Spitzenduell im Frauenfußball: Bitte Abstand halten
Die Wolfsburgerinnen sind beim Spitzenduell in München nur phasenweise konkurrenzfähig. Und nun verlässt noch Führungskraft Ralf Kellermann den Klub.
Am Sonntag lief die 54. Spielminute, als das Spitzenspiel in dem kleinen Stadion auf dem Bayern-Campus kippte. Stina Johannes, die Torhüterin des VfL Wolfsburg, wollte den Ball wegschlagen – übersah aber Jovana Damnjanović. Johannes schoss die Stürmerin des FC Bayern an, Damnjanović erzielte das 1:1. Nur zwei Minuten später traf die Serbin zum 2:1, Georgia Stanway (70.) und Klara Bühl (80.) schossen den am Ende verdienten 4:1-Sieg für die Münchnerinnen heraus. „Es tut mir leid, dass ich das Gegentor verursacht habe. Danach war ein Bruch drin“, haderte Johannes nach dem Abpfiff.
Tatsächlich gelang es dem VfL bis zum folgenschweren Patzer der Torhüterin, die Favoritinnen phasenweise in die eigene Hälfte zu drängen und zu ungewohnt vielen langen Bällen zu zwingen. Kessya Bussy (16.) erzielte das zwischenzeitliche Führungstor. „Wir haben gesehen, dass wir mithalten können, wenn wir da sind und unseren Plan durchziehen. Dann kann man den Bayern auch weh tun. Darauf können wir aufbauen. Aber natürlich geht ein Spiel über 90 Minuten und nicht nur über 45“, erklärte VfL-Kapitänin Janina Minge.
Der Spielverlauf spiegelte in gewisser Weise die emotionale Achterbahnfahrt des VfL in den letzten Tagen und vielleicht sogar in der ganzen Saison wider. Immer wieder konnte der VfL Ausrufezeichen setzen, letztlich fehlte aber die Konstanz. Nachdem am Donnerstag noch der Einzug ins Viertelfinale der Champions League durch einen hart erkämpften 2:0-Sieg bei Juventus Turin bejubelt wurde, schwanden am Sonntag die letzten vagen Hoffnungen auf den Gewinn der Meisterschaft.
Der Vorsprung des FC Bayern wuchs auf 14 Punkte an, die Münchnerinnen haben eine um 38 Treffer bessere Tordifferenz vorzuweisen. Der Gewinn des vierten Titels in Folge scheint für die Mannschaft von Trainer José Barcala nur noch eine Formsache zu sein, daran werden auch die ausstehenden Nachholspiele – eines für den FC Bayern, zwei für den VfL Wolfsburg – nichts mehr ändern.
Unruhe in Wolfsburg
Während Fragen nach einer Wachablösung im deutschen Frauenfußball vor weniger als zwei Jahren noch für einen Wutanfall bei der am Sonntag erkrankt fehlenden Alexandra Popp sorgten („Ich hasse dieses Wort!“), hat sich der VfL mittlerweile mit der Rolle als Herausforderer abgefunden. „Das Kräfteverhältnis ist nach wie vor klar: Der FC Bayern ist die Nummer eins und wird auch wieder Deutscher Meister werden, soweit lehne ich mich aus dem Fenster. Für uns geht es darum, weiter daran zu arbeiten, dass dieser Abstand nicht so groß wird“, erklärte VfL-Trainer Stephan Lerch.
In München wurde in den letzten Jahren mit internationalen Stars wie Pernille Harder, Georgia Stanway oder Magdalena Eriksson eine Mannschaft geformt, die Widerständen trotzt und Spiele mit großer Selbstverständlichkeit gewinnt. Junge Spielerinnen wie Momoko Tanikawa oder Franziska Kett wurden zu Leistungsträgerinnen, selbst der Wechsel von Trainer Alexander Straus zu José Barcala verlief beinahe geräuschlos.
Während der FC Bayern die Muskeln spielen ließ, herrschte in Wolfsburg vor allem in der letzten Saison Unruhe – 15 Spielerinnen und Trainer Tommy Stroot verließen die Autostadt. Lerch kehrte auf die Trainerbank zurück und leitete einen großen Umbruch ein. „Wir wissen, wie stark der FC Bayern ist und wie er sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Da sind Schritte gemacht worden, da ist der FC Bayern uns voraus und auch ein Stück weit enteilt. Das muss man so klar sagen“, sagte Lerch: „Aber das heißt nicht, dass wir nicht unseren Weg finden. Wir haben einen guten Weg eingeschlagen, wie ich meine.“
Allerdings scheint der Aufschwung schon wieder in Gefahr zu geraten. Denn Ralf Kellermann will den eingeschlagenen Weg anscheinend nicht weiter mitgehen. Der Direktor Frauenfußball soll laut Bild nach dem Spiel in München der Mannschaft und Trainer Lerch mitgeteilt haben, dass er den Verein im Sommer verlassen wird und sich einer neuen Herausforderung stellen will. Was nicht weniger als das Ende einer Ära bedeuten würde.
Als Trainer und Manager prägte Kellermann den Verein über fast zwei Jahrzehnte, insgesamt 20 Titel gewannen die Wölfinnen in dieser Zeit – darunter zweimal die Champions League. Die Niederlage in München am Sonntag tat weh, der Abschied von Kellermann dürfte die Wölfinnen aber nachhaltiger schmerzen. Die Zukunft des VfL erscheint einmal mehr ungewiss.
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