Starzplay-Serie „We Are Who We Are“: Queerness hinter Stacheldrahtzäunen

In einer US-Militärbasis in Italien sind Teenager auf der Suche nach der eigenen Identität. Die Serie „We Are Who We Are“ weckt Urlaubssehnsüchte.

Fraser balanciert im Dunkeln auf dem Geländer einer Brücke

Betrunken und allein: Fraser (Jack Dylan Grazer) torkelt in „We Are Who We Are“ durch die Nacht Foto: Yannis Drakoulidis

Mit Kopfhörern im Ohr steht Fraser (Jack Dylan Grazer) am Schalter. Gerade ist er mit seinen Müttern am Flughafen in Venedig gelandet, doch sein Koffer hängt noch in Amsterdam fest. Fuck! Fraser verlangt den Wodka seiner Mutter. „Aber nur zwei Schlücke“, mahnt sie den 14-Jährigen. Der legt seinen Kopf in den Nacken, trinkt aus der kleinen Flasche, erst einen Schluck, dann noch einen.

Fraser ist genervt. Nicht nur wegen seines Koffers, sondern auch von seinen Müttern und von seinem Umzug aus den USA in die US-amerikanische Militärbasis in Chioggia, in der seine Mutter Sarah (Chloë Sevigny) das Kommando übernehmen wird.

Die erste Serienproduktion von Luca Guadagnino „We Are Who We Are“ wurde von vielen sehnsüchtig erwartet. All diejenigen, die auf ein zweites „Call Me by Your Name“ gehofft haben, werden von der achtteiligen Serie jedoch enttäuscht sein. Sie ist viel uneindeutiger, suchender und weniger atmosphärisch als der oscarprämierte Spielfilm.

„We Are Who We Are“, ab So., 7. 3. bei Starzplay

Es ist wohl kein Zufall, dass das Coming-of-Age-Drama mit einer Szene am Lost-and-Found-Schalter beginnt. Denn Fraser ist in jeglicher Hinsicht „lost“. Hinter Stacheldrahtzäunen und unter ständigem Flugzeuglärm macht er sich in der Militärbasis auf die Suche nach Freund:innen, nach seiner Identität, nach irgendetwas Neuem.

Es braucht Geduld

Als Außenseiter gezeichnet, lernt er schnell neue Menschen kennen, doch so richtig scheint es nicht zu funken. Bis er Caitlin (Jordan Kristine Seamón) kennenlernt. Vom ersten Moment an ist er von der Teenagerin fasziniert, fotografiert sie heimlich im Unterricht, verfolgt sie in eine Bar. Was als Stalking-Geschichte gelesen werden kann, deutet die Serie als Beginn einer Freundschaft.

In der Bar stellt sich Caitlin einem Mädchen, die sie für einen Jungen hält, als Harper vor. Ein Spiel? Ein Infragestellen der eigenen als weiblich gelesenen Geschlechtsidentität? Die Serie lässt das zunächst offen. Fraser, der sie als einziger zu verstehen scheint, erklärt ihr Geschlechterkonzepte: non-binary, trans, inter. Die Suche nach der eigenen Identität – auch fernab von Geschlecht und Sexualitäten– dominiert die Serie.

Guadagnino lässt sich Zeit, die Figuren vorzustellen und zu entwickeln. Die Zu­schaue­r:in­nen brauchen also Geduld. Serielles Erzählen lässt diese Langsamkeit zwar zu, doch schon in den ersten drei Episoden werden so viele Fragen aufgeworfen, Themen angeschnitten und Figuren eingeführt, dass es kaum möglich sein wird, allen Aspekten genug Raum zu verschaffen.

Guadagninos Handschrift, die vor allem auf Ästhetik setzt, scheint trotz allem immer wieder durch. Etwa wenn Caitlin zwischen Farnen auf dem Boden sitzt, im Hintergrund klassische Musik läuft und die Kamera langsam zum Strand der italienischen Adria schwenkt. Momente, die Urlaubssehnsüchte wach werden lassen. Und wer genau hinschaut, entdeckt dann noch ein bisschen „Call Me by Your Name“ in der Serie: Timothée Chalamet und Armie Hammer in Cameo-Auftritten.

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