StadtgesprächNatalie Mayrothaus Mumbai: Erst kommt der Monsun zu spät, dann legt er die indische Metropole Mumbai lahm. Das El-Niño-Jahr macht die Regenzeit unberechenbar
Blaue und durchsichtige Plastikplanen sind längst ins Stadtbild Mumbais zurückgekehrt. Als Wasserschutz sind sie auf Hausdächern befestigt, andere an Fassaden oder über Eingängen von Geschäften und Wohnhäusern. Während der Monsunzeit sieht die indische Millionenstadt von oben stellenweise aus wie ein blauer Flickenteppich. Doch dieses Jahr erfüllten die Planen ihren Zweck erst mit Verspätung: Der Monsun erreichte Mumbai etwa zwölf Tage später als sonst.
„Ob es regnet oder nicht, der tägliche Überlebenskampf geht weiter“, sagt Rajshri Mahatare. Die 47-Jährige arbeitet als Haushaltshilfe im Vorort Thane. Jeden Morgen verlässt sie um 6.30 Uhr ihr Zuhause und fährt mit dem überfüllten Bus zur Arbeit. Während der heftigen Regenfälle Anfang Juli brauchte sie für eine Strecke, die sonst 30 Minuten dauert, fast zwei Stunden. Eine Autorikscha ist ihr zu teuer. „Ich kam jeden Abend völlig durchnässt vom Regen und vom Schweiß nach Hause.“
Der Monsun bestimmt den Rhythmus der Stadt. Er füllt die Stauseen, aus denen die Metropolregion Mumbai im Bundesstaat Maharashtra mit ihren über 20 Millionen Einwohner:innen ihr Trinkwasser bezieht. Dieses Jahr setzte der Südwestmonsun aber erst am 23. Juni ein. Kurz zuvor hatte Mumbai wegen sinkender Wasserreserven die Versorgung zeitweise rationiert. Die Verspätung passt zum beginnenden El-Niño-Jahr, in dem ein schwächerer und unregelmäßigerer Monsun erwartet wird.
Anfang Juli dann fielen innerhalb weniger Tage enorme Regenmengen. Der Wetterdienst gab die höchste Warnstufe aus. Straßen standen unter Wasser, Bäume und Häuser stürzten ein, der Bahn- und Flugverkehr gerieten ins Stocken, Schulen blieben geschlossen. Mindestens 13 Menschen starben, einer von ihnen war der elfjährige Vihaan Shrivastav. Er starb, als ein Baum auf seinen Schulbus stürzte. Sein Tod sowie die Überschwemmungen sorgen für Debatten: Wurden geschädigte Bäume von den Behörden übersehen? Warum stehen jedes Jahr dieselben Viertel unter Wasser?
Viele Bewohner:innen nehmen es mit Galgenhumor. Monsun-Memes und Videos mit Menschen in provisorischen Booten machten die Runde. Der Monsun ist nichts Neues, und doch wirkte die Stadt einmal mehr überrascht. Kaum hatten sich die Wassermassen zurückgezogen, blieb der Regen wieder aus. Eine nahezu trockene Woche folgte. Die Temperaturen stiegen wieder, die Luft wurde drückend. Erst zum Wochenende kehrten Schauer in einigen Stadtteilen zurück.
„Jetzt ist es zeitweise wieder unerträglich heiß“, sagt Rentnerin Nandini. Verdunstendes Wasser aus Schlaglöchern und Brachflächen macht die Luft schwer. „Wenn der Regen noch länger ausbleibt, geraten Bauern in große Sorge“, sagt sie. Setzlinge auf den Feldern im Umland seien auf regelmäßigen Regen angewiesen, sonst drohten Ausfälle.
Der Monsun stellte in diesem Jahr auch neue Infrastruktur auf die Probe und löste eine politische Kontroverse aus. An Tunnel 2 der Schnellstraße zwischen Mumbai und Pune kam es zu einem Erdrutsch. Dieser legte schwere Mängel an der erst wenige Wochen zuvor freigegebenen Verbindung offen. Die Opposition fordert eine unabhängige Prüfung. Der Ministerpräsident von Maharashtra, Devendra Fadnavis, reagierte angespannt: Statt auf mögliche Baumängel einzugehen, warf er Kritiker:innen vor, den Bundesstaat schlechtreden zu wollen.
Die Regenpause nutzten viele Mumbaikars nicht nur für Spaziergänge am Meer, sondern auch zum Protest. Am Azad Maidan im Süden der Stadt versammelten sich am Donnerstag rund 4.500 Menschen zu einer Kundgebung der neuen satirischen Kakerlakenpartei (CJP). Sie zeigten sich solidarisch mit Protestierenden in Delhi, die – unterstützt vom bekannten Aktivisten Sonam Wangchuk, der sich seit Tagen im Hungerstreik befindet – gegen Korruption und Missstände im Bildungswesen mobilmachen.
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