ist nicht unwichtig, aber Po­li­ti­ke­r*in­nen werden darüber in den nächsten Tagen wieder besonders bestürzt und moralinsauer reden, während sie Gelder für Frauenhäuser und Gewaltprävention kürzen, dass man wahlweise kotzen oder für immer einschlafen will. Gähn.

Dann kommt ein neuer Paragraf oder auch nicht – völlig egal. Sollen sie doch noch drölfzig Straftatbestände einführen, die die unfähigen oder unwilligen Behörden dann sowieso nicht nutzen, um Gerechtigkeit für Betroffene herzustellen. Denn selbst wenn ein Mann mal angeklagt oder gar verurteilt wird – die Zahlen liegen nach wie vor im homöopathischen Bereich –, wird er davon nicht automatisch weniger gewalttätig. Weder Knäste noch Geldstrafen produzieren gute Menschen. Und den Frauen nützt es sowieso nichts, wenn die Täter Strafen an die Staatskasse zahlen. Feministinnen wissen all das, seit Jahren. Und Stefanie Hubig?

Angesichts ihrer Äußerungen hätte jeder Deutschlehrer gleich müde den Stift fallen gelassen – Thema verfehlt, durchgefallen. Das Problem heißt nicht Internet, KI oder Deepfake. Das Problem heißt Männergewalt. Es findet in allen Sphären statt, online und offline. Es ist so groß und so alt, dass es nicht mal nötig ist, aktuelle Beschuldigte zu nennen und sich damit auf presserechtliches Glatteis zu begeben. Wer ab und an Zeitung liest, eine Frau oder queer ist, kennt längst genug Beispiele.

Das Problem sind nicht nur Männer, die zuschlagen

Auf die Gefahr hin, dass nun auch diese Textstelle zu Tode langweilt, sei doch noch einmal gesagt: Männliche Gewalt geht weit über das Physische hinaus. Sie umfasst emotionale Manipulation, wie sie einem gewissen Satiriker vorgeworfen wurde, sie umfasst, wenn Rockstars ihre sehr viel jüngeren Fans ficken, sie umfasst Frauenhass in Kommentarspalten.

Das Problem sind aber nicht nur Männer, die zuschlagen, sondern auch Männer, die zuschauen und Männer, die wegschauen. Zum Beispiel die Millionen Männer, die sich pornografisches Material, das mit Gewalt oder ohne Zustimmung erzeugt wurde, im Netz anschauen. Männer, die selbst nie ihre Hand erhoben haben, aber die wegschauen, wenn eine Frau belästigt wird, zum Beispiel am Arbeitsplatz.

Und auch Schweigen kann Gewalt sein. Das gelingt Männern in Meetings zwar oft nicht, aber wenn es um akute Ungerechtigkeit oder Gewalt geht, werden sie meist ganz leise. Das Problem sind nicht nur Machos, die ihre Frau erst allein die Bude putzen lassen und sie danach auch noch öffentlich abwerten, wie in einem großen Interview in der Feministaz. Fast noch enttäuschender sind die „abtrainierten Machos“, die genau in solchen Momenten ihren Mund nicht aufkriegen, sondern die Machos einfach gewähren lassen.

wochentaz

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Diese Spezies, nennen wir sie wuschelige Profeministen, ist teilweise noch gefährlicher, unter anderem weil Frauen ihnen vertrauen, bei ihnen weniger mit Gewalt rechnen, weniger Sicherheitsvorkehrungen treffen. Seien es Arbeitskollegen, seien es Prominente. Und, wie uns das Zeitalter der performative males gerade wieder einmal zeigt: Auch nette Typen können gewalttätig werden. Männliche Gewalt ist ein Kontinuum, auf dem Einzelne sich munter hin und her bewegen.

Denke ich an diese Sorte Männer, beginnt das Blut in meinen Adern sofort zu pulsieren. Kurz vor dem SPD-induzierten Herzstillstand rast mein Puls Richtung Herzinfarkt. Ein Glück! Die feministische Wut hat mir wieder mal das Leben gerettet.

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Lotte Laloire
Lotte Laloire ist Mitte 30 und immer noch links. Als taz-Redakteurin im Ressort "taz.eins" sowie im Online-Ressort "Regie" interessiert sie sich besonders für politische Strategien, Feminismus, Antifa, Die Linke und die Türkei. Sie ist Herausgeberin des Buchs "Trouble on the Far Right: Contemporary Right-Wing Strategies and Practices in Europe" (Transcript, 2016) und ausgebildete Surflehrerin.
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