Spielhallen und Sucht: Wenig Glück am Arbeitsplatz

Spielhallenaufsichten sollen auf die Kun­d*in­nen achten und Spielsucht früh erkennen. Doch was, wenn das Servicepersonal selbst süchtig ist?

Die Slots eines Spielautomaten

Der Jackpot ist im Automatencasino die Ausnahme Foto: Harrison Eastwood/getty images

„Eigentlich finde ich es erschreckend“, sagt Nicole Dreifeld, „dass Spielhallenaufsichten selbst spielsüchtig werden, obwohl sie jeden Tag sehen, wie Menschen Haus und Hof verzocken.“ Doch auch bei ihr hat es nicht geholfen: Sie wurde als Servicekraft in einer Spielhalle süchtig nach Glücksspielen. Mittlerweile leitet sie eine Selbsthilfegruppe in Bremen, kennt viele Geschichten und weiß, dass sie mit ihrer eigenen nicht allein dasteht.

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Vor etwa sechs Jahren arbeitete Dreifeld noch an zwei Sonntagen im Monat in einer Bremer Spielhalle. Der Job soll zu der Zeit die Haushaltskasse der Mutter aufbessern. Sie schließt die Halle auf, bringt den Spie­le­r*in­nen Kaffee und bekommt manchmal Trinkgeld, wenn diese gewinnen. Irgendwann schmeißt sie beim Putzen zwei Euro in den einen Automaten und wischt die anderen weiter. Als sie wieder auf die Anzeige schaut, sind aus den zwei plötzlich 50 Euro geworden – „das setzte natürlich Endorphine frei.“

Dabei hätte sie in der eigenen Spielhalle gar nicht spielen dürfen. Das verbot damals das „Bremische Spielhallengesetz“ – und mittlerweile auch der Glücksspielstaatsvertrag. Doch nicht nur sie hielt sich nicht daran: Ihre Kollegin spielte nach der Arbeit ebenso wie der Automatentechniker.

Die Kontrollen sind offenbar nicht ausgeprägt genug, das Glücksspiel zu verlockend. Dabei stehen Servicekräfte eigentlich in der Verantwortung: Sie sollten problematisches Spiel bei den Kun­d*in­nen erkennen, diese ansprechen oder sogar sperren. Auch das steht im Glücksspielstaatsvertrag. Doch in der Praxis fällt auch das Servicepersonal dem mangelnden Spie­le­r*in­nen­schutz in Deutschland zum Opfer.

Nur eine Studie zum Thema

Wie viele Servicekräfte in Spielhallen betroffen sind, ist unklar. In ganz Europa gibt es nur eine Studie dazu: Christian Kornek hat seine Doktorarbeit am Institut für Psychologie der Universität Bremen darüber verfasst. Obwohl sie nicht repräsentativ ist, zeigt sie Tendenzen auf. Von 300 befragten Servicekräften spielten 30 Prozent, 9 Prozent zeigten ein problematisches Spielverhalten. Der Anteil in der deutschen Gesamtbevölkerung ist geringer: 0,3 Prozent, also etwa 240.000 Menschen. So lauten die aktuellen Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Insgesamt nehmen etwa 30 Millionen im Jahr am Glücksspiel teil.

Korneks Studie legt nahe, dass Trinkgelder eine Rolle spielen. Es gibt Anzeichen dafür, dass Servicekräfte mit Spie­le­r*in­nen mitfiebern, was sie selbst dazu animieren könnte, ihr Glück zu versuchen. Als ein Spieler einmal 1.100 Euro gewann, gab er Nicole Dreifeld 50 Euro. Das höchste Trinkgeld, an das sie sich erinnern kann.

Anfangs spielte Dreifeld noch selten. Was sie in die Automaten warf und verlor, blieb überschaubar. Sie selbst sagt, mehrere Jahre habe sie ohne Spielproblem in der Spielhalle gearbeitet. Irgendwann habe sich das geändert, an einem Datum könne sie das aber nicht festmachen. „Als Spieler denkst du immer, du hast so viel Geld da reingesteckt, der Automat muss doch jetzt mal Gewinn schmeißen. Oder zumindest Freispiele geben.“ Aber die Verluste häuften sich und Dreifeld kam mit weniger Geld von der Arbeit nach Hause statt mit mehr.

Von den spielenden Servicekräften bei Kornek spielten rund 15 Prozent am eigenen Arbeitsplatz, und etwa 8 Prozent nutzten dabei sogar das Geld aus der Kasse. Auch das kennt Dreifeld: An manchen Tagen, wenn noch niemand da gewesen sei, habe sie das Kleingeld in der Kasse verlockend gefunden. Dann habe sie sich mal zehn Euro genommen, um ihr Glück zu versuchen – aber nie welches gehabt. „Was du in den Automaten reinschmeißt, ist weg und du bekommst es auch nicht wieder“, weiß sie heute. Damals musste sie vor dem Feierabend noch kurz zur Sparkasse laufen, um den Betrag wieder zurück in die Kasse zu legen.

Irgendwann tut es weh

Menschen mit einem Spielproblem verspielen Geld, das sie eigentlich nicht haben, erklärt Jost Schäfer. Er ist bei der Beratungsstelle für Suchtfragen in Berlin tätig. Man erreicht ihn, wenn man beim Verein „Reset-Glücksspielsuchthilfe“ anruft. „Süchtige tragen ihr ganzes Leben in die Spielhalle, und irgendwann tut das sehr weh“, sagt Schäfer. Solange man ein gutes Einkommen habe, würden Banken noch Kredite gewähren, die dann ebenfalls im Automaten landen. Für die Angehörigen bleibe es oft lange unbemerkt.

Es ist die Sucht, die sich mit am besten verstecken lässt, erklärt Tobias Hayer, Mitarbeiter der Arbeitseinheit Glücksspielforschung am Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften der Universität Bremen. In seiner Forschung beschäftigt er sich vor allem mit glücksspielbezogenen Problemen. Verglichen mit vielen anderen Suchterkrankungen mache sich Glücksspiel äußerlich kaum bemerkbar: keine Alkoholfahne oder erweiterten Pupillen. „Betroffene sind oft jahrelang süchtig, ohne dass es auffällt“, berichtet Hayer.

Wenn Sie Suizidgedanken haben, sprechen Sie darüber mit jemandem. Sie können sich rund um die Uhr an die Telefonseelsorge wenden (08 00/1 11 01 11 oder 08 00/1 11 02 22) oder www.telefonseelsorge.de besuchen. Dort gibt es auch die Möglichkeit, mit Seel­sor­ge­r*in­nen zu chatten.

Obwohl Spielsucht nicht direkt den Körper angreift, könne es für Betroffene gefährlich werden. Nicole Dreifeld sagt deutlich: „Dass wir keinen richtigen Spielerschutz in Deutschland haben, bedeutet Tote.“ Unter Glücksspielsüchtigen zeige sich eine „vergleichsweise hohe Rate an suizidalen Personen“, bestätigt Hayer. Trotz einer inkonsistenten Befundlage könne man das sagen. Einschränkungen der Werbung wie bei Tabak gibt es aber keine.

Wird das Problem Spielsucht früh angegangen, ist es leichter, daran zu arbeiten. Viele Spie­le­r*in­nen wollen davon jedoch nichts hören. „Kein Spieler der Welt wird sagen: ‚Ich gehe mal eine Stunde in die Spielo.‘“ Stattdessen parken sie das Auto zwei Straßen weiter oder nehmen das Fahrrad mit rein, damit keine Verbindung hergestellt wird.

Schulungen vorgeschrieben

In der Spielhalle ist das Personal eigentlich angehalten, die problematischen Spie­le­r*in­nen im Auge zu behalten und ihnen Hilfe anzubieten. Schulungen sind dafür gesetzlich vorgeschrieben, aber Dreifeld erzählt, ihr Chef habe nach der Schulung zu ihr gesagt: „Das sind zahlende Kunden, lass sie doch spielen.“ Ihre Aufgabe war es vielmehr, sich die Namen der Kun­d*in­nen und ihre Lieblingsgetränke zu merken. „Dann fühlen sie sich gesehen und kommen wieder. Und das Trinkgeld war auch höher.“

Ein Sprecher der Merkur-Kette, der mit dem Sonnen-Logo, sagt, bei ihnen sei das anders: Bei ihnen würde das Servicepersonal in den vorgeschrieben Schulungen „zum Thema problematisches Spiel sensibilisiert und umfassend informiert“. Er stellt auch infrage, ob die nicht repräsentative Studie von Kornek überhaupt relevant sei. Das Unternehmen bezeichnet sich selbst als Marktführer mit mehr als 3.000 Mit­ar­bei­te­r*in­nen in dem Bereich, und bei denen sei Spielsucht nur in Einzelfällen vorgekommen; nur wenige hätten sie entlassen müssen. Nicole Dreifeld hat nicht bei der Kette gearbeitet.

Bei der Einstellung von neuem Personal würde Merkur prüfen, ob Be­wer­be­r*in­nen in einem Sperrsystem registriert sind. Wer in einer solchen Sperrdatei steht, ist für gewöhnlich zwölf Monate vom Glücksspiel ausgeschlossen. Arne Rüger von der Landesfachstelle für Glücksspielsucht NRW glaubt aber, dass die Sperre zu kurz ist. Innerhalb eines Jahres wären Spielsüchtige nicht so weit stabilisiert, dass sie wieder entsperrt werden könnten.

Auch für Nicole Dreifeld war es sehr schwer. Sie kündigte zunächst, doch das half nicht. Kurze Zeit später ging sie wieder in die Spielhalle, „um mit den früheren Kollegen einen Kaffee zu trinken. Aber der kostete dann auch mal 200 Euro“, sagt sie zerknirscht. „Mein Kind war in der Zeit oft allein zu Hause, weil ich vor dem Automaten saß. Ich ging dann auch nicht ans Handy, und wenn ich gefragt wurde: ‚Wo warst du, ich konnte dich gar nicht erreichen?‘ – gibt es eine Milliarde Ausreden, aber keine davon ist wahr.“

Ein Spiel zuviel

Ihr letztes Spiel machte sie am Vatertag, dem 10. Mai 2018. Eigentlich hätte sie die Zeit mit ihrer Familie verbringen können, aber sie verschlug es wieder an den Automaten. Ihre Mutter machte sich auf die Suche nach ihr, entdeckte erst das Auto, dann sie. „Sie musste nichts sagen, der Blick und die Enttäuschung haben genügt.“ Danach suchte sich Dreifeld Hilfe.

Der erste Anruf bei der Selbsthilfegruppe war schwer. Der erste Besuch noch schwerer: „Es war wie der Gang zu meiner Hinrichtung, anders kann ich es nicht beschreiben.“ Nach dem ersten Treffen habe sie drei Dinge begriffen: Sie ist nicht allein mit ihrem Problem. Sie schadete nicht nur sich, sondern auch ihrer Familie. Und jeden Donnerstagabend kann sie sich mit Menschen austauschen, denen es genauso geht.

Das Problem sei aber in der Gesellschaft immer noch nicht bekannt genug. Während Glücksspiel selbst normalisiert wird, zum Beispiel durch Sportwettenanbieter als Werbepartner der Sportschau, bleibe die Glückspielsucht ein Tabu. Nicole Dreifeld sieht aktuell keine Besserung, eher im Gegenteil. Während die Spielhallen in den Hochphasen der Pandemie geschlossen hatten, boomte das Onlinegeschäft. Und dort sind die Kontrollen noch viel geringer als in der Spielhalle.

Wenn Sie Suizidgedanken haben, sprechen Sie da­rüber mit jemandem. Sie können sich rund um die Uhr an die Telefonseelsorge wenden (08 00/111 0 111 oder 08 00/111 0 222) oder www.telefonseelsorge.de besuchen.

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