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Soziologe Rosa über Krise und Populismus „Den Idioten könnte ich allen eine reinhauen“

Alles ist geregelt, vieles funktioniert trotzdem nicht. Wir bräuchten wieder mehr echte Spielräume, in denen Menschen situationsangemessen urteilen und handeln können, meint Hartmut Rosa im Interview.

taz FUTURZWEI: Herr Professor Rosa, sind wir als liberal-emanzipatorische Gesellschaft in der Nachspielzeit und liegen gegen die Autoritären zurück?

Hartmut Rosa: Das klingt ein bisschen düster. Ich würde erst einmal vorschlagen, nicht von Nachspielzeit zu reden, sondern von Zwischenspielzeit. Denn Nachspielzeit würde heißen, es geht sowieso zu Ende.

taz FUTURZWEI: Wir gehen davon aus, dass das, was gerade als Rollback passiert, keine vorübergehende Anomalie ist, sondern dass jetzt richtig gehandelt werden muss. In Ihrem neuen Buch Situation und Konstellation diagnostizieren Sie aber, dass Handlungsfähigkeit aufseiten der Subjekte immer kleiner wird. Warum?

Hartmut Rosa: Ich würde der Diagnose zustimmen, dass im Moment vieles nicht mehr greift. Zum Teil ist die Lage sogar katastrophisch. Zur Begriffsklärung: Mit Situation meine ich Momente, in denen wir aktiv selbst urteilen, reagieren und handeln. Konstellation ist ein Zustand, in dem wir nur noch vorgegebene Protokolle, Algorithmen oder bürokratische Abläufe erfüllen. Jetzt sind wir allerdings in vielerlei Hinsicht nicht einmal mehr in der Lage, die konstellativen Vorgaben und Regeln zu erfüllen, etwa in den ökologischen und den Kriegsfragen. Da kommt es zu einem Rationalitätszusammenbruch.

Die konstellative Idee und die Realität fallen zu weit auseinander. Zum Beispiel die Deutsche Bahn, diese Trottel.

taz FUTURZWEI: Konkret?

Hartmut Rosa: Was ein Lehrer alles erfüllen und können muss, um als Lehrer eingestellt zu werden, ist gigantisch. Aber dann fehlen so dermaßen viele Lehrer, dass sie den Nächstbesten von der Straße nehmen. Auch bei den Pflegeeinrichtungen ist das so. Daran sieht man: Die konstellative Idee und die Realität fallen zu weit auseinander. Zum Beispiel die Deutsche Bahn, diese Trottel.

taz FUTURZWEI: Oje.

Hartmut Rosa: Die haben ihre Fahrplanauskünfte auf die Minute genau geregelt. Früher stand da: Etwa 20 Minuten Verspätung. Da wusstest du: Der Zug hat Verspätung. Jetzt steht da: Der Zug kommt 11.42 Uhr statt 11.30 Uhr. Aber es stimmt halt nicht. Oft fahren Züge dann sogar vor der angegebenen Verspätungszeit, und dann zucken die Angestellten mit den Schultern. Ist halt so. Neulich hieß es am Flughafen Frankfurt – okay ich bin geflogen und komme in die Hölle – der nächste Zug fällt aus, nehmen Sie den Zug nach Frankfurt Hauptbahnhof. Dort steht ein Anschlusszug, der extra dafür 10 Minuten wartet. Das haben sie gesagt. Das stand auch an der Tafel. Aber der Zug fuhr leider pünktlich los. Sie hatten vergessen, den Zugführer zu informieren. Rationalitätszusammenbruch, weil keiner mehr situative Urteilskraft einsetzt.

taz FUTURZWEI: Ja, gut, die Deutsche Bahn.

Hartmut Rosa: Nein, nein, es kommt in vielen Bereichen zu solchen Ausfällen. Stuttgart 21: Es gibt nicht mal mehr ein Datum, sie wissen gar nichts. Gleiches gilt für Atommüll-Endlager. Diese konstellative Logik, dass alles berechenbar, messbar, verlässlich sein muss, die kriegt die Wirklichkeit nicht mehr in den Griff. Kriege, Völkerrecht: Wir sind sogar zivilisatorisch in einer Situation, wo du Augenmaß und Fingerspitzengefühl brauchst, wo du dich nicht mehr auf Verträge und Zusagen und Kataloge verlassen kannst. Urteilskraft, Augenmaß und Fingerspitzengefühl sind meine Lieblingsbegriffe. Aber diese Tugenden sind uns nicht einfach gegeben, sie fallen nicht vom Himmel. Sie müssen kulturell eingeübt und erwartet werden. Wir bewegen uns aber in Kontexten, in denen das gar nicht mehr gefragt ist, deshalb brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir sie nicht mehr ausprägen.

Man ändert die Regeln so, dass man Spielräume zurückgewinnt. Vielleicht ist es überraschend, vielleicht auch nicht, dass gerade auch Unternehmer auf mein Buch abfahren.

taz FUTURZWEI: Seit Angela Merkel ist uns aufgefallen, dass auch Politiker nur noch in Krisensituationen handeln oder handeln zu können glauben.

Hartmut Rosa: Auch für Politiker ist ja die Frage: Was kann ich in dieser Situation tun? Ich finde es ganz wichtig, dass politische Akteure sich wieder als Akteure begreifen und nicht sagen, ich kann da leider nichts machen, das ist die Logik des Parlaments, der Koalition, der EU-Verträge oder sonst etwas. In dieser Phase der extremen Volatilität und Unberechenbarkeit ist es umso wichtiger, dass jeder Einzelne Verantwortung für eine Situation übernimmt, in der er sich Handlungsspielräume auch einfach wieder holen muss.

taz FUTURZWEI: Das sagen Sie so einfach.

Hartmut Rosa: Es gibt einen Fall, da haben Pflegestationen, konkret die Caritas Hochrhein, konstellative Vorgaben abgebaut, in Übereinstimmung mit den Krankenkassen. Es wird wieder situationsangemessen gepflegt. Man ändert die Regeln so, dass man Spielräume zurückgewinnt. Vielleicht ist es überraschend, vielleicht auch nicht, dass gerade auch Unternehmer auf mein Buch abfahren. Unternehmer wünschen sich Spielräume, und ich sage ihnen dann immer: Ja, aber gib auch den Angestellten an jeder Arbeitsstelle Spielräume zum Handeln, dass sie sich als Handelnde verstehen können und nicht als ausführende Organe.

Hartmut Rosa

Der Mann: Soziologe und Politikwissenschaftler. Direktor des Max-Weber-Kolleg in Erfurt. Lehrt Soziologie an der Universität Jena. Seine Theorie der sozialen Beschleunigung sagt, dass die technische Beschleunigung der Welt nicht zu mehr Zeit geführt hat, sondern das komplette Lebenstempo beschleunigt.

Jahrgang 1965. Geboren in Lörrach. Lebt in Grafenhausen im Schwarzwald.

Das neue Buch: Situation und Konstellation: Vom Verschwinden des Spielraums. Suhrkamp 2026 – 247 Seiten, 20,00 Euro

Der Klassiker: Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp 2016 – 816 Seiten, 22,00 Euro

taz FUTURZWEI: Was ist das Problem?

Hartmut Rosa: Meine Diagnose lautet, dass menschliches Handeln, menschliches In-der-Welt-sein immer bedeutet, sich in Situationen zu finden, die komplexe Gebilde sind. Egal, ob wir im Klassenzimmer stehen oder einkaufen gehen, nach Hause kommen oder ins Büro, man findet immer eine Situation vor, die man erstmal deuten muss. Worum geht es gerade? Was ist gerade zu tun, zu verändern oder zu erledigen, was ist angemessen, was ist gerecht?

taz FUTURZWEI: Ja, gut, und?

Hartmut Rosa: Die These lautet, dass wir heute sehr häufig diese Urteilskraft nicht mehr anwenden, weil es ganz klare Ablaufregeln gibt, die ein Handeln vorgeben, völlig egal, was jeweils die konkrete Situation ist. Das hängt einerseits an bürokratischen Vorgaben, an Plänen und an Protokollen, und andererseits an den technischen Umsetzungsmöglichkeiten. Das nenne ich Konstellation. Die Folge davon ist, dass ich tue, was mir gesagt wird oder was vorgeschrieben ist, was das Protokoll sagt oder der Algorithmus vorschlägt. Dadurch bilde ich keine Urteilskraft und kein Fingerspitzengefühl mehr aus.

Mir schwebt vor, dass man auch im Kleinen, und zwar wirklich im Kleinen, situationale Verantwortung übernimmt, und nicht konstellative.

taz FUTURZWEI: Und nun die Lösung?

Hartmut Rosa: Mir schwebt vor, dass man auch im Kleinen, und zwar wirklich im Kleinen, situationale Verantwortung übernimmt, und nicht konstellative. Deshalb brauche ich dafür Beispiele, weil das die Morphologie des Problems offenlegt.

taz FUTURZWEI: Das bezieht sich auf eine Buchrezension des Kollegen Christoph Möllers, der Ihnen Anekdotismus vorwarf.

Hartmut Rosa: Ich führe Anekdoten aber nicht an, um etwas zu beweisen, sondern um etwas deutlich zu machen.

taz FUTURZWEI: Bitte.

Hartmut Rosa: Eine typische konstellative Vorgabe sind Brandschutzregeln. Ich war gerade in der Schweiz mit Vertretern der Kantonsregierungen auf einer Veranstaltung, die Brandschutzregeln lockern wollte. Viele dieser Regeln behindern zum Beispiel in Schulen oder Krankenhäusern das, was der Situation von Kindern oder Kranken angemessen wäre. Das ist konstellativer Vollzug, und es gibt die konstellative Verantwortung, die der Brandschutzbeauftragte hat. Und das killt ganz oft soziales Leben und auch das situationsangemessene Handeln.

taz FUTURZWEI: Wir nehmen an, die Regeln wurden nicht gelockert?

Hartmut Rosa: Nein. Da war doch gerade dieses Riesenfeuer in Crans-Montana, das mehr als 40 Menschen das Leben gekostet hat. Daraufhin haben sie gesagt, eigentlich müssen wir die Regeln jetzt verschärfen. Was heißt das? Noch mehr Kontrollen, die Sicherheitswege müssen noch breiter sein, die Vorschriften für die Türen noch besser, die Deckenhöhen noch höher, die Materialien noch brandsicherer. Konstellative Verantwortung heißt dann, jeder ist dafür verantwortlich, dass die Regeln eingehalten werden. Damit kann man dann bei einem Brand auch sagen, ich bin dafür nicht verantwortlich, ich habe ja den Vorschriften gemäß gehandelt.

Situative Verantwortung würde bedeuten, in einer bestimmten Situation sinnvolle Maßnahmen zu ergreifen, Augenmaß und Urteilskraft einzusetzen.

taz FUTURZWEI: Worauf wollen Sie hinaus?

Hartmut Rosa: Situative Verantwortung würde bedeuten, in einer bestimmten Situation sinnvolle Maßnahmen zu ergreifen, Augenmaß und Urteilskraft einzusetzen – etwa eine zusätzliche Fluchttür aufzuschließen, wenn es sehr voll ist. Ich tue nicht, was vorgeschrieben ist, sondern übernehme Verantwortung für die Situation und dafür brauche ich Fingerspitzengefühl und Urteilsvermögen. Gegebenenfalls verstoße ich dabei auch gegen bestehende Regeln.

taz FUTURZWEI: Ich habe meinem Sohn beigebracht, als er klein war, bei Rot über die Straße zu gehen. Er hat das gelernt und überlebt.

Hartmut Rosa: Genau das meine ich. Du schaust beim Überqueren der Straße selbst und klärst: Wann kommt das Auto? Wie weit ist der Weg? Könnte noch ein Auto von woanders herkommen? Wie eilig habe ich es? Ist es angemessen, jetzt über diese komplizierte Kreuzung zu gehen? Das Gegenbeispiel ist, wenn Leute überfahren werden, die bei Grün über die Straße gehen. Sie gehen konstellativ regelgerecht und schauen deshalb überhaupt nicht, ob da vielleicht doch ein Auto kommt.

taz FUTURZWEI: Die Einführung von Regeln hat ja meist den Zweck, etwas besser, sicherer, gerechter zu machen.

Hartmut Rosa: Ich sage ja auch nicht einfach, wir sollten Konstellationen, also Regeln, Vorschriften und Protokolle, aufgeben. Aber wir sollten sie stärker als Hilfsmittel begreifen. Natürlich ist die Verrechtlichung ein großes Problem. Wenn etwas passiert, ist die Frage, wer hat die Regeln nicht eingehalten? Die Duisburger Love Parade damals mit 19 Toten war ein Beispiel, an dem man sieht: Es ist ein Zusammenspiel ganz ganz vieler Dinge, die diese Katastrophe verursacht haben. Das kriegt man konstellativ ganz schlecht in den Griff. Es ist möglich, dass jeder die Regeln einhält, und das Unglück passiert trotzdem, weil der Blick für die Spezifik der Situation gefehlt hat. Urteilskraft erfordert eine spezifische Form von Weitwinkel-Aufmerksamkeit.

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taz FUTURZWEI: Bürokratieabbau fehlt im Moment in kaum einer Wahlkampfrede.

Hartmut Rosa: Ja, aber die Politik verspricht uns Bürokratieabbau mindestens seit den 1970er-Jahren. Es gelingt nicht. Und warum nicht? Weil die Situationen, die das Leben produziert, komplexer sind als das, was du mit Regeln konstellativ erfassen kannst. Das Leben lässt sich nicht in Konstellationen pressen. Und deshalb hast du immer eine Ausnahme und immer noch eine Zusatzregel, um die Ausnahme auch noch in den Griff zu kriegen. Und noch eine und noch eine. Aber es reicht nie. Das ist es, was die Bürokratie wuchern lässt.

taz FUTURZWEI: Herr Rosa, ich bin ja ein spätmoderner Mensch. Und ich fühle mich im Moment gar nicht gefesselt. Eigentlich habe ich eher das Gefühl, dass ich meine Möglichkeiten nicht ausschöpfe, die mir in dieser liberal-emanzipatorischen Gesellschaft gegeben sind. Was machen Sie damit?

Hartmut Rosa: Meine ganze Argumentation hängt an dem Begriff der Situation. Optionen oder Optionenvielfalt sind nicht das Gleiche wie Situationen. Ich unterscheide zwischen Kontingenzräumen und Spielräumen. In vielerlei Hinsichten haben wir einen unendlichen Kontingenzraum, also zum Beispiel bei Spotify. Da kann ich zehn Millionen oder noch mehr Musiktitel hören. Ich kann auch überall hinreisen. Eine massive Zunahme von Kontingenz, bei der ich wählen muss, ohne die Folgen absehen zu können, ist aber nichts, was Handlungsfähigkeit erhöht. Genau genommen ist das etwas, was die Möglichkeit untergräbt, Urteilskraft sinnvoll einzusetzen. Wo gewinne ich meine Informationen über die Welt? Da habe ich ja inzwischen eine Explosion von Webseiten und Informationskanälen. Das ist aber keine Expansion von Spielraum. Im Gegenteil : Ich weiß überhaupt nicht mehr, wo und wie ich mich informieren soll, ich kann die Situationen nicht mehr lesen.

taz FUTURZWEI: Definieren Sie doch bitte, was Sie mit Spielraum meinen.

Hartmut Rosa: Der Begriff Spielraum kommt bei mir eher aus dem Handwerk als aus dem Spielen. Ein Zimmermann, der eine Tür einbaut, oder eine Zimmerfrau, sagt: Die Angel muss ein bisschen Spiel haben, denn im Sommer dehnt sich das Material aus, im Winter zieht es sich zusammen. Die Beweglichkeit erlaubt es, Situationsangemessenheit herzustellen. Das ist etwas ganz anderes als ein endloser Optionsraum, den Menschen vor sich haben. Das Netz zerstört vielmals die lesbaren Konturen von Situationen, sie heben die Welt sozusagen aus der Angel.

taz FUTURZWEI: Wenn ich in einem denkmalgeschützten Haus wohne, möchte ich mir ein Solarpanel aufs Dach stellen, habe aber keinen Spielraum dafür, weil das verboten ist. Das scheint planetarisch, ökonomisch und sicherheitspolitisch unangemessen.

Hartmut Rosa: Sie brauchen zur Beantwortung der Frage Urteilskraft, Augenmaß, Fingerspitzengefühl, um zu erkennen, ob die Situation sinnvollerweise eine Ausnahme zulässt. Eine abstrakte Regel könnte lauten: Wenn das Haus älter als 250 Jahre ist, darf kein Solarpanel drauf. Aber es kann auch sein, dass Sie ein wirklich fantastisches, fein ziseliertes Gebäude haben, das 249 Jahre alt ist und ein Solarpanel würde den ganzen Charakter des Hauses killen. Vielleicht haben Sie aber ein 500 Jahre altes Haus, für das sich ein Solarpanel ideal anbieten würde, weil man es gar nicht sieht. Das geht also gar nicht anders als mit Augenmaß und Fingerspitzengefühl. Die Frage ist, wie die Gesellschaft das hinkriegt.

Wo es Spielräume gibt, da braucht man Urteilskraft.

taz FUTURZWEI: Wie?

Hartmut Rosa: Da wird es schwierig. Wo es Spielräume gibt, da braucht man Urteilskraft. Die kann aber auch fehlen oder falsch angewendet werden. Dann können falsche Entscheidungen getroffen werden, die katastrophale Konsequenzen haben. Dennoch finde ich: Denjenigen, die entscheiden, sollte Urteilskraft zugemutet werden und die sollten einen bestimmten Spielraum haben.

taz FUTURZWEI: Entscheidet das dann jeder selbst?

Hartmut Rosa: Besser wäre ein Experte, der eine konkret auf diese Situation bezogene Entscheidung fällt. Das Problem ist: Der kann bestochen sein oder parteiisch, der kann von der Solarpanel-Industrie bezahlt werden oder von mir aus auch vom Denkmalschutz. Deshalb müssten wir als Gesellschaft sozusagen Ombuds-Institutionen einrichten. Ich nenne das Metasupervision.

taz FUTURZWEI: Oje. Das ist dann aber die nächste Institution und bringt die nächste Konstellation.

Hartmut Rosa: Die Gefahr sehe ich. Meine Idee ist aber, ganz viele konstellative Vorgaben abzuschaffen. Diese Metasupervision würde nicht einem konstellativen Prinzip folgen.

Die Ausgangsidee sollte sein: Das machen ausgebildete und moralisch verantwortliche Akteure, die diese Spielräume richtig nutzen wollen und dafür Augenmaß und Fingenspitzengefühl trainieren. Nur da, wo es richtig schief geht, greifen wir ein.

taz FUTURZWEI: Sondern?

Hartmut Rosa: Sie würde situative Angemessenheit prüfen. Ich habe den Fall genannt, wo Pflegestationen konstellative Vorgaben abgebaut haben und situativ pflegen. Die Metasupervision käme nur dann zum Einsatz, wenn man in einem Dorf feststellt, dass dreimal mehr Menschen gestorben sind, weil sie schlecht gepflegt wurden. Oder wenn an einem anderen Ort die Pflegefälle viermal mehr kosten als in allen anderen. Ich glaube nicht, dass das zu konstellativem Wucher führen würde. Die Ausgangsidee sollte sein: Das machen ausgebildete und moralisch verantwortliche Akteure, die diese Spielräume richtig nutzen wollen und dafür Augenmaß und Fingenspitzengefühl trainieren. Nur da, wo es richtig schief geht, greifen wir ein. Die Gesellschaft geht aber davon aus, dass Menschen, die Spielräume haben, sie grundsätzlich falsch nutzen. Deshalb kommt es zum Konstellationismus.

taz FUTURZWEI: Versuchen wir eine sozialpsychologische Übertragung: Die Leute in der DDR wollten Freiheit, weil sie autoritär-konstellativ total eingeschränkt waren und dann kommen sie in unsere liberale Demokratie der Verrechtlichung und Verregelung, und nicht wenige sind frustriert und wählen AfD. Ist das eine mögliche Interpretation?

Hartmut Rosa: Im Westen werde ich immer mal gefragt: Wollen die Ossis denn die DDR zurück? Völliger Quatsch, das wollen sie nicht. Das Argument ist andersherum: Sie sagen, es ist hier schon wieder genauso, wie es bei uns war. Es gibt den Eindruck, dass die Handlungsmöglichkeit beschränkt wird, auch von außen wieder, sodass da ein Gefühl der Unfreiheit entsteht.

taz FUTURZWEI: Also, Friedrich Merz hat im Wahlkampf gesagt: Wenn ich Bundeskanzler bin, werde ich am ersten Tag dies und das machen. Ein normaler Kenner der liberalen Demokratie und des Parlamentarismus muss wissen, dass das so nicht funktioniert, sondern dass Checks and Balances nach 1945 dafür sorgen, dass Dinge eben nicht im Handstreich passieren.

Hartmut Rosa: Richtig, wobei das schon auch ein Problem ist. Politiker, mit denen ich spreche, haben selbst das Gefühl, dass sie extrem konstellativ gefesselt sind. Die sind an Fraktionszwänge gebunden. Dann müssen sie sich in der Regierung mit dem Koalitionspartner absprechen. Dann müssen sie sich an EU-Regeln halten. Dann müssen sie das erfüllen, was die transatlantischen Beziehungen verlangen. Da gibt es auch einen gewissen Ohnmachtssinn.

taz FUTURZWEI: Andererseits werden Politiker auch gern verdammt, wenn sie dann wirklich mal situativ handeln.

Hartmut Rosa: Ja, ich finde, dass Fragen wie das Einhalten der Schuldenbremse oder das mögliche Eingehen von Koalitionen immer auch von der Situation abhängen. Oft ist es eine Strategie, Politiker im politischen Diskurs auf Dinge konstellativ festzulegen, die dann in Folgensituationen nicht mehr passen.

taz FUTURZWEI: „Mit mir wird es das und das nicht geben …“ Und dann passiert das Gegenteil.

Hartmut Rosa: Neulich habe ich ein MDR-Interview gehört mit Katja Wolf, der BSW-Vorsitzenden in Thüringen. Da hat ein Journalist sie wirklich über Minuten mit der Frage gequält, ob das BSW zustimmte, wenn die AfD einen vernünftigen Vorschlag ins Parlament einbringen würde. Diese konstellative Verengung bringt die Frau in eine unmögliche Antwortsituation. Sagt sie Ja, lautet die Schlagzeile: BSW ist bereit, mit Rechtsextremen zusammenzuarbeiten. Sagt sie Nein, dann ist das genau das, was Menschen in den neuen Bundesländern auf die Palme bringt. Zu sagen, ich würde nicht zustimmen, nur weil der total sinnvolle Vorschlag aus der falschen Richtung kommt, ist undemokratisch. Und daran sieht man: Das politische Spiel hat sich extrem konstellativ verengt. Das zeigt sich auch daran, dass Politiker ständig Umfragen in Auftrag geben, mit welcher Gesetzesinitiative sie Zustimmung bekommen könnten. Da entsteht nicht eine Handlungsvision, die Verhältnisse zu ändern, sondern es geht darum, irgendetwas zu finden, für das man Zustimmung kriegen kann.

taz FUTURZWEI: Wir versuchen mit taz FUTURZWEI, Wohnzimmer der Gesellschaft zu schaffen: Räume aufzumachen, in denen Menschen angstfrei miteinander reden können über das, was man tun kann und wie man es tun kann.

Hartmut Rosa: Ich habe nichts dagegen, das zu tun, aber mir kommt es wirklich darauf an, Urteilskraft und Handlungsfähigkeit nicht in diskursive Sonderräume zu verschieben.

taz FUTURZWEI: Man muss erstmal eine Situation öffnen und das braucht ja Raum. Das geht nicht rein appellativ.

Hartmut Rosa: Es ist beides. Ich habe neulich im Bayerischen Rundfunk gesagt: Geht mal bei Rot über die Ampel. Dann ist der Redakteur gleich dazwischen gegangen und hat gesagt, nein, nein, liebe Kinder, geht bloß nicht bei Rot über die Ampel. Aber genau da fängt es an. Mach es mal und beobachte, wie es dein Verhältnis zur Welt ändert. Und wenn du sagst, ich gebe aus Prinzip nie einem Obdachlosen etwas, dann überleg doch mal, ob du vielleicht in dieser konkreten Situation dieser konkreten Person etwas geben willst. Und auch wenn das Formular eigentlich nicht gilt, überlege mal, ob es vielleicht Sinn macht, es genau jetzt doch zu akzeptieren.

Egal, was der Supreme Court sagt, wir machen, was wir für richtig halten.

taz FUTURZWEI: Wie verhält sich die Verengung von Spielräumen zum rechtspopulistischen Drift?

Hartmut Rosa: Es gibt die Wahrnehmung, dass Spielräume eng werden, im Denken, im Reden, aber auch in den Handlungsmöglichkeiten. Die Klage ist: Alles wird mir vorgeschrieben. Diese Wahrnehmung erzeugt den Wunsch, dass da einer kommt, der einfach wieder handelt, auch stellvertretend für einen. Brexit, „Take back control“ oder eben Trump und MAGA. Das ist es ja, was Trump und Musk machen: mit einem Handwisch alle Gesetze vom Tisch fegen. Egal, was der Supreme Court sagt, wir machen, was wir für richtig halten.

taz FUTURZWEI: Sie handeln ja nun aber nicht für die Leute, sondern für sich.

Hartmut Rosa: Sie nutzen keinen Spielraum, sie zerstören ihn. Es kommt aber noch etwas hinzu. Es kommt zu einem Affektstau, wenn ich im Alltag permanent den Regeln, Vorgaben, Protokollen und Algorithmen folgen muss. Dann muss ich meine Emotionen immer ausblenden oder sogar aktiv unterdrücken. Beispiel: Ich halte es als Bibliothekarin für Quatsch, ein Buch nur bis 12 Uhr und nicht mehr um 12.02 Uhr ausgeben zu dürfen, obwohl gerade ein Teenager vor mir steht, der zum ersten Mal eins lesen will. Aber um Punkt 12 Uhr schließt das System, ich kann gar nicht mehr ausleihen, selbst wenn ich das wollte. Ich muss ständig meine emotionale Deutung der Situation, mein Urteilsvermögen ignorieren oder sogar bekämpfen. Das führt zu Burnout auf der einen Seite und auf der anderen Seite zum Affektstau. Die Emotionen übersetzen sich nicht mehr ins Handeln. Sie intensivieren sich losgelöst von der konkreten Sache. Und dann laufe ich rum und denke, denen könnte ich allen eine reinhauen, den ganzen Idioten. So erklärt sich meiner Ansicht nach die Entstehung des Rechtspopulismus. Nicht alles daran, aber vielleicht mehr, als es auf den ersten Blick scheinen mag.

🐾 Lesen Sie weiter: Dieses Interview erschien zuerst in der taz FUTURZWEI N°37 mit dem Titelthema „Nachspielzeit“. Jetzt bestellen im taz Shop.