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Softwareentwickler über Linux„Nicht alle können sich einen neuen Laptop leisten“

Durch den Umstieg auf Windows 11 bleiben viele Computer auf der Strecke. Carsten Neumann kennt eine Alternative – und will andere von ihr überzeugen.

Hat vielen Nut­ze­r*in­nen Sorgenfalten auf die Stirn geschrieben: das Windows-11-Update Foto: aal.photo/IMAGO

Interview von

Johannes Strauch

taz: Herr Neumann, eine Linux-Installations-Party – gibt es da Sekt?

Carsten Neumann: Nein, aber es gibt Schokolade. Es heißt eigentlich nur Party, um die Leute anzulocken. Letztendlich geht es natürlich darum, Menschen Linux zu erklären und Linux auf ihren Laptops zu installieren.

taz: Was ist denn das Problem mit anderen Betriebssystemen wie Windows und Co.?

Neumann: Es geht um ganz viele Aspekte, zum einen um die Umwelt. Dadurch, dass Microsoft für Windows 11 höhere Hardwareanforderungen aufgerufen hat, sind viele Laptops dazu verdammt, auf dem Schrott zu landen. Mit Linux können Laptops weiterbetrieben werden. Dabei geht es auch um digitale Gerechtigkeit. Nicht alle Leute haben das Geld, sich einen neuen Laptop zu kaufen. Außerdem haben sich die Big-Tech-Konzerne Microsoft und Apple hinter Donald Trump gestellt und unterstützen dadurch seine Politik.

Bild: privat
Im Interview: Carsten Neumann

geboren 1977, ist Softwareentwickler und seit den 90ern begeisterter Linux-Nutzer. Als Teil der „End of 10“-Kampagne in Hamburg versucht er Menschen beim Umstieg auf Linux zu unterstützen.

taz: Und Linux ist die Lösung?

Neumann: Es ist eine Lösung, es ist ja aber auch keine radikale Abkehr. Im Endeffekt nutze ich weiterhin das Internet, bin weiter Teil des kapitalistischen Systems. Aber ich habe ein bisschen mehr Kontrolle, ein bisschen mehr Freiheit. Es ist ein Schritt dahin, zu sagen, ich möchte nicht, dass US-amerikanische Konzerne mir vorschreiben, wann ich mir einen neuen Rechner kaufen muss. Ich möchte das selbst entscheiden. Und wenn das Ganze sogar noch kostenlos ist, warum soll ich das nicht mal ausprobieren?

taz: Was macht Linux denn anders?

Neumann: Linux ist das weltweit größte Kollaborationsprojekt, Pro­gram­mie­re­r*in­nen arbeiten unentgeltlich zusammen am Kernel, das ist der Kern. Damit daraus ein Betriebssystem wird, muss noch jede Menge Software drumherum gebaut werden. Das nennt man dann eine Linux-Distribution. Das Tolle ist, man kann sich den Quellcode angucken und ihn für jedes System kompilieren.

Meiner Meinung nach hat die Open-Software-Community immer relativ gut auf Fehler reagiert

taz: Das heißt?

Neumann: Wenn ich beispielsweise Windows auf dem Smartphone verwenden möchte, kann ich das nicht, weil ich den Quellcode nicht habe. Bei Linux kann ich den Quellcode umschreiben, für jede Hardware, jeden Prozessor. Deswegen läuft Linux inzwischen auch auf fast jedem technischen Gerät, auch auf Fernsehern oder Kühlschränken. Android ist im Endeffekt auch ein Linux-System, das Google für seine Smartphones umgeschrieben hat. Weil es wesentlich einfacher und besser ist, als auf Microsoft zu setzen.

taz: Open-Source ist ja schön und gut. Aber funktioniert das auch?

Neumann: Im Endeffekt kann es bei Open Source natürlich auch Probleme geben. Es gibt keine fehlerfreie Software, wenn sie ein gewisses Maß an Komplexität erreicht hat. Die Frage ist ja, wie wird darauf reagiert? Meiner Meinung nach hat die Open-Software-Community immer relativ gut auf Fehler reagiert. Sie haben die Fehler aufgenommen und versucht, sie möglichst schnell zu beheben. Bei Microsoft bin ich mir da nicht so sicher.

Workshop

Die "End of 10"-Kampagne in Hamburg hilft Menschen beim Umstieg auf ein Linux-Betriebssystem. Interessierte können mit Laptop und Co. vorbeikommen, vor Ort Linux testen oder direkt installieren. Der nächste Termin ist am 22. März im Stadtteiltreff AGDAZ in Steilshoop, 15-19 Uhr, Gropiusring 43A, 22309 Hamburg. Weitere Termine im März oder April sind bereits bekannt gegeben.

taz: Das klingt für einige jetzt vielleicht trotzdem etwas nerdig. Können auch Computer-Dullies mit Linux umgehen?

Neumann: Ja! Ich muss dazu sagen, Linux war früher komplizierter zu bedienen. Dass das nur was für Nerds ist, ist ein Vorurteil. Linux ist eigentlich genauso gut und einfach zu bedienen wie Windows. Wenn man An­fän­ge­r*in ist, dann greift man zu Linux Mint. Das ist eine Linux-Distribution, die sich speziell an An­fän­ge­r*in­nen richtet. Und wer sowieso nur ein Officepaket und einen Browser verwendet, vielleicht noch ein paar Filme guckt und ein paar E-Mails verschickt, der kann eigentlich unter Linux genau dieselben Programme verwenden wie unter Windows: Firefox, Thunderbird und LibreOffice.

taz: Aber ist die Installation nicht kompliziert?

Neumann: Nein, auch nicht. Bei unseren Linux-Partys bekommt man einen USB-Stick und kann das System erstmal ausprobieren. Wenn man das dann haben möchte, dann installieren wir das zusammen. Das kann aber eigentlich auch je­de*r von zu Hause aus.

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