Spielfilm „Der weiße Tiger“ auf Netflix: Nicht mehr dienen

Die Adaption des Buchs „Der weiße Tiger“ ist eine Satire auf das indische Kastensystem. Zugleich erzählt er von Ungerechtigkeit.

Balram (Adarsh Gourav, links) nimmt von Ashok (Rajkummar Rao) vor einem Auto eine edle Ledertasche entgegen.

Trotz abgeschafften Kastenwesens steht Balram (Adarsh Gourav, links) unter Ashok (Rajkummar Rao) Foto: Netflix

Balram (Adarsh Gourav) wurde in eine niedrige Kaste geboren. Obwohl bereits seit Mitte des letzten Jahrhunderts gilt, dass kein Inder aufgrund seiner (Nicht-)Zugehörigkeit zu einer bestimmten „Varna“ diskriminiert werden darf, sieht die Realität ganz anders aus. Verändert habe sich das Kastenwesen aber durchaus, wird später aus dem Off zu hören sein. Einfacher ist es geworden. Heutzutage gebe es nur noch zwei Kasten, zwei Bestimmungen: dicker oder dünner Bauch, fressen oder gefressen werden.

Damit sind Ton des Films und die wesentlichen Koordinaten im Leben seines Protagonisten eigentlich gesetzt. Doch ebenso wenig, wie sich dieser mit seiner vermeintlichen Bestimmung, sich am unteren Ende der Nahrungskette einzufinden, zufrieden gibt, hält sich Regisseur Ramin Bahrani („99 Homes“) mit kitschigen Aufstiegsgeschichten auf.

Dass Balram es aus der Armut herausschafft, verrät gleich zu Beginn der erzählerische Rahmen, in dem „Der weiße Tiger“, die Verfilmung des gleichnamigen Debütromans von Aravind Adiga, zum Sprung ansetzt. Modisch gekleidet in einem schicken Büro sitzend, tippt er eine ausführliche E-Mail an den damals amtierenden chinesischen Premierminister Wen Jiabao.

Da dieser nach Bangalore kommt, um mit indischen Unternehmern zu sprechen, möchte er ihm seine eigene Transformation nahebringen. Und die hat weder viel mit romantischen Erlösungsmärchen nach „Slumdog Millionär“-Manier noch den neoliberalen Erfolgsstorys im Stile von „Hillbilly-Elegie“ gemein. Eher verhöhnt sie sie.

Ein anderes Leben führen

Der aus dem Off vorgelesene Text der E-Mail zieht sich als roter Faden durch den Film. Chronologisch erzählt wird in satt-gelben, körnigen Bildern zunächst von Balrams Herkunft: Als Kind erhält er, dank seines Verstandes, Aussicht auf Bildung. Doch da hat sich sein Vater bereits krummgeschuftet, ist an Tuberkulose erkrankt und stirbt schließlich, weil er keine medizinische Behandlung erhält. Damit ist Arbeiten angesagt und alle schulischen Aspirationen sind vom Tisch.

„Der weiße Tiger“. Regie: Ramin Bahrani. Mit Adarsh Gourav, Rajkummar Rao u. a. Indien/USA 2021, 125 Min. Läuft auf Netflix

Als die Leiche des Vaters verbrannt wird und sich die Muskeln zusammenziehen, sieht es für den Sohn so aus, als würde er sich gegen einen vorschnellen Tod aufbäumen. Der Anblick wird zum Erweckungsmoment, ein anderes Leben führen zu wollen. Als er den Großgrundbesitzer (Mahesh Manjrekar), der auch in seinem Dorf Schulden eintreibt, zum ersten Mal sieht, beschließt er, dessen Fahrer zu werden. Mit großen Mühen gelangt er an sein Ziel – aber das präsentiert sich anders als erwartet.

Statt den erwachsenen Sohn Ashok (Rajkummar Rao) und dessen Verlobte Pinky (Priyanka Chopra Jonas) zu chauffieren, ist er nützlicher Lakai, der zu jeder Zeit in jedem Ton für jegliche Aufgabe herbeizitiert wird. Gleich lebendem Inventar, hat er allen Anweisungen Folge zu leisten – und scheint damit anfänglich kein Problem zu haben.

Indien gleiche einem Hühnerkäfig, in dem 99,9 Prozent der Bevölkerung gefangen seien, sagt er aus dem Off. Sie sähen das Blut ihrer Vorgänger, röchen es sogar, aber unternähmen doch nichts. Zu sehr sei die Pflicht zu dienen in ihnen verankert.

Die Kritik, die indische Bevölkerung stereotyp darzustellen, muss sich der Film angesichts derartiger Urteile gefallen lassen. Seine Zuspitzungen, die die Gesellschaft in Dienende und Herrschende teilen, machen „Der weiße Tiger“ allerdings zugleich zu einer Parabel, die sich auf andere Ungerechtigkeitsverhältnisse unserer Zeit übertragen lässt.

Kein versöhnlicher Film

„Der weiße Tiger“ ist kein versöhnlicher Film, denkt gar nicht an schale Kompromisse. Die Verve, mit der der iranisch-amerikanische Filmemacher Ramin Bahrani sich an den sozialen Ungerechtigkeiten abarbeitet, hat er aus der gleichnamigen Buchvorlage übernommen. Aravind Adigas Roman, der 2008 mit dem Booker-Prize ausgezeichnet wurde, ist Bahrani nicht nur gewidmet, er war auch in den Entstehungsprozess involviert.

Seit ihren Studientagen an der Columbia University seien die beiden befreundet, seit damals hätten sie es sich zum Ziel gemacht, „die Kraft von Geschichten“ und „die ökonomisch Ausgeschlossenen“, „die unsichtbaren Menschen“ zusammenzubringen, sagt Adiga in der Financial Times.

Die Symbiose ist geglückt. Doch trotz seiner Vehemenz ist kein zermürbender Film entstanden. Im Gegenteil: Das Spektrum reicht von frappierend leichtfüßigem Witz bis zu beißendem Sarkasmus. Von nach Mitleid heischendem „poverty porn“ ist man weit entfernt: Auf einen zweiten Erweckungsmoment, in dessen Zentrum der islamische Philosoph Muhammad Iqbal mit den Worten zitiert wird, dass man mit dem Erkennen der Schönheit in der Welt aufhöre, ein Sklave zu sein, folgt Balrams radikale Selbstermächtigung.

Von nun an kein Diener mehr sein, „non serviam“ – ein Credo, das nicht umsonst auf Luzifer zurückgeht. Auch Balram wird durch ein sich früh abzeichnendes Verbrechen nicht nur zum gefallenen Engel, sondern auch zum Herrscher über sein eigenes Reich. Dass er dem Publikum wider besseres Wissen weder als Sympathieträger verloren geht noch eine abschließende Läuterung erfährt, ist wohl das Radikalste an „Der weiße Tiger“.

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