Spielfilm „Ein leichtes Mädchen“

Kettenreaktion auf der Yacht

Rebecca Zlotowskis Film ist eine amoralische Antwort auf #MeToo. Im Mittelpunkt steht eine Frauenfigur, die selbstbestimmt und berechnend auftritt.

Zwei Frauen in einer grünen Landschaft

Ungleiche Cousinen: Zahia Dehar und Mina Farid in „Ein leichtes Mädchen“ Foto: Wild Bunch

In den Sommerferien passiert etwas. Prädestinierte Wochen zwischen Juli und August, in denen der Alltag aus den Angeln gehoben ist, verreist wird oder Reisende das vertraute, nicht selten auch langweilig gewordene Terrain der Daheimgebliebenen betreten. All das ist narrative Ausgangslage in Rebecca Zlotowskis neuem Film „Ein leichtes Mädchen“.

Die Besucherin heißt Sofia (Zahia Dehar), und es scheint gleich zu Beginn, als hätten die unergründlichen Weiten des Meeres diese Nixe angespült. In äußerst knapper Badekleidung rekelt sich Sofia da am Strand; Sand, Wasser, Sonnenschein auf dieser braunen Haut – nicht grundlos wird man als Zusehender sogleich in die Position eines Voyeurs gerückt. Das ist ein wenig unangenehm, aber zugleich auch sehr aufregend.

Ohnehin ist jene Aufregung, die nicht selten auch eine Erregung ist, wesentliches Element in „Ein leichtes Mädchen“. Rebecca Zlotowski ist nämlich zweifelsohne sehr daran gelegen, den erotischen Glamour, den Zahia Dehar von Haus aus mitbringt (160.000 Instagram-Follower, die Dehar beim Präsentieren teils selbst entworfener Reizwäsche beobachten, können nicht irren), möglichst demonstrativ in Szene zu setzen.

Damit wird Sofia nicht nur die Aufmerksamkeit so gut wie aller Männer zuteil, die sie auch nur aus dreißig Metern Entfernung erspähen – auch ihre 16-jährige Cousine Naïma (Mina Farid) hat Sofia sofort im Visier. Und so kann man sich manchmal nicht ganz sicher sein, ob die überbordende Erotik des Sommergastes nicht auch zu einem gewissen Grad der ungleich zurückhaltenderen Jüngeren geschuldet ist, für die Sofia etwas verkörpert, das ihr selbst (noch) fremd ist.

„Ein leichtes Mädchen“. Regie: Rebecca Zlotowski. Mit Zahia Dehar, Mina Farid u. a. Frankreich 2019, 92 Min.

Oder anders: Die Empfindungen Naïmas potenzieren die Anziehungskraft Sofias. Der Ort für einen solchen Energietransfer wurde von Zlotowski perfekt gewählt: Cannes. Bereits in der Vergangenheit bewies die Regisseurin ein gutes Händchen für das Setting, im 2013 erschienen „Grand Central“ etwa entspann sich eine Liebesgeschichte in einem Kernkraftwerk.

In Cannes ist davon freilich nichts zu sehen. Hier lebt Naïma allein mit ihrer Mutter und vom schillernden Gewese, für das der Küstenort verehrt wie verrufen ist, sind beide eher peripher betroffen. Sofia hält es da anders. Die Reichen ziehen sie an und die wiederum fühlen sich von ihr angezogen. Es ist eine andere Art von Kettenreaktion, die sich, wenn nicht in Reaktoren vollzieht, so doch auf Yachten.

Mit Sofia auf der Yacht

Rebecca Zlotowski inszeniert ihren Film satt und prickelnd, dessen Bilder – je nachdem, welche der beiden Frauen gerade das Zentrum ihres Interesses darstellt – entweder mondän, klassisch, auch überaus filmgeschichtsaffin anmuten, oder aber, hinsichtlich Naïmas, zeitgemäß und etwas kantiger. Hockt man mit Sofia auf einer Yacht und lässt sich von fremden Bewunderern Champagner servieren, während ein ozeanisches Blau in Wechselspiel mit bronzenen Teints und weißen Segelhosen gerät, würde man sich nicht wundern, wenn Tom Ripley alias Alain Delon auf einmal um die Ecke spaziert käme.

In „Ein leichtes Mädchen“ kommt es auch zu einer Entgrenzung

Und tatsächlich hat Zlotowski in ihrem Film nicht nur einen Cousinen-Plot untergebracht, sondern auch einen um eine ambivalente Männerfreundschaft, die sich auf jenem Boot abspielt, das Sofia und Naïma besteigen. Letztere wiederum, aus deren Perspektive sich das Sommergeschehen vollzieht, taucht zumindest anfänglich in altersgemäßen Kreisen auf, etwa an der Seite ihres Freundes Dodo. Der beäugt den Wandel Naïmas, der so eng mit dem Auftreten Sofias verwoben ist, kritisch. Denn in „Ein leichtes Mädchen“ kommt es auch zu einer Entgrenzung – irgendwann trägt Naïma ein Tattoo auf ihrem Körper, das sich so ähnlich auch auf Sofias wiederfindet.

Zlotowski erzählt, „Ein leichtes Mädchen“ sei auch als Reaktion auf die Weinstein-Affäre entstanden, obschon sie betont, das Thema habe sie schon lange vorher beschäftigt. Gemeinsam mit Dehar konnte sie eine Frauenfigur erschaffen, die sich selbstbestimmt, berechnend und hingebend in einer Welt verhält, die es einerseits sehr gut mit ihren Ankömmlingen meint, sie dann aber schnell wieder über die Reling stößt.

Die unangenehmste Prüfung widerfährt Sofia durch eine eifersüchtige ältere Frau, die es darauf anlegt, hinter ihrem geschickten Gebaren eine gähnende Leere zu entdecken. Zum Barometer wird die Kenntnislage über Marguerite Duras. Sofia besteht mit Bravour und lässt es sich nicht nehmen, den Auftritt mit einer kleinen Striptease-Einlage zu veredeln. Reaktionen, die Haydée Politoff in Éric Rohmers „La Collectionneuse“ (1965) eventuell nicht eingefallen wären, auf den sich „Ein leichtes Mädchen“ mehr oder minder explizit bezieht. Sowieso betont die Regisseurin den Einfluss Rohmers auf den Film – allein Zahia Dehar wäre ihr als Person erschienen, die direkt einem seiner Filme entsprungen sein könnte. „Ein leichtes Mädchen“, sagt Zlotowski, ist ihr amoralisches Sommermärchen.

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