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Spenden als moralische Notwendigkeit Politur fürs Gewissen

Arno Frank gibt nicht gerne. Je dringlicher die Bitte nach einer Spende, einer milden Gabe, desto größer ist sein Ekel vor sich selbst – und der Welt.

Immer schön geben, bitte Foto: picture alliance/dpa | Elisabeth Edich

taz FUTURZWEI | Vor dem Rewe, in dem ich einkaufen gehe, kniet ein Mann vor einer Mütze mit Münzen und einem Pappschild mit der Aufschrift: „BITTE KLEINE SPENDE FÜR KRANKE KIND.“

Der Mann begrüßt jeden Kunden mit persönlichem Blickkontakt, gewinnendem Lächeln und einem schwungvollen: „Schö’ne Ta’g!“ Irgendwann habe ich angefangen, ihm ebenfalls einen schönen Tag zu wünschen, obwohl er Tag für Tag nichts anderes tut, als vor dem Eingang vom Rewe zu knien und den Leuten einen schönen Tag zu wünschen, was sooo schön nicht sein kann.

Nie sitzt er, immer kniet er dort, und das schon seit über einem Jahr. Dieses Kind, denke ich manchmal, muss wirklich eine hartnäckige Krankheit haben.

Bild: Maximilian Goedecke
Arno Frank

Arno Frank ist taz FUTURZWEI Kolumnist („Nachrichten aus dem falschen Leben“) und Schriftsteller. Zuletzt erschien sein Roman „Ginsterburg“ (Klett-Cotta, 2025). Arno Frank lebt in Wiesbaden.

Geben als moralische Notwendigkeit

Weil ich prinzipiell mit EC-Karte einkaufe, habe ich nie Bargeld dabei. In all der Zeit hat der Bettler von mir deshalb nur zwei Euro bekommen, als ich einmal guter Laune war und zufällig die Münze in meiner Hosentasche ertastete. Seiner Freundlichkeit tut das keinen Abbruch. Höchstens die performative Unterwürfigkeit, mit der er seiner freischaffenden Erwerbstätigkeit nachgeht, empfinde ich als passiv-aggressiv. Dieses Rumgeknie auf dem Bordstein.

Es erinnert mich immer an eine meiner unangenehmsten Charakterschwächen: Ich gebe ungern. Zumindest dann, wenn mir das Geben als moralische Notwendigkeit verkauft wird.

Dabei würde ich sagen, dass der automatische Seifenspender im ICE durchaus geiziger ist als ich. Mit Trinkgeld beispielsweise werfe ich nur so um mich, als wäre ich ein arabischer Scheich oder ein russischer Oligarch. Nie, wenn mich Display fragt, ob ich lieber 5, 10 oder 25 Prozent geben würde. Gerne aber mache ich Taxifahrerinnen, Möbelpackern oder Kellnerinnen mit einem dezenten „Passt so!“ eine Freude.

Vielleicht rühren mich Leute, die trotz der obwaltenden Verhältnisse jeden Tag aufstehen, irgendwo hingehen und dort dann ihren verdammten Job machen. Je dringlicher aber die Bitte nach einer milden Gabe, je hohlwangiger der Junkie, je zitternder die ausgestreckte Hand, je tränenfeuchter die Kinderaugen, desto größer mein Ekel vor mir selbst und der Welt.

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Geben statt kompensieren

Wäre ich ein Mensch des 15. Jahrhunderts, könnte ich mich mit einem Ablass hier, einem Obolus dort oder sonstigem Hokuspokus von meinem Anteil am Elend reinwaschen. Bin ich aber nicht. Speziell das vorweihnachtliche Gebimmel mit dem Klingelbeutel, diese „Last Minute“-Politur für mein eigenes Gewissen macht mich spendenskeptisch. Ich gebe dem Arbeiter-Samariter-Bund. Einfach, weil mir der verschwitzte Typ, der eines heißen Sommertages an meiner Tür klingelte, so leidgetan hat. Ich gebe dem Tierheim. Einfach, weil es unsere Hündin aus der rumänischen Tötungsstation befreit hat. Ich gebe der Kindernothilfe. Einfach, weil ich auch mal ein Kind in Not gewesen bin. Fertig.

Weder „kompensiere“ ich geflogene Kilometer noch bemühe ich mich um das Aufforsten der Regenwälder. Weder backe ich Brot für die Welt noch ermögliche ich Ärzten in Gaza die Anschaffung neuer Dialysegeräte. Weder hege ich präventiven Groll gegen spendable Zeitgenossen noch habe ich eine edgy Begründung für mein eigenes Verhalten.

Womit ich auch nicht behauptet haben möchte, dass Spenden nicht schon Menschen oder Projekten aus der Patsche oder auf die Sprünge geholfen haben. So richtig einleuchten will mir trotzdem nicht, wie die globale Gesamtscheiße ausgerechnet durch ihre Privatisierung aus der Welt zu schaffen wäre. Hunger, Armut, Krankheit, Umwelt – die allermeisten Übel, deren Symptome ich mit meiner Spende millimetermäßig abfedern könnte und nebenbei mein Gewissen anästhesiere, könnten durch staatliche Anstrengungen wirklich gelindert werden. Ach, dem Staat spende ich auch. Einfach, weil mich schon diese Säumniszuschläge nervös machen.

Neulich war ich wieder im Rewe und habe wieder nichts gegeben. Auf der Straße eine alte Dame mit Rollator, die überreichte dem Mann einen seidenen Schal, den könne er vielleicht gebrauchen. Er schien sich aufrichtig zu freuen: „Schön’e Ta’g!“

🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe N°35 unseres Magazins taz FUTURZWEI mit dem Titelthema „Das Wohnzimmer der Gesellschaft“ – erhältlich im taz Shop.