Sportarten bei Olympia: Eng wirds für die Schmuddelkinder

Das IOC kegelt Boxen, Gewichtheben und Modernen Fünfkampf aus dem Olympischen Programm. Ein Paradigmenwechsel ist das nicht.

Gewichtheberin sitzt hinter der Hantelstange und breitet die Arme aus

War nix, wird nix mehr. Gewichtheben steht vor dem olympischen Aus Foto: imago/Sven Simon

Mit den Schmuddelkindern soll man ja nicht spielen. Oder mit den „Problemkindern“, um es im Duktus des IOC zu sagen. Und so ist es nicht besonders überraschend, dass für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles, wie am Donnerstagabend berichtet wurde, die Disziplinen Boxen, Gewichtheben und der Moderne Fünfkampf vor dem Aus stehen sollen. Die drei Verbände also mit dem Korruptionssumpf, dem Doping und den Bildern von geprügelten Pferden. Hingegen seien die „Trendsportarten“ Skateboard, Surfen und Sportklettern so gut wie sicher im Programm, ihre Bestätigung nur noch Formsache.

Natürlich haben Doping, Korruption und geprügelte Pferde das Olympische Komitee nie an erster Stelle gestört. Sonst wären die Doping-Kernsportarten Leichtathletik und Radsport ja nicht ständig im Programm. Und beim Thema Stimmenkauf, Autokratie und Korruption fällt es im Sportverbandswesen schwer, überhaupt einen Verband zu finden, auf den nichts davon zutrifft. Massive Missbrauchsskandale wie im Turnen haben die Sportart auch nicht von der olympischen Bühne vertrieben.

Es geht bei der Entscheidung also vor allem um Verkäuflichkeit. Und Bilder: Erst, wer Skandalbilder (Annika Schleu) oder hinreichend Skandalreportagen (der Boxverband Aiba) verursacht und gleichzeitig als Sportart nicht gut verkäuflich ist, wird Schmuddelkind. Lieblingskindern geht es nicht an den Kragen. Auch übrigens vonseiten der Öffentlichkeit nicht sehr.

Einen möglichen Abschied von Boxen, Gewichtheben und dem seltsamen Fünfkampf muss man dennoch nicht übermäßig betrauern. Konsequenzen für die Zustände in den besagten Verbänden sind längst überfällig; Tradition ist kein Wert an sich. Und eine Sportart wie Boxen, die bei einem Teil der Sport­le­r:in­nen starke Hirnschäden hinterlässt, könnte durchaus viel grundlegender hinterfragt werden.

Wenn Olympia wirklich eine inklusive Bewegung sein will, muss sie im Gegenteil Subkulturen viel früher berücksichtigen. Die Mühlen der Zähmung durch das IOC mahlen da arg langsam: „Trendsportart“ ist Skateboard nun eher mindestens seit den Achtzigern, Surfen eher schon seit den Sechzigern. Bis eSports ins Olympische Programm findet, wird es also gewiss noch 30 Jahre dauern.

Einen Paradigmenwechsel bedeuten die vermeintlich soften Disziplinen allerdings nicht, sie funktionieren schon lange ähnlich. Nicht erst durchs IOC, wie die Szenen manchmal gern suggerieren; Turniere gibt es auch beim Skaten seit frühesten Tagen. Wenngleich man sich beim Surfen oder Sportklettern schon anstrengen musste, um irgendetwas Messbares und Zählbares zu finden – da findet zusammen, was mittlerweile zusammen gehört.

Im Sommer in Tokio standen keine wilden Kids aus dem Park vor den Kameras, sondern 14-Jährige wie Lilly Stoephasius, die trainieren, seit sie fünf Jahre alt sind. Ganz im Geiste des IOC. Aber gute Bilder produzierten diese unbelasteten Gesichter dennoch.

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Jahrgang 1991, studierte Journalismus und Geschichte in Dortmund, Bochum, Sankt Petersburg. Schreibt für die taz seit 2015 vor allem über politische und gesellschaftliche Sportthemen zum Beispiel im Fußball und übers Reisen. 2018 erschien ihr Buch "Wir sind der Verein" über fangeführte Fußballklubs in Europa. Erzählt von Reisebegegnungen auch auf www.nosunsets.de

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