Spahn, „Nius“ – und aber Ewald Lienen: „Betagte Onkels und Tanten übernehmen die Doppelruine“
Heiß konnte es immer schon mal werden, aber eben nicht menschengemacht! Die Intrige gegen Merz erscheint dagegen Spahn-gefertigt. Und die FDP? Really?
t az: Herr Küppersbusch, was war schlecht in dieser Woche?
Friedrich Küppersbusch: Spiegel online hängt in einer Murmeltierschleife mit irgendwelchen Nazi-Karteien fest.
taz: Und was wird besser in der nächsten?
Küppersbusch: Vielleicht finden sie die AfD-Mitgliederkartei.
Sie wollen beim Googeln taz-Texte besser finden? Dann können Sie mit einem Google-Konto die neue Funktion „bevorzugte Quellen“ nutzen. Um die taz hinzuzufügen, müssen Sie nur diesen Link anklicken und einen Haken setzen.
Sie wollen Google lieber meiden? Dann nutzen Sie doch DuckDuckGo oder Ecosia.
taz: Die WM steht vor der Tür, wie sehr werden die Menschen zu Patrioten in den kommenden Wochen?
Küppersbusch: Schade, dass kein Spieler wie der legendäre Friedensaktivist und DKP-Kandidat Ewald Lienen in Nagelsmanns Aufgebot dabei ist. „Trump-Regime verbietet deutscher Mannschaft die Einreise“ wäre doch geiler als in der Vorrunde rausfliegen wie immer.
taz: Es gibt Gerüchte darüber, dass Kanzler Merz abgesetzt werden solle. Kann sich Jens Spahn schon mal warmlaufen?
Küppersbusch: Soll? Ist! Spahns Warmlaufen besteht genau darin, seine Springer-Fanboys ein wüstes Wüst-Gerücht herausplästern zu lassen. Ergebnis: Merz wird schärfer infrage gestellt und so weiter demoliert. Wüst muss schicklich unziemliche Ambitionen dementieren. Zugleich orchestrieren Medien eine Söderdämmerung in Bayern und weiß in der Union jeder: Wüst müsste man zum Jagen tragen, sein präsidiales Image und das Wort „Putsch“ leben in unterschiedlichen Sonnensystemen. Kurz: Die zugegeben frivole Frage „Wem hat das alles genutzt“ findet ihre überraschende Antwort in – Jens Spahn.
taz: Die FDP wurde für tot erklärt. Was kann Kubicki noch reißen?
Küppersbusch: Die Lindner-Erzählung war: In einem großen, alten, morschen und verkalkten mittelständischen Unternehmen gründet der Enkel ein schickes Start-up und erfindet den ererbten Laden (Erbschaftsteuern runter!) neu. Das hat funktioniert, war gelogen, ist gescheitert. Das neue Narrativ wäre also, dass ein paar betagte Onkels und Tanten nun die Doppelruine übernehmen. Die Sesamstraße wird jetzt aus der Loge von Waldorf und Statler regiert. Kubickis neuer Generalsekretär Martin Hager führt die Lobbygruppe „Republik 21“, die sich mit 2 Millionen Euro Steuergeld aus dem Bundespresseamt abmüht, der Union die Brandmauer auszureden. Seine FDP würde nicht mit der AfD koalieren, verspricht Kubicki, zugleich sollte das die Union aber mal nicht ausschließen. Damit schnurrt die neue FDP auf eine Art „Weißer-Kragen-Rechtspartei“ zusammen und grüßt damit aus den 50ern, wo die AfD zu Hause ist.
taz: Der ungarische Regierungschef Magyar kämpfte diese Woche für die Freigabe von EU-Geldern in Brüssel. Erfüllt Ungarn ohne Orbán jetzt die Voraussetzungen dafür?
Küppersbusch: Ich glaub, so was nennt man „Vorschuss“.
taz: „Nius“ macht Werbung in der BVG. Würden Sie das verbieten, wenn Sie könnten?
Küppersbusch: „Nius“ macht vor allem moribunde Verluste, 33 Millionen Euro ausweislich der öffentlichen Zahlen aus 22–24. Das finanzieren wir übrigens alle mit, wenn wir Arztpraxen konsultieren, wo Mäzen Gotthardts Medizin-Software installiert ist. Unter Gesundheitsminister Spahn soll sein Business besonders gut gelaufen sein. Stichwort: Zwangsgebühr. Jedenfalls brennt da auch lichterloh viel Geld für digitale und andere Werbung ab, günstigere Empfehlungen für „Nius“ etwa bei Youtube. Wie man es mit dieser Riesenkohle schafft, nur 524.000 Gratis-Abonnenten einzusammeln, bleibt erstaunlich. Zumal, wenn man dagegen journalistische Kanäle betrachtet wie „Jung & Naiv“ (614.000 Abos) oder „Parabelritter“ (706.000 Abos) und viele andere. Und die sind, eher taz-Style, crowd- und userfinanziert. Dass „Nius“ nicht aus sich heraus überzeugt, sondern Werbung und Reichweite kauft, ist offensichtlich. Um so erstaunlicher: Andere Medien fallen drauf rein und verwechseln das mit Relevanz.
taz: Europa hat der sogenannte Heat Dome erreicht. Helfen fancy Begriffe dabei, dass die Leute endlich verstehen, wie arg die Erde erhitzt ist?
Küppersbusch: Die vordergründige Erklärung mit einem Hitzestau unter einem hermetischen Hochdruckdeckel – „Heat Dome“ eben – ist die gleiche, wie sie vor 100 Jahren gewesen wäre. Nur eben auf einer bereits rund 1,5 Grad menscherwärmten Erde. Letzteres fällt in der Berichterstattung gern hinten runter, kennt man, nichts Neues, Miesepeterkram.
taz: Und was macht der RWE?
Küppersbusch: Ja, Mist. Erst in der Relegation knappst gescheitert, und prompt gehen jetzt mal gleich acht Spieler. Manche werden zweite Liga spielen, halt ohne RWE.
Fragen: Viktoria Isfort, alec
Nur noch 390 – dann sind wir 50.000
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 390 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert