: Spionage-Posse
Serbiens Vizepremier und US-Diplomat wieder frei
BELGRAD taz ■ Der US-Diplomat John David Neighbor und Serbiens Vizepremier, Momcilo Perisic, wollten sich am vergangenen Donnerstag im Restaurant „Romeo und Julia“ bei Belgrad gerade ein Abendessen gönnen. Da platzten mehrere Männer in den Saal, wiesen sich als Mitglieder des militärischen Abwehrdienstes aus, schnappten sich die beiden, schleppten sie zum Wagen und fuhren davon.
Die beiden wurden die ganze Nacht über im Belgrader Militärgefängnis verhört. Die Anklage lautete auf Spionage und Hochverrat. Bekannt wurde dies erst am nächsten Tag, als Neighbor nach fünfzehn Stunden freigelassen wurde. Nach einer Reihe von Krisensitzungen und Protesten durfte auch der erschöpfte Perisic am Samstag vorerst nach Hause gehen. Doch der Skandal war nicht mehr aus der Welt zu schaffen.
Dies sei ein „Angriff der jugoslawischen Armee auf die USA und die Demokratie in Serbien“, empörte sich der US-Botschafter in Belgrad, William Mongomery. Die Drohungen des State Department ließen nicht lange auf sich warten: Sollten die Verantwortlichen für die Verhaftung des US-Diplomaten nicht bestraft werden, könne Serbien die Unterstützung der USA vergessen.
Das Außenministerium von „Serbien und Montenegro“ entschuldigte sich gegenüber dem US-Botschafter für die Verletzung der Wiener Konvention über die Immunität ausländischer Diplomaten. Serbiens Ministerpräsident, Zoran Djindjic, sprach verärgert über einen „einen schweren Rückschlag“ für die Glaubwürdigkeit des Landes. Besorgniserregend sei vor allem, dass der Abwehrdienst Menschen verhaften könne, ohne staatliche Organe zu verständigen. Die Armee müsse dringend einer zivilen Kontrolle unterzogen werden, die Verantwortlichen müssten aus der „illegale“ Verhaftung Konsequenzen ziehen.
Bundespräsident Vojislav Koštunica meinte dagegen, der Abwehrdienst habe sich an das Gesetz gehalten. Kein Regime dürfte auch nur den „geringsten Zweifel über den Verrat von Staatsgeheimnissen offen lassen“. Laut Verfassung kann nur der Bundespräsident Offiziere der Armee ablösen. Inoffiziell heißt es, daß Perisic, der fünf Jahre Generalstabschef war, über Geheimakten vefüge, die Slobodan Milošević vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag belasten könnten. ANDREJ IVANJI
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