Spielfilm über letztes DDR-Todesurteil: Der Mann, der in die Kälte ging

Ein Unrecht sogar nach damaligen Maßstäben: In „Nahschuss“ erzählt Franziska Stünkel die Geschichte des letzten in der DDR Hingerichteten.

Die Regisseurin Franziska Stünkel im Gespräch mit Schauspieler Lars Eidinger

Präziser Blick: Regisseurin Franziska Stünkel im Gespräch mit Hauptdarsteller Lars Eidinger Foto: Joshua Neubert

BREMEN taz | Eine „humane Hinrichtung“ ist ein Widerspruch in sich, aber in der DDR gab es tatsächlich eine Weise, ein Todesurteil zu voll­strecken, die das Leiden der Verurteilten so weit wie möglich verringern sollte: Statt wachsender Todesangst vor einem langen, festgesetzten Termin, statt der öffentlichen Inszenierung – letztes Mahl, „Dead Man Walking“ – erhielt der Verurteilte zu einem für ihn überraschenden Zeitpunkt einen Genickschuss. Nach eben diesem „Nahschuss“ hat Regisseurin Franziska Stünkel („Vineta“) ihren Spielfilm benannt, der am heutigen Donnerstag in die Kinos kommt.

Bei der Hinrichtung, um die es darin geht, ist das Wann sehr viel schockierender als das Wie: 1981 wurde in der DDR zum letzten Mal ein Mensch zum Tode verurteilt und hingerichtet. Werner Teske war Mitarbeiter der Stasi und nicht etwa zum Klassenfeind übergelaufen, der 39-Jährige Ökonom hatte das lediglich geplant. Selbst nach dem damaligen Recht der DDR war das Urteil Unrecht, und 1998 wurden ein Militärrichter und ein Militärstaatsanwalt wegen Totschlags und Rechtsbeugung zu je vier Jahren Haft verurteilt.

Aber davon erzählt Stünkel schon gar nicht mehr: Sie konzentriert sich ganz auf das Opfer. Franz Walter heißt der Mann im Film. Teskes Fall lieferte zwar die Inspiration, es ging aber nicht darum, die reale Geschichte zu inszenieren. Schünkel interessiert, wie ein Mensch eine derart extreme Situation erlebt – und wie er sich vom Täter zum Opfer entwickelt. Denn auch der fiktive Franz Walter ist Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit und hat sich schuldig gemacht.

Dafür bleiben die Regisseurin – selbst renommierte Fotografin – und ihr Kameramann Nikolai von Graevenitz immer ganz nah am Protagonisten. Den spielt Lars Eidinger so intensiv und komplex, dass in einigen Momenten sein Gesicht alles Wesentliche erzählt. Gleich in der ersten Einstellung des Films sehen wir ihn allein hinter Gittern. Nicht das Wo oder Warum wird gezeigt, sondern nur diese Kreatur, die langsam in Panik gerät.

Im Visier der Stasi

Und gleich darauf, nach einem Zeitsprung, ist er als junger glücklicher Mann zu sehen: Er macht der Frau, die er liebt, einen Heiratsantrag; er rechnet damit, nach einem einjährigen Studienaufenthalt im kenianischen Nairobi als Akademiker Karriere zu machen. Da hat die Stasi ihn schon im Visier: Die Rekrutierungsagenten machen ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann.

„Nahschuss“: Regie: Franziska Stünkel. Mit Lars Eidinger, Luise Heyer, Devid Striesow u. a., Deutschland 2021, 116 Min.

www.nahschuss-derfilm.de

Sein offener Blick, seine ein wenig naive Begeisterung, seine Überzeugung, dem sozialistischen Staat dienen zu wollen: All das spielt Eidinger mit der gleichen spontan wirkenden Lebendigkeit wie dann seine erste Irritation, als er die Anweisung erhält, Menschen zu täuschen, ihr Privatleben zu zerstören. Denn Walter wird auf einen Fußballer angesetzt, der in den Westen geflohen ist, dort für den HSV spielt und es „gewagt hat, durch seine Torschüsse den Jubel des Klassenfeindes“ zu wecken – so formuliert es ein Stasi-Offizier in der Einsatzbesprechung. Ein Beispiel dafür, wie genau Stünkel, die auch das Drehbuch geschrieben hat, den damaligen Ton trifft.

Auf einer Reise nach Hamburg genießt Walter alle Privilegien eines ostdeutschen Agentenlebens. Aber er hat auch wachsende Bedenken und leidet zunehmend darunter, dass er von seinen Eltern und Jugendfreunden immer mehr isoliert ist, die er ja belügen muss. Und dass er auch kein sonderlich guter Agent ist, zeigt sich, als er seine Flucht in den Westen zu planen beginnt – und seine Kollegen ihm schon nach den ersten Schritten auf die Spur kommen und ihn verhaften.

Von einer oder zwei kurzen Einstellungen abgesehen bleibt die Kamera ständig bei dem Protagonisten, und so hat das Publikum immer dessen Informationsstand: Ist seine Ehefrau (Luise Heyer) auch bei der Stasi und bespitzelt sie ihn? Oder ist das eine gezielte Lüge, die ihn mürbe machen soll? Ist der Prozess nur eine Farce? Der reale Teske wurde auf einen direkten Befehl des Stasi-Ministers Erich Mielke hin verurteilt. Arbeitet also auch Walters Verteidiger eigentlich gegen ihn? All das kann Walter nicht wissen, und so wissen wir es auch nicht.

Gründlich gearbeitet

Franziska Stünkel wurde 1973 in Göttingen geboren und studierte an den Kunsthochschulen in Kassel und Hannover. Sieben Jahre dauerte nun die Arbeit an „Nahschuss“, und es ist dem Film anzumerken, wie gründlich die Filmemacherin dabei vorgegangen sein muss: Da scheint jedes Wort und jedes Detail zu stimmen. Stünkel bemühte sich auch, möglichst an Originalschauplätzen zu drehen, in Hamburg etwa auf der Reeperbahn, am Elbstrand, im Tierpark Hagenbeck und im Hauptbahnhof.

Eben da kann man bei genauem Hinsehen dann doch eine kleine Ungenauigkeit mitbekommen: Die Kamera ist zwar wie üblich nur auf Eidingers Gesicht scharf gestellt, aber im Hintergrund ist diffus eine digitale Anzeigetafel zu sehen, wie es sie in den frühen 1980er-Jahren noch gar nicht gab. Bei dem sonst so präzisen Blick überrascht dieser kleine Fehler – andererseits hat Stünkel auch keinen historischen Ausstattungsfilm vorgelegt, sondern eine intime Charakterstudie mit realem Hintergrund.

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