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Jamal Shabazz fotografiert New York. Seine Bilder, jetzt in Braunschweig zu sehen, sind geduldig, energiegeladen und bewusst mehrdeutig

Von Bettina Maria Brosowsky

Für ihn war die Fotokamera eine Waffe: gegen Armut, Rassismus, gegen alle Arten sozialer Missstände. Der Schwarze US-amerikanische Fotograf Gordon Parks (1912–2006) gilt als der Ahnherr der sozialkritischen Fotoreportage über das Alltagsleben Schwarzer in den Städten der USA. Kurz vor seinem Tode initiierte er die nach ihm benannte Stiftung, die seit 2017 jährlich verschiedene Auszeichnungen im Bereich der Fotografie vergeben kann.

2018 erhielt Jamel Shabazz, der 1960 in Brooklyn geboren wurde und noch immer in New York lebt, diese Förderung. Darauf folgte 2022 ein Publikationspreis der Stiftung für sein Buch „Albums“, erschienen beim Göttinger Verlag Gerhard Steidl, der ja gerade tragischerweise vorläufig Insolvenz anmelden musste. Man darf also Shabazz durchaus in die Tradition eines Gordon Parks stellen, selbst wenn seine fotografischen Sozialstudien anderen Schwerpunkten folgen. Denn seit fast fünf Jahrzehnten interessieren ihn weniger die nach wie vor menschenverachtenden, brutalen, teils tödlichen Diskriminierungen Schwarzer oder Latinos in den USA, sondern die energiegeladene vitale Stärke ihrer Communitys.

Sie sind es, die in diversen Sparten der Populärkultur wie Körperbewusstsein, Musik, Hip-Hop und entsprechender Performance oder Mode mitsamt Accessoires Trends setzen. Ihre Styles sickern in den Mainstream ein, werden gerne von entsprechenden Industrien aufgesogen und weltweit vermarktet. Eine Auswahl aus verschiedenen Serien und Themenkomplexen von Jamel Shabazz, in klassischem Schwarz-Weiß wie in Farbe, zeigt gerade das Museum für Photographie in Braunschweig.

Würde man ein weiteres Vorbild für Jamel Shabazz bemühen wollen, wäre es der Magnum-Fotograf Leonard Freed (1929–2006) und sein Credo: „Je mehrdeutiger eine Fotografie ist, desto besser ist sie. Andernfalls wäre sie Propaganda.“ Mit Freed, Kind jüdischer Einwanderer aus Osteuropa, kam Shabazz früh in Kontakt. Shabazz Senior, selber Fotograf, soll seinem Sohn dieses Werk nahe gebracht haben. Wie Freed bevorzugt Jamel Shabazz einen langen Atem für seine sozialdokumentarischen Porträtserien, die immer als Dialog mit den Prot­ago­nis­t:in­nen entstehen. Er spricht sie an, hat oft eines seiner Alben dabei mit handelsüblichen kleinen Abzügen, die als Ausgangsmaterial wie Dokumentation seiner ausgearbeiteten Bildfolgen fungieren.

Nähe, Geduld, Empathie machen die Qualität von Shabbazz‘ Bildkompositionen aus

So gewinnt er das nötige Vertrauen einzelner Personen oder Gruppen und ermutigt sie zum selbstbestimmten Agieren vor der Kamera. Obwohl stilistisch der Street Photography verwandt, ist die Entstehungsweise somit eine ganz andere: Sie hat nichts gemein mit deren schnellem, oft effekthascherischem, gar verstecktem Bildzugriff. Im Gegenteil: Nähe, Geduld, Empathie, fast eine Form der Liebe für sein Gegenüber machen die unübersehbare Qualität der Bildkompositionen von Shabazz aus.

Viele seiner Serien ab den 1980er Jahren haben mittlerweile zeitgeschichtliche Dimension erlangt. Heute nicht mehr akzeptiert ist die einst so selbstverständliche Nutzung des öffentlichen Raums, der Straßen und kommunalen Infrastruktur wie der Subway als Bühne der Selbstinszenierung. Der obligate, immer größer werdende Ghettoblaster fürs gemeinsame, mobile Musikhören oder die Break Dance-Performance auf der Straße, das Posen mit Auto, Moped und neuster Mode oder auch nur das Kinderspielen auf dem großstädtischen Pflaster sind weitgehend der Kommerzialisierung, Reglementierung und Überwachung des öffentlichen Lebens gewichen – aber auch einer bewusst vollzogenen Individualisierungstendenz.

In fast wehmütigem Rückblick erkennt man in den Fotos von Jamel Shabazz somit nicht nur Facetten stolzer kultureller Selbstvergewisserung spezifischer Milieus, sondern auch eine souverän gelebte Urbanität im sozialen Miteinander. Und hofft, dieser Spirit New Yorks möge trotz politischen, sozialen und ökonomischen Drucks überlebt haben. Oder besser: unter den hoffnungsvollen Vorzeichen seines neuen Bürgermeisters wieder frisch erblühen – ja nicht nur der Fotomotive wegen.

„Jamel Shabazz. New York Moves and Black Communities“. Museum für Photographie Braunschweig, bis 13. September. Ab 24. Oktober Kunsthaus Nürnberg

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